20:59 27 September 2020
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    Situation in der Ostukraine (346)
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    Viele Streitpunkte im aktuellen Ukraine-Konflikt sind laut Osteuropa-Historikerin Anna Veronika Wendland in der geschichtlichen Entwicklung des Landes verankert. Für die Direktorin des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg ist die Ukraine bereits seit Jahrhunderten ein Spannungsfeld zwischen Ost und West.

    Die Ukraine liege nicht nur geographisch, sondern auch kulturell und sprachlich zwischen Ost und West, sagte Wendland in einem Interview mit Sputniknews. Die Bindung an Russland sei immer besonders stark gewesen; aber auch die Nachbarn im Westen, wie Polen und Litauen, hätten die Ukraine über Jahrhunderte geprägt. Doch im derzeitigen Konflikt werde auch die Geschichte „gern benutzt und verzerrt, um die Position der jeweiligen Partei zu stärken“.

    Laut der Expertin ist die Kiewer Rus zu gleichen Maßen die Wiege der russischen und der ukrainischen Identität. „Die russische Staatstradition kann eine dynastische Legitimität aus der Kiewer Rus herausführen, weil die russischen, später Moskauer Herrschergeschlechter ursprünglich aus der Kiewer Rus stammen. Die Ukrainer wiederum beanspruchen für sich vor allem die territoriale und die sprachlich-kulturelle Kontinuität.“

    Den Mentalitätsunterscheid zwischen der West- und der Ostukraine erklärt Wendland mit der konfessionellen Entwicklung. „Die Orthodoxen in der westlichen Ukraine wurden durch den polnischen Staat dem Vatikan unterstellt und wurden so Teil der römisch-katholischen Kirche. Die moderne Nationalidee einer Ukraine ist tatsächlich aus den Ostgebieten in die Westukraine getragen worden und dann allerdings unter ungleich besseren politischen Bedingungen: Spätestens im Habsburger Reich, als dort Parteien und Vereine gegründet werden durften und die Schulsprache in den Schulen ukrainisch sein durfte, hat sich in Galizien ein Schwerpunkt der nationalen Mobilisierung herausgebildet.“

    Die eher russische Prägung der Ostukraine führt Wendland auf die Industrialisierung zurück. Diese Region sei eines der ältesten und wichtigsten Industriegebiete des sich modernisierendes Russländischen Reiches gewesen. „Damals hat man, auch mit viel ausländischem Kapital und Know-How dieses Gebiet erschlossen. Und tatsächlich sind schon Ende des 19. Jahrhunderts große Kontingente russischer Arbeiter dort zugewandert. Aber auch viele Ukrainer, die über den Berufswechsel vom Bauern zum Arbeiter sich assimiliert haben. So gesehen kann man sagen, Russisch ist natürlich die Verkehrssprache dieses Gebietes, aber das ist jetzt kein ethnisch russisches Gebiet.“ Laut Wendland könne man das mit dem Ruhrgebiet vergleichen, das vor allem durch die Arbeitermigration geprägt sei.

    Trotz der Kollaboration von Westukrainern mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg sieht Wendland kein großes faschistisches Potenzial in der Ukraine. „Was das Tragen, Verwenden und Propagieren faschistischer Symbole und Ideologien angeht, kann man sagen, dass es sich da um einen sehr kleinen Teil handelt, der vor allem in dem Bataillon Asow aktenkundig geworden ist.“  Unter diesen Bedingungen des Krieges sei es immer so, dass bestimmte Arten von Führungspersonal auch politisch an Einfluss gewinnen. „So ist es auch hier, dass die sogenannten Verteidiger der Ukraine, die ja auch ihre Köpfe hinhalten an der Front, dann als Politiker nach Kiew zurückkehren. Das ist beunruhigend!“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Ukraine