02:13 14 November 2018
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    Dmitri Kisseljow: „Das Verhalten des Westens grenzt an Schizophrenie“

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    Dmitri Kisseljow, Generaldirektor der internationalen Nachrichtenagentur „Rossija Segodnja“ („Russland heute“) und Autor sowie Moderator der TV-Sendung „Nachrichten der Woche“ ist der einzige Journalist in der Welt, auf den sich politische Sanktionen beziehen.

    Dmitri Kisseljow, Generaldirektor der internationalen Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“ („Russland heute“) und Autor sowie Moderator der TV-Sendung „Nachrichten der Woche“ ist der einzige Journalist in der Welt, auf den sich politische Sanktionen beziehen.

    Die Europäische Union hat den bekannten Fernsehmoderator auf die Liste der Russen gesetzt, gegen die ein Einreiseverbot die EU ein Einreiseverbot verhängt hat und deren Immobilienbesitz und Konten in der EU eingefroren werden. Das Weltkomitee für Pressefreiheit, eine der führenden Organisationen für die Rechte der Journalisten, nimmt den Journalisten Dmitri Kisseljow, der unter die Sanktionen der Europäischen Union fällt, in Schutz. Aber, wie Dmitri Kisseljow der Zeitung „Iswestija“ selbst erzählt hat, bedeutet die Einführung von Sanktionen gegen ihn nicht die Einschränkung der Freiheit eines einzelnen Journalisten, sondern der ganzen Journalistik der Welt. In der modernen Geschichte, erklärt der Leiter der internationalen Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“ („Russland heute“), haben Russland und der Westen die Rollen getauscht. Jetzt ist unser Land der Hauptverteidiger der demokratischen Prinzipien und der Freiheit.

    Sie sind der einzige Journalist, auf den sich die Sanktionen erstrecken. Man kann sagen, Sie sind der Juri Gagarin der modernen Journalistik. Haben Sie das erwartet?

    „Das betrifft alle Journalisten. Zum ersten Mal, wenn ich mich recht erinnere, sind Sanktionen im internationalen Ausmaß gegen einen Journalisten verhängt worden. Ich bin nur der Journalist X. Dabei war Europa der Initiator der Sanktionen, und das zeugt von einer offenkundigen Missachtung der Werte des freien Wortes durch die Beamten der Europäischen Union. Es wird ein sehr unangenehmer und gefährlicher Präzedenzfall geschaffen — faktisch ein Verrat an den europäischen Werten. Wenn dieser Präzedenzfall legalisiert werden sollte, wenn die journalistische Gemeinschaft — die europäische wie auch die amerikanische und die eines jeden beliebigen anderen Landes — nicht darauf reagiert und dem keine Bewertung gibt, dann würde das bedeuten, dass die Journalisten so etwas für rechtmäßig halten. Das ist eine kardinale zivilisatorische Kehrtwendung — wir brauchen die Freiheit des Wortes nicht und sie ist von jetzt an kein Wert mehr. Mehr noch: Die Position der Europäischen Union wird nicht nur durch die Entscheidung der europäischen Bürokratie bekräftigt, sondern auch durch den Beschluss des norwegischen Storting.“

    Vielleicht hat sie die Äußerung über Schwule verletzt — „die Herzen von bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen Homosexuellen sollen verbrannt oder vergraben werden“?

    „Das ist ein voller Verrat an der Freiheit des Wortes. Was die Schwulen betrifft, so ist meine Position hier klar. Die Gay-Kultur hat ein Existenzrecht in Russland, und es gibt sie de facto. Aber das ist die Kultur einer Minderheit, und so wird es bleiben, weil die Kultur einer Minderheit nicht der Mehrheit aufgezwungen werden darf, umso mehr mit Gewalt, propagandistisch. Ich bin nicht der Meinung, dass eine nichttraditionelle sexuelle Orientierung eine Krankheit ist. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass sie die physiologische Norm überschreitet, aber ich bin davon überzeugt, dass sie die Grenzen der sozialen Norm übertritt. Jedes Land hat das Recht auf eine soziale Norm. Bei uns ist die soziale Norm die Familie. Der russische Staat ist auch deshalb dazu verpflichtet, unsere soziale Norm zu unterstützen, weil sie für ihn lebensnotwendig ist. Die Familie bedeutet die Geburt von Kindern. Und wir sind in einer demografischen Krise. Die Gay-Kultur bei uns zu unterstützen, käme einer Selbstliquidierung gleich. Man schlägt uns das vor. Aber wir sind ja nicht verpflichtet, uns damit einverstanden zu erklären, nicht wahr?“

    Sie haben Schwule als Bekannte. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihnen?

    „Ich habe auch schwule Kollegen. Überwiegend sind das ruhige und stille Menschen, die im Schatten bleiben wollen. Sie gehen mit ihrer Einstellung nicht hausieren. Ich bin noch nie mit Abneigung seitens Schwuler mir gegenüber konfrontiert wurden. Ich bin ja auch kein Schwulenhasser. Dem Westen gefällt ganz einfach ein Russland nicht, das sich in der Aufwärtsbewegung befindet. Da liegt die Wahrheit. Wir sind im Aufwärtstrend, auch wenn die Wirtschaft bei uns jetzt nicht so überzeugend ist, wie wir das gerne hätten. Aber die Ökonomie verläuft in Zyklen. Nach einem Abfall kommt immer ein Aufstieg. Aber wenn es eine solche Fernsehsendung gibt, die Russlands Aufwärtstrend unterstützt und hilft, sich von den Wunden des 20. Jahrhunderts zu befreien, legt der Westen ihrem Autor Sanktionen auf. Und sie sagen noch, Kisseljow sei ein Schwulenhasser, ein Antisemit und ruft dazu auf, Amerika abzufackeln, und so weiter. Irgendwie ist das alles nicht sehr schön.“

    Und wer lässt jetzt Ihrer Meinung nach den Eisernen Vorhang herab? Welche von beiden Seiten?

    „Wir haben die Rollen getauscht. Russland ist für die Freiheit des Wortes, der Westen schon nicht mehr. Es hat eine tektonische Verschiebung gegeben, eine zivilisatorische. In Russland kann man alles sagen, was man will; es gibt verschiedene Fernsehsender, das Internet wird nicht blockiert, die Radiostationen und Zeitungen decken die gesamte Bandbreite ab. Es gibt kein einziges verbotenes literarisches Werk. Es wird alles gedruckt. Verboten ist nur das, was die Verfassung direkt untersagt. Dabei bewahrt der russische Mensch eine kolossale Spanne — ein Abgrund unten und ein Abgrund oben. Manche haben selbst das Wort „Patriotismus“ zu einem Schimpfwort gemacht. Xenia Larina von „Echo Moskaus“ sagt zum Beispiel, dass ihr beim Wort Patriotismus „Würmer und Kirschkerne hochkommen“. Und keiner grenzt sie irgendwie ein. Natürlich, Xenia, reden Sie weiter. Die EU, die den einen Sanktionen auferlegt und die anderen fördert, indem sie zum Beispiel Tolokonnikowa und Aljochina, die auch die Ausweitung der Sanktionsliste verlangen, im Europaparlament empfängt, zeigt, wen Europa fördert und wen es nicht fördert. Gotteslästerliche Tänze in der Hauptkathedrale Russlands sind für Tolokonnikowa und Aljochina wunderbar und nötig, aber die Freiheit des Wortes für den Journalisten Dmitri Kisseljow persönlich und für die äußerst wichtige Informations- und Analysesendung, die so beliebt bei den Leuten ist – das ist schlecht und darf nicht sein. „Es kommen Würmer hoch“ – wunderbar, aber wenn unsere Korrespondenten und Reporter, die sehen, was in Kiew abläuft, vom ukrainischen Faschismus erzählen — dann ist das schlecht. Daraus ergibt sich eine verblüffende Wertekonstruktion. Übrigens ist Russland auch diese von Nutzen. Wir sehen ganz deutlich, wer wer ist und wofür.“

    Das russische Außenministerium hat erklärt, es sehe kein Einreiseverbot für westliche Journalisten vor. Das heißt, wir antworten nicht mit gleicher Münze.

    „Natürlich steht Russland moralisch höher. Wir haben schon Zeiten durchgemacht, als die Freiheit des Wortes in der UdSSR verletzt wurde. Zum Beispiel in der Stalinzeit. Wir haben die Zeiten des Eisernen Vorhanges durchgemacht. Jetzt, wie seltsam es auch ist, tauschen wir die Rollen. Russland ist einfach eine Leuchte der Freiheit des Wortes. Irgendwer wird lachen, wie Xenia Larina, aber sie macht das frei live im Fernsehen, ohne Angst vor Sanktionen seitens Russlands oder der EU haben zu müssen. Weil man sich bei uns live in einer Sendung faktisch ohne Einschränkungen der Freiheit des Wortes bedienen und sie sogar missbrauchen kann, auch gegen den Staat und das Vaterland. Deshalb wirken die Sanktionen der Europäischen Union reell nicht gegen mich oder irgendwen sonst in Russland, sondern gegen die europäischen Werte in Europa selbst. Die Europäische Union verkündet damit, dass die Freiheit des Wortes von nun an für sie kein Wert mehr ist. Darum geht es.“

    Haben Sie schon eine Strategie für „Rossiya Segodnya“ („Russland heute“) erarbeitet? Der Kreml hat ja mit der amerikanischen PR-Firma Ketchum zusammengearbeitet. Ist es Ihrer Meinung nach annehmbar, dass für die Propaganda Russlands westliche Spezialisten zuständig waren?

    „Ich weiß nicht, ob es jetzt einen Vertrag gibt oder nicht. Aber sagen wir mal, es gibt ihn. Erstens kann ich die Effektivität dieses Vertrages nicht einschätzen, aber nehmen wir mal an, er ist effektiv. Die Welt ist global, und Russland darf sich nicht selbst isolieren. Wir sind ja nicht für Autarkismus, oder? Viele ausländische Journalisten sind bei russischen Kanälen tätig. Sie verstehen, dass die Dominanz der sogenannten angloamerikanischen Sichtweise auf dem Informationsfeld für ihre Länder verderblich ist. Es werden offensichtlich totalitäre Staaten entstehen, wenn es kein Gegengewicht in der Person Russlands gibt, das eine alternative Sichtweise präsentiert.

    Ich habe Kollegen, die 25 Jahre bei der BBC gearbeitet haben und uns jetzt um Arbeit bitten; die sagen, sie können diesen ganzen antirussischen Blödsinn nicht mehr ertragen, diesen Hass, diese Zensur. Man ruft mich aus Paris an und erzählt, dass es in Frankreich eine Stopp-Liste für Leute gibt, die nicht ins Fernsehen gelassen werden dürfen, obwohl sie früher oft auf den Bildschirmen zu sehen waren und Kulturdominanten Frankreichs gewesen sind.“

    Und Sie können sie zeigen?

    „Ohne Frage. Westliche Journalisten sagen mir dagegen ganz ehrlich, dass sie eine richtige Zensur haben. Also ist das normal, dass Leute in Russland arbeiten wollen — sie sehen in ihm eine gewisse Alternative, eine nicht nur atomare, sondern auch eine Informations-Balance und -Parität. Auf diese Weise verteidigen sie ihre Freiheit. Sich völlig auf die eigenen Kräfte zu stützen und sich abzuschotten, ist nicht besonders effektiv. Und Russland strebt auch nicht danach. Wir sind ein offenes Land. Russland erklärt zum Beispiel, wir seien gleich morgen bereit, die Visa mit der Europäischen Union abzuschaffen, aber die EU ist dazu nicht bereit. Wir haben die Rollen getauscht. Früher gab es in der Sowjetunion Ausreisevisa — damals hat die UdSSR sich abgeriegelt, aber jetzt verstehen wir, dass wir in dem wunderbarsten Land der Welt leben.“

    Stimme Russlands / RIA Novosti

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