08:13 14 November 2018
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    Galaktischer als Gagarin: Mit der Big-Brother-Rakete zum Mars

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    Wenn jeder Erdenbürger zu Weihnachten nur eine einzige Mars-One-Tasse verschenkt hätte, wären Bas Lansdorp und Vladislav Stroganov ihrem Traum schon ein ganzes Stück näher: Der niederländische Unternehmer schickt im Jahr 2024 die ersten Menschen zum Mars. Vlad will mit dabei sein. Um jeden Preis.

    „Sei unbesorgt, so nah sind mir die Sterne

    Mein Abschied darf dich nicht verdrießen.

    Ein Eid zieht uns in unbekannte Ferne:

    Auf dem Mars werden Apfelbäume sprießen!“

    Kosmonauten-Lied aus dem sowjetischen Science-Fiction-Klassiker „Begegnung im All“ (1963)

     

    Ein kleiner Griff ins Portemonnaie, ein großer Schritt für die Menschheit. Wenn jeder Erdenbürger zu Weihnachten nur eine einzige Mars-One-Tasse verschenkt hätte, wären Bas Lansdorp und Vladislav Stroganov ihrem Traum schon ein ganzes Stück näher: Der niederländische Unternehmer schickt im Jahr 2024 die ersten Menschen zum Mars. Vlad will mit dabei sein. Um jeden Preis.

    Anfang der 60er-Jahre, nach Juri Gagarins Aufbruch ins All, hatte der Kosmonauten-Kult die sowjetischen Kinderzimmer fest im Griff. Der Traum von den unendlichen Weiten ist auch mehr als 50 Jahre später noch aktuell, meint einer, dem es damit besonders ernst ist. „Wenn ich groß bin, fliege ich zu den Sternen“, war für den aussichtsreichen russischen Mars-One-Kandidaten schon früh klar. Er ist einer der 202.586 Weltraum-Fans aus 140 Ländern, die sich für die erste bemannte Mars-Mission gemeldet haben.

    Einmal zum Mars und nie mehr zurück

    Im Sommer 2012 war er zufällig im Internet auf das Projekt gestoßen und wusste sofort – das ist es: Die geplante Kolonie auf dem Mars ist für ihn die größte Herausforderung der Menschheit. Der Kindheitstraum des 23-Jährigen, der an der TU Dresden Chemie studiert, liegt dieser Tage in den Händen einer Experten-Jury. 

    „Wir sollten bis Ende des Jahres erfahren, ob wir es in die nächste Runde geschafft haben. Wenn es ihnen bei dieser Menge an Freiwilligen gelingt, im Zeitplan zu bleiben“, sinniert der sympathische junge Mann. „Die Hälfte fällt sowieso weg, wenn die sich mal klar werden, worauf sie sich einlassen“, ist der angehende Doktor überzeugt. „Nicht aber ich. Ich gehe bis zum Ende.“

    Worauf man sich „einlässt“, ist der umstrittenste Punkt des Projekts – Mars One ist ein Flug ohne Wiederkehr. Der bewusste Verzicht auf die teuren und noch nicht entwickelten Rückkehr-Technologien macht das Projekt zeitlich absehbar und mit veranschlagten 6 Mrd. US-Dollar für ein Raumfahrt-Vorhaben finanziell höchst attraktiv. Wie der junge Chemiker selbst betont, kann unter diesen Umständen nur eine private Stiftung arbeiten. „Kein Staat der Welt würde Leute ins All schicken, ohne sie zurückzuholen.“

    Dieses „Ende“ ist für Vlad jedoch nur ein neuer Anfang – und eine Herausforderung: „Was macht es für einen Unterschied, ob man hier lebt oder dort?“ Dass man auf dem Mars leben kann, ist für ihn keine Frage. „Vor der Strahlung kann man sich leicht schützen. Es gibt Wasser, nicht in flüssiger Form, aber mit Sonnenenergie kann man es gewinnen. Essen kann man anbauen. Es gibt ein Magnetfeld und eine eigene, dünne Atmosphäre.“ Bevor die Menschen ankommen, erledigen zudem nach bisherigen Vorstellungen Roboter vor Ort schon einiges an Aufbauarbeiten. „Nahrung, Reserven und Wohnmodule werden bereits dort sein. Für die erste Zeit ist ausgesorgt. Danach kommt regelmäßig Nachschub – vorausgesetzt das Geld reicht.“ Bedenken, dass es gefährlich werden könnte, schlägt Stroganov in den Wind. „Ein Risiko gibt es immer, das kann man nur verringern. Dafür ist noch genügend Zeit“, meint er.

    Spaciger Suizid?

    „Blanker Irrsinn“ lautet hingegen das Fazit vieler Weltraum-Experten. Die Liste der technischen Mängel, die Alexander Iljin, Mitarbeiter des Journals „Nachrichten aus der Kosmonautik“, nach dem Besuch des Mars-One-CEO in Moskau Anfang Dezember in Gruppe mit dem Emblem der Stiftung im „russischen Facebook“ vk.com postet, ist schier endlos. Was Bas Lansdorp den Menschen anbiete, sei „der Tod in einer für Leben ungeeigneten Wüste“, so der Skeptiker.

    Anderer Ansicht sind hingegen professionelle Raumflieger. Der Flug der Amateur-Astronauten und die anschließende Besiedlung des Roten Planeten sind in ihren Augen durchaus machbar. „Ein bewohnbarer Stützpunkt auf dem Mars ist ein realistisches Projekt. Die erfolgreiche Landung des US-Mars-Rovers Curiosity, bei der ein völlig neuartiges Landesystem erprobt wurde, beweist dies“, führt die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos auf ihrer Website die Antwort der Crew der 32. bzw. 33. ISS-Mission auf eine Frage zu den Perspektiven von Mars One an. Die Teilnahme an einem Raumfahrtprogramm, das die Phase der Rückkehr zur Erde nicht vorsieht, sei jedoch für niemand von ihnen eine Überlegung wert, hieß es von der internationalen Raumstation. „Leute mit derartigen Gedanken kommen nicht einmal in die nähere Auswahl zur Astronautenausbildung.“

     

     

    Auf zum Big-Brother-Planeten

    Vladislav macht das alles gar nichts aus. Auch was die Ausbildung angeht, vertraut er ganz der Stiftung. „Wenn ich weiterkomme, bin ich mit allem einverstanden, was zu tun ist. Wo immer die Trainings stattfinden, fahre ich hin.“ An den ernsthaften Absichten der Mars-One-Verantwortlichen besteht für ihn kein Zweifel. Umso mehr, als Bas Lansdorp vor kurzem mit der „tollen Nachricht“ über einen Vertrag mit der renommierten US-Firma Lockheed Martin aufwarten konnte.

    Mehr als die Reise zu dem 228 Millionen Kilometer entfernten fremden Planeten, von dem er nie wieder zurückkehren könnte, schreckt den „Marsmenschen“, die Space-Mission zu verpassen. „Wenn ich nicht mit Mars One fliege, fliege ich selber“, sagt er mit einem spitzbübischen Grinsen. „Aber das ist bis jetzt nur eine Idee.“

    Dass nach der anstehenden Entscheidung alle weiteren Schritte der Kandidaten wie bei einer Reality -Show mitverfolgt werden sollen, ist für ihn auch kein Problem: „Wir machen das alles freiwillig. Der Flug zum Mars für immer ist für mich nichts Schlimmes. Genauso wenig wie die TV-Übertragung. So sehen andere Leute auch, dass da nichts Schlimmes dabei ist.“ 

    Kolumbus des Kosmos

    Wenn er vom Mars erzählt, funkeln die Augen des jungen Wissenschaftlers beinahe verträumt. „In der ganzen Geschichte der Menschheit haben Schwierigkeiten die Menschen zu neuen Entdeckungen, Forschungen und Errungenschaften geführt. Denken Sie nur an die Entdeckung Amerikas…“ Von Kolumbus ist es nicht weit zu Gagarin. Dieser war exakt 109 Minuten im All. Bei ihm wären es nun rund sieben Monate – und dann das ganze Leben. „Die Sache ist es wert“, sagt Vlad mit einem breiten Lächeln.

    Klar geht es auch um Ruhm – aber nicht nur. Wenn die Mission Erfolg hat und die Menschen den Roten Planeten besiedeln, wird der wissenschaftliche Fortschritt mit Riesenschritten vorangehen, ist der PhD-Student überzeugt. „Auf dem Mars werden neue Technologien entwickelt, die auch auf der Erde Gedeihen und Frieden bringen“, meint er. 

    See you on Mars!

    Wer kann, soll Mars One finanziell unterstützen, ist sein Aufruf. „Die ganze Welt hat die Möglichkeit, diese Mission zu finanzieren. Es müssen nur mehr Leute davon erfahren, mehr Leute daran glauben, dann klappt alles.“ Die Sterne scheinen dabei ganz auf seiner Seite zu sein: Laut Horoskop steht der Mars in seinem Quadrat: „Im neuen Jahr geht es hoch hinaus. Vertrauen Sie Ihrem Gespür.“

    Der Mars-One-Mastermind aus den Niederlanden hat dazu noch eine gute Nachricht für den Moskauer und die restlichen 202.585: Ein einflussreicher Sponsor sei bereits gefunden, ließ er unlängst wissen. Er selbst würde auch gern zum Mars fliegen, verriet Lansdorp in einem Interview. „Aber für eine der ersten Crews bin ich bestimmt nicht das richtige Material.“ 

    „Ich schon”, würde Vlad ihm selbstbewusst entgegnen. Mit etwas Glück darf er bald aller Welt zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt ist. „See you on Mars!“, würde er sagen, wenn sein Traum wahr wird. Und dort auf Bas warten. Unter einem Apfelbaum.

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