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00:36 15 Oktober 2019
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    Arseni Jazenjuk trifft sich mit Angela Merkel in Berlin am 8. Januar 2015

    Deutschlands Tanz mit den Faschisten

    © REUTERS / Hannibal Hanschke
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    Der Kiewer Regierungschef Arseni Jazenjuk gibt in der ARD eine irre Geschichtslektion über die "Aggression" Moskaus im Zweiten Weltkrieg, und keiner widerspricht. Die Bundesregierung will sich von der Entgleisung ihres Partners in Kiew nicht distanzieren. Doch es kommt noch besser.

    Die Bundeswehr lädt ausgerechnet für den 9. Mai, wenn Russland den Tag des Sieges über Hitler-Deutschland feiert, zu einer großen Tanzveranstaltung in Berlin ein.

    Die Bundesregierung will sich von Äußerungen des ukrainischen Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk zum Zweiten Weltkrieg nicht distanzieren. Man habe keine "Auslegung" abzugeben, betont Martin Schäfer, Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin, wenige Stunden bevor dort die Außenminister Russlands, Frankreichs, Deutschlands und der Ukraine zu Beratungen über die Beilegung des Konflikts im Donbass zusammengekommen sind. Russland hat vergeblich darum gebeten.

    Jazenjuk könne "wie jeder Andere" in Deutschland sagen, was er für angemessen halte, so Schäfer. Die Haltung der Bundesregierung zur deutschen Vergangenheit sei klar. Nazi-Deutschland habe im Zweiten Weltkrieg einen furchtbaren Angriffskrieg gegen die Sowjetunion mit bis heute unvergessenen "Schandtaten" geführt, auch auf dem Gebiet der Ukraine.

    Was ist passiert? Jazenjuk hat in der ARD-Nachrichtensendung "Tagesthemen" am 7. Januar, am Vorabend seines Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin, eine Neuinterpretation des Zweiten Weltkrieges zum Besten gegeben und eine Parallele zum heutigen Ukraine-Konflikt gezogen. Moderatorin Pinar Atalay fragte: "Sie treffen ja morgen auf Kanzlerin Merkel. Sie erwarten eine Menge von ihr, Merkel aber auch viel von Ihnen. Womit wollen Sie die Kanzlerin überzeugen, damit sie Ihnen und Ihrem Land weiter hilft?"

    "Jaz", wie der Kiewer Regent von Washington genannt wird, antwortet:

    "Deutschland und die Bundeskanzlerin persönlich machen sehr viel, um den Frieden in der Ukraine wiederherzustellen. Und nicht nur in der Ukraine, sondern um die Stabilität in ganz Europa zu gewährleisten. Die russische Aggression in der Ukraine, das ist der Angriff auf die Weltordnung und auf die Ordnung in Europa. Wir können uns alle sehr gut an den sowjetischen Anmarsch auf die Ukraine und nach Deutschland erinnern. Das muss man vermeiden, und keiner hat das Recht, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges neu zu schreiben. Und das versucht der russische Präsident, Herr Putin, zu machen. Konkret zur Unterstützung: Die Unterstützung liegt darin, dass wir einheitlich bleiben."

    ARD-Moderatorin Atalay hat weder nach der Antwort noch im weiteren Verlauf auf den wirren Geschichtsrevisionismus des Kiewer Gesprächpartners reagiert. Bis heute hat sich der Sender zu der journalistischen Fehlleistung nicht geäußert – im Gegensatz etwa zur drei Sekunden langen Kamerafahrt über die Beine der FDP-Politikerin Katja Suding in derselben Woche. Dafür hat sich ARD-"Aktuell"-Chefredakteur Dr. Kai Gniffke umgehend und wortreich entschuldigt. "Der Beine-Schwenk gehört auf den Index. Tut mir leid, Frau Suding", schreibt der Nachrichtenchef in seinem Blog bei tagesschau.de. Und. "Es ist einer dieser Schwenks, die wir in den 80er- und frühen 90er-Jahren noch gesehen haben und der gerne mal die Vorlage für Altherrensprüche lieferte. Ich nehme an, der Kameraschwenk wurde von einem Menschen aus der Schule und der Geisteshaltung vergangener Jahrzehnte produziert, der diese Darstellung besonders apart fand."

    Geht´s noch?

    Das "Mea culpa" aus Hamburg hat hohe Wellen in den Mainstream-Medien geschlagen – im Gegensatz zum Jazenjuk-Interview, bei dem ja auch die Bundesregierung keine "Auslegung" vornehmen will. Dazu passt, dass weder Bundesregierung noch ARD den Faschistenaufmarsch in Kiew am 1. Januar mit mehreren Tausend Teilnehmern, darunter früheren Koalitionspartnern Jazenjuks, für kritik- oder berichtswürdig halten.

    Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Bundeswehr am 9. Mai in Berlin eine große Tanzveranstaltung plant. Heeresinspekteur Bruno Kasdorf hat für diesen Tag zum "Ball des Heeres" in das Palais am Funkturm nach Berlin eingeladen, wie die "Rheinische Post" berichtet. Während Russland mit Gästen aus aller Welt den 70. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland und das Ende des Zweiten Weltkrieges feiert, will die Truppe eine "rauschende Nacht in Berlin" feiern, mit "Hauptstadt-Flair" und "Fünf-Gänge-Gourmet-Menü der Koch-Nationalmannschaft der Bundeswehr".

    Der Linke-Vorsitzende Bernd Riexinger spricht von einer "eklatanten Fehlleistung, die dringend korrigiert werden muss. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) müsse die "Notbremse ziehen" und den "Ball des Heeres" verschieben. Bisher handele es sich nur um einen peinlichen Fehler, nun sei die Ministerin in der Pflicht, dafür zu sorgen, "dass daraus kein Politikum wird", so Riexinger in der "Rheinischen Post".

    Von der Leyens Truppe begründet die Terminwahl mit der Unterzeichnung der Pariser Verträge am 9. Mai 1955. Man wolle den 60. Jahrestag des Beitrittes der Bundesrepublik Deutschland zur NATO feiern.

    An die Befreiung Deutschlands vom Faschismus durch die Rote Armee wird in den Kalendarien des Verteidigungsministeriums offensichtlich nicht erinnert. Das hat Tradition: 2001 war der "Ball des Heeres" zunächst auf den 22. Juni gelegt worden – den 60. Jahrestag des Angriffs Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion. Der Tanzabend war seinerzeit verschoben worden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    NATO, Angela Merkel, Martin Schäfer, Arsseni Jazenjuk, Deutschland, Russland, Ukraine