07:01 17 Dezember 2017
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    Heilige oder Hure?

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    Wer schreibt heutzutage noch Briefe? Slavoj Žižek und die vierzig Jahre jüngere Pussy-Riot-Gefangene Nadeschda Tolokonnikowa – jetzt ist es öffentlich – tun es, schon seit Anfang des Jahres.

     

    Wer schreibt heutzutage noch Briefe? Slavoj Žižek und die vierzig Jahre jüngere Pussy-Riot-Gefangene Nadeschda Tolokonnikowa – jetzt ist es öffentlich – tun es, schon seit Anfang des Jahres. 

    „Du bist das eingekerkerte kritische Bewusstsein der Menschheit“, schreibt der Popstar unter den Kapitalismus-Kritikern dem Popstar unter den Putin-Kritikern. Wochenlang hört er nichts von ihr. Der slowenische Philosoph schlurft unrasiert im Schlafrock auf und ab und fragt sich, ob sein Kompliment vielleicht gar zu dick aufgetragen war. Er macht sich Sorgen. 

    In Wahrheit war aber die russische Post schuld – oder die Zensur oder beides. Als Slavoj schon an nichts mehr glauben will, flattert ihm das erlösende Kuvert in den Briefkasten. Sie habe von ihm geträumt, gesteht die Schöne und gibt irgendwelchen feministisch-philosophischen Schnickschnack von sich.

    Jetzt liegt der Ball wieder bei dem linken Denker. Sicherheitshalber wartet er ca. genauso lang, wie sie ihn hat warten lassen, bevor er antwortet. „Tief geehrt, sogar geschmeichelt“ sei er gewesen über seinen Auftritt in ihrem Traum. Dann geht er auf ihren Schnickschnack ein. Am Schluss lässt er es sich aber nicht nehmen: „In Liebe, Respekt und Bewunderung, meine Gedanken sind bei Dir!“ (Dein) Slavoj.

    Sie antwortet sofort – in hastigen, unbedachten Worten. In einem weiteren Schreiben versucht Nadja zu relativieren, zu erklären. Die Abstände zwischen den Briefen werden wieder größer, bis – ihr letzter Brief datiert ausgerechnet vom 13. Juli – Slavoj nur mehr schweigt. „Ich kann Deine Antwort kaum erwarten. Deine Nadja“, waren die letzten Worte des Mädchens an den alten Mann, bevor sie in den „Gulag“ nach Sibirien abtransportiert wird. 

    OK, Spaß beiseite. 

    Wie Interessierten bestimmt nicht entgangen ist, hat das „Philosophie Magazin“  unlängst den Briefwechsel zwischen Slavoj Žižek und  Nadeschda Tolokonnikowa veröffentlicht. SPON-Kolumnist Georg Diez scheint sich in seinem diesbezüglichen Kommentar kaum einzukriegen vor Huldigung. Im Bann der Stimme des Gewissens – so schön, so klar – ist Tolokonnikowa für ihn offenbar im Ernst „die Heiligenfigur des 21. Jahrhunderts“. Aus den Kommentaren darunter klingt hingegen eine gewisse Immunität gegen den Loreley-Zauber durch. Einige Leser – nicht ohne Hinweis auf eine Performance in einem russischen Museum – siedeln die Pussy-Riot-Aktivistin in der klassischen Madonna/Hure-Dichotomie lieber im zweiten Extrem an. 

    Iris Radisch beginnt ihren „Zeit“-Artikel über die Annäherung zwischen Žižek und Tolokonnikowa indes mit einer seltsamen Phantasie. Nadja im Käfig und all die Uniformierten sind für sie „Bilder, wie man sie aus der Pornoindustrie zu kennen glaubt“. Was man danach inhaltlich über den  bombastischen philosophischen Diskurs erfährt, ist reichlich dünne Gefängnissuppe.  

    Aber genau die scheinen die Konsumenten löffeln zu wollen. Was die Schöne im Frauenknast zu sagen hat, ist Randprogramm. Was „zieht“, ist der elegant platzierte „Doppelgulag“, ein wenig romantische Verklärung – und diese Lippen! Krasnojarsk, Wolken, 5 Grad – Nadjas Frisur hält.