17:02 16 Februar 2019
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    „The Glass“ – Wenn russische Frauen Frauen lieben

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    Verbot der “Homo-Propaganda” in Russland (104)
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    Ein halbes Dutzend hipper Großstädterinnen. Sie alle stehen auf Frauen, telegen, souverän und ohne mit der Wimper zu zucken. Wäre der Schauplatz L.A. der Nullerjahre, ginge es mit ziemlicher Sicherheit um „The L-Word“. So aber geht es um „ganz gewöhnliche“ Moskauerinnen, schick ins Bild gesetzt in Russlands erster Serie über und für Lesben – und den Rest der Welt.

    Ein halbes Dutzend hipper Großstädterinnen. Sie alle stehen auf Frauen, telegen, souverän und ohne mit der Wimper zu zucken. Wäre der Schauplatz L.A. der Nullerjahre, ginge es mit ziemlicher Sicherheit um „The L-Word“. So aber geht es um „ganz gewöhnliche“ Moskauerinnen, schick ins Bild gesetzt in Russlands erster Serie über und für Lesben – und den Rest der Welt. 

    Sex, Propaganda und Indie-Pop

    „Die Zeit der Lesben (ist) gekommen. Noch nie waren (...) Frauen, die Frauen lieben, im gesellschaftlichen Mainstream so präsent, noch nie standen sie in der Lifestyle-Hierarchie so weit oben. Lesbischsein ist plötzlich ziemlich cool. Und an weiterer Propaganda wird es nicht fehlen“, kündigte die Neue Zürcher Zeitung Anfang 2006 die Deutschland-Premiere der US-Kultserie an.

    In Russland, man höre und staune, lief damals der lesbische Quotenhit schon eine Weile auf MTV – unter dem Titel „Sex in der anderen Stadt“.

    Zu einem Aufstieg der Frauen, die ihresgleichen lieben, in auch nur irgendeiner dortigen Hierarchie hat der „Propaganda“-Schub freilich nicht geführt. Lesbisch sein ist heute in Russland weniger angesagt denn je, zumindest aus der Sicht des Gesetzgebers. 

    Während die Duma akut am landesweiten Verbot der „Homo-Propaganda“ feilt, verliebt sich die Kellnerin Asja filmreif in Lilia. Beim ersten Treffen liegen sie gemeinsam im Gras und sehen die Wolken an. Schon beim zweiten Date landen sie miteinander im Bett. 

    Das Café, in dem Asja arbeitet, heißt „The Glass“ – genau wie die Serie (http://steklo-serial.ru/). Im Anspann verschwimmen zu den mitreißenden Klängen einer Petersburger Indie-Band blaue Buchstaben auf einer nassen Glasscheibe.

    Die Idee zum „ersten russischen L-Projekt“ war schon vor einigen Jahren entstanden. Dass die beiden halbstündigen Pilot-Folgen gerade zu einer Zeit auftauchen, in der ein „Backlash“ gegen Russlands Lesben und Schwule stattfindet, war laut Maria Matveeva, einer der Schöpferinnen der Serie, weder Kalkül noch Provokation. „Wir haben es vom Stapel gelassen, sobald das Produkt herzeigbar und fertig war. Wir sind keine Revolutionäre, sondern Leute, die etwas machen wollten, was die russische LGBT-Community braucht, ungeachtet der politischen Situation“, so die Szenaristin.

    Feucht-fröhliche Frauenclique

    Im „Glas“ laufen die Geschichten der acht Hauptfiguren zusammen.

    Da ist noch Lilias obsessive Ex, Kristina. Das Duo zeichnet in Filmminute eins mit ihrem Abschiedssex für die erste Erotik-Szene verantwortlich, in der Brüste zu sehen sind. Auch Sound-Guru Sascha lernen wir recht abrupt in der Horizontalen kennen. In sie verguckt sich Lilias Mitbewohnerin Wassilissa, ihrerseits noch viel weniger Kostverächterin, was das gleiche Geschlecht betrifft. Die einzige lesbische Serienheldin, die in Episode 1 und 2 der ersten Staffel noch nicht zur Sache kommt, ist die Boxerin Ljuba, die verletzungsbedingt zwangspausieren muss und mit grimmiger Miene eher lustlos ihrem Drogenproblem nachgeht. Die Besetzung rundet ein verspieltes Hetero-Paar mit den Nicknamen Cash und Beau ab – auch sie sieht man nicht in Bett-Action.

    Trotz en masse lesbischem Sex in der Großstadt wird die Umschreibung „russisches L-Word“ dem Produkt der gemeinsamen Arbeit mit den Regisseurinnen Maria Al-Qais und Evgenia Maximova und dem Rest des zehnköpfigen Dreh-Team aus enthusiastischen Freiwilligen nicht gerecht, so Matveeva. „Ja, wir kleiden die Narration in ein Serien-Format, ja, die handelnden Personen sind Lesben“, erklärt sie. „,The Glass’ hat aber ein eigenes Sujet, eigene Helden. (…) Die Serie spiegelt die russische Wirklichkeit wider.“

    Pekuniär prekär

    „Einen Film ohne Geld zu drehen, wenn du mit niemand einen Vertrag hast und alle jeden Moment den Dreh abbrechen können, die Stadt verlassen, die Haare schneiden oder sich das Gesicht tätowieren – das ist sehr schwer“, beschreibt Al-Qais, die übrigens auch eine der Rollen in der Serie übernommen hat, in einem Q&A für das neue russische L-Magazin „Agens“ die Herausforderungen bei der Entstehung von „The Glass“. Der schwerste Moment für die Serie kommt ihr zufolge aber erst jetzt. „Die Frage ist, ob wir Gelder auftreiben können, um das Projekt fortzusetzen.“

    In der „Glass“-Gruppe in Russlands Facebook-Konkurrent VKontakte wird allabendlich der Stand des Spendenkontos für die weiteren Dreharbeiten erneuert. Kurz nach der Premiere am 25. Mai fanden sich dort knapp 20 Euro, mittlerweile sind es immerhin schon 250.

    Neben dem Kontostand gibt es in der Gruppe die fertigen Folgen zu sehen (an den englischen Untertiteln wird gearbeitet), ausgewählte Songs aus dem vielgelobten Soundtrack zu hören und Gossip, Gossip, Gossip.

    Ein Blick ins Internet outet die lesbischen Kreise als ein sehr anspruchsvolles Publikum. Dass die Serie mit Sexszenen gespickt ist, finden einige per se anstößig. Und wie sie es tun, ist es natürlich auch hinten und vorne verkehrt. Zu wild, zu freizügig finden die einen, zu wenig Haut, zu wenig hart die anderen.

    Schöner stehlen

    Katja gefällt, wie die Serie gemacht ist. „The Glass“ ist besser als die britische Lesben-Serie „Lip Service“, sagt sie. Inhaltlich hat sie jedoch Einwände – vor allem, was Ähnlichkeiten zu fiktiv bereits existierenden Figuren angeht: „Sascha ist Shane aus ‚L-Word“. Asja ist Tess Roberts aus ‚Lip Service‘. Kurz gesagt: Auch im Osten nichts Neues. Und warum müssen Lesben in Film und Fernsehen immer so viele Probleme haben?“

    Auch Dmitri hat sich die Lesben-Serie angesehen. Für eine russische Produktion kann sich das Ergebnis seiner Ansicht nach durchaus sehen lassen. Dafür bringen ihn die „unverschämten“ Filmzitate noch ins Grab. „Gleich am Anfang haben sie meine Lieblingsstelle aus ‚Paris, je t’aime‘ mit Natalie Portman geklaut“, meint er Haare raufend. „Und das Pärchen ist aus ‚Liebe mich, wenn du dich traust‘. Ein absoluter Kultfilm, also Geschmack haben sie.“

    Strafe und Schluss?

    Der Moskauer ist gespannt auf die nächsten Folgen – nicht zuletzt wegen Sascha, die er gut findet. Mit ihrer Hilfe möchte er „hochwissenschaftlich“ testen, ob sich die gefürchtete Homo-Propaganda-Wirkung über Film entfaltet und er wie „Lisa“ aus der ersten Staffel von „L-Word“ beginnt, sich als Mann lesbisch zu fühlen.

    Wer „The Glass“ einschaltet, sieht als allererstes die Aufschrift „21+“ über den Bildschirm flackern. Wenn in Kürze auf „Propaganda von Homosexualität unter Minderjährigen“ in ganz Russland Strafen stehen, wird diese Aufschrift allein womöglich nicht ausreichen, um den Mühlen des Gesetzes zu entrinnen. Für Russlands erstes L-Projekt könnte das das Ende bedeuten.   

    Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

     

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