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    Jesus Christ supergroß: Russland tritt in Statuen-Wettstreit

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    Surab Zereteli, der Lieblingsbildhauer des ehemaligen Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow und Urheber des meistgehassten Denkmals der Stadt, will Russland die höchste Christus-Statue der Welt bescheren. Das prächtige Stück soll unter Umständen die Olympia-Metropole Sotschi zieren.

    Er ist ein Star in Russlands Kunstszene, seine Liebe zum Monumentalen ist nicht zu übersehen. Surab Zereteli, der Lieblingsbildhauer des ehemaligen Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow und Urheber des meistgehassten Denkmals der Stadt, will Russland die höchste Christus-Statue der Welt bescheren. Das prächtige Stück soll unter Umständen die Olympia-Metropole Sotschi zieren.

    Mut zur Megalomanie

    Der Meister mag es massiv. Auf einer eigens aufgeschütteten Insel in der Moskwa steht Gulliver in einer Nussschale. Nein, es ist Peter der Große. Mit rund 96 Metern Gesamthöhe ist das Monument größer als die Freiheitsstatue. Ein Rekord, der die meisten Moskauer dennoch nicht mit Stolz erfüllt: Laut Umfragen ist das 1997 errichtete „Denkmal zur Feier des 300. Jahrestages der russischen Marine“ die Sehenswürdigkeit, die die Bürger der Metropole am liebsten loswerden wollen.

    Eine weitere Skulptur aus Zertelis Werkstätte, der „Märchenbaum“ im Zoo der russischen Hauptstadt, verwirrt mit Krokodilen und Elefanten im Geäst Groß und Klein. Auf dem Poklonnaja-Berg unweit des Siegesmuseums baumelt Göttin Nike recht unsportlich von der Spitze einer fast 150 Meter hohen Stele. Der Volksmund hat dem Artefakt des Präsidenten der russischen Kunstakademie den Kosenamen „Kakerlake auf der Nadel“ verpasst. Und die „Träne der Trauer“ – ein glänzender Tropfen in einem Mauerriss, als Geschenk an das amerikanische Volk und Beitrag zum Gedenken an die Opfer von 9/11 gedacht – lehnten im Jahr 2006 sowohl New York als auch New Jersey dankend ab.

    © RIA Novosti . Anton Denisov
    Denkmal für Peter I. In Moskau

    Jetzt ist es wieder das russische Volk, das mit einer gar nicht kleinen Aufmerksamkeit des aus Georgien stammenden Künstlers mit Hang zum Sozrealismus bedacht werden soll.

    Mit Jesus von Nazareth, den er bereits auf eigene Kosten in Sankt Petersburg in Bronze gegossen hat, will der Maestro sein Schaffen zur religiösen Thematik krönen. Der ehemalige Patriarch Alexi II habe dem Projekt bereits vor Jahrzehnten seinen Segen gegeben. „Wie könnte man ohne dies ein solches Vorhaben beginnen?“, so der Bildhauer im Gespräch mit den Moskauer „Metronews“.

    (Groß) Dabeisein ist alles

    Pünktlich zu den Winterspielen in Sotschi – dem Schöpfer des Kunstwerks zufolge wird die Montage in drei bis vier Monaten abgeschlossen sein – steigt Russland damit auf etwas kuriose Art und Weise in den ohnehin bizarr anmutenden Wettstreit um die weltgrößte Christus-Statue ein.

    Kuriosum Nummer eins: Just aus der künftigen Olympia-Schwarzmeerstadt will der vom ehemaligen Moskauer Bürgermeister als „Michelangelo der Gegenwart“ gelobte Skulpteur ein „Angebot“ bekommen haben, das er noch abwägen müsse. In der Stadtverwaltung von Sotschi weiß man jedoch bisher noch nichts von den Plänen, eine überdimensionale Jesus-Skulptur aufzustellen, gab eine Sprecherin des Pressedienstes dem Gratisblatt zu verstehen.

    Kuriosum Nummer zwei: In den russischen Medien ist man sich uneins, ob Zeretelis Kunstwerk nun die höchste Christus-Statue der Welt, Europas oder doch nur Russlands werden soll.

    © RIA Novosti . Aleksander Tschumitschev
    „Träne der Trauer“ von Surab Zereteli

    Nach den Worten des Bildhauers selbst wird seine Plastik mit 33 Metern Höhe („so alt, wie Jesus Christus wurde“) die bisher größte Christus-Statue Europas, den portugiesischen „Cristo Rei“ (Christus, der König), um ganze fünf Meter übertreffen. Da tatsächlich nirgendwo außerhalb Europas ein höheres Jesus-Denkmal als die 1959 errichtete Skulptur steht, titelt die Moskauer U-Bahn-Zeitung folgerichtig, dass in Russland bald die größte Christus-Statue der Welt in den Himmel emporragen wird. Dennoch ist Zeretelis „Christ der Glaubenslehrer“ weder Europa- noch Weltrekord. Bei genauerer Betrachtung muss die für Russland bestimmte Riesen-Plastik klein beigeben, noch bevor sie richtig Größe zeigen kann.

    Wer hat den größten?

    Beim Maßnehmen hat der 79-jährige Künstler ein wenig gemogelt: Die Jesus-Figur des „Cristo Rei“ ist zwar tatsächlich „nur“ 28 Meter hoch, der 75 Meter hohe Sockel macht aber den kleinen Unterschied – und das Monument zur größten Statue überhaupt, die keine buddhistische Gottheit darstellt.

    © RIA Novosti . Walerii Schustov
    „Märchenbaum“ von Surab Zereteli

    Das mit Reliefs verzierte Postament für den Zereteli-Christus misst vergleichsweise mickrige 50 Meter, überragt damit aber Polens größten Jesus – jedoch nur nach der Höhe des Sockels und Gesamtgröße der Komposition. Geht es lediglich um den Bronzeguss, wie die Messung des Bildhauermeisters nahelegt, hat „Christus, König des Universums“, der im November 2010 in Swiebodzin eingeweiht wurde, mit seinen 36 Metern (52 inklusive Podest) die Nase vorn.

    Um aus dieser Rechnung als Europa-Sieger hervorzugehen, braucht es mehr als göttliche Fügung. Außerdem ist ein noch größeres Monument im kroatischen Split in Planung. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Herrn aus Zeretelis Meißel scheint garantiert.

    Nach Gesamthöhe der zum heutigen Zeitpunkt fertiggestellten Jesus-Statuen ist der Europameister übrigens gleichzeitig auch Weltmeister. Außerhalb von Europa steht auf dem Corcovado über Rio de Janeiro seit 1931 der berühmte „Cristo Redentor“ (Christus der Erlöser, an die 40 Meter hoch). Auch in Mexiko und Bolivien gibt es ähnlich hohe Jesus-Skulpturen, jedoch jüngeren Datums. Ein 80-Meter-Christus in einem Freizeitpark in Kolumbien soll sie jedoch in nächster Zukunft alle toppen.

    © RIA Novosti . Wladimir Fedorencko
    Denkmal mit der Göttin Nike an der Sieges-Gedenkstätte auf dem Moskauer Poklonnaja-Hügel

    Ein Titel, den dem neuesten XXL-Kunstwerk von Surab Zereteli außer ihm selbst so bald niemand streitig machen dürfte, ist der der größten Bronzestatue Russlands, die Jesus darstellt. „Seine Arme sind dem Volk entgegengestreckt“, so der Bildhauer. Ob das das russische Volk mit seinen laut Meinungsumfragen fast 50 Prozent Anhängern des Christentums (42 Prozent davon bezeichnen sich als orthodoxe Gläubige) den „Glaubenslehrer“ mit ebenso offenen Armen empfangen wird?

    Der riesige Retter kostet dabei Russland – und anders als etwa in Polen auch die Kirche – keine Kopeke. „Ich bin kein Sünder, um für Christus Geld zu verlangen“, betonte der Künstler. „Jeder schöpferische Mensch sollte etwas gratis für Russland tun.“

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