02:17 07 Dezember 2019
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    Situation in der Ukraine

    Osteuropa-Experte Ehlers: Ukraine muss raus aus „Entweder-Oder“-Sackgasse

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    Der gegenwärtige Konflikt in der Ukraine ist noch seit dem Zerfall der Sowjetunion herangereift. Das Land auf die Entweder-Oder-Schiene zu schieben, sei ein Grundfehler der EU-Leitung gewesen, erklärt der namhafte Russlandforscher Kai Ehlers.

    Russlands Präsident Wladimir Putin
    © Sputnik / Alexei Druzhinin
    Von der Krise in der Ukraine ist eigentlich noch seit längerer Zeit die Rede. Nach der Loslösung von der Sowjet-Union sei dort die Situation eindeutig so, dass die soziale Lage der Bevölkerung sehr problematisch ist, erklärt Autor und Russlandexperte Kai Ehlers im Gespräch mit Sputnik-Korrespondentin Marina Piminowa. „Menschen müssen sich fragen, wie können wir leben, wenn nicht so, wie früher in der Sowjetunion, wenn aber auch nicht so wie der Kapitalismus es uns verspricht. Viele Fragen sind ungelöst und sie führen zu einer relativ elenden Situation der Bevölkerung. Teile der Bevölkerung sind nach Europa orientiert, Teile sehnen sich eher zurück in die Sowjet-Zeit“, so Ehlers. 

    Der gegenwärtige Konflikt ist demnach eine Auswirkung der ukrainischen Identitätssuche, führt Ehlers weiter aus: „Die Ukraine hat heute auch das Problem einer nachholenden Nationalisierung, das heißt, jetzt plötzlich in Freiheit gesetzt, muss sie eine eigene Identität finden, und das führt zu diesen Konflikten auch innerhalb der Ukraine, die sich so auswirken.“ Diesen Konflikt durch die Entweder-Oder-Frage anzureizen, war Ehlers zufolge ein Fehler. „Objektiv gibt es natürlich den Konflikt, der ist herangereift über 25-30 Jahre, auf der einen Seite die Ostausdehnung von Nato und der EU, auf der anderen Seite die Perspektive, wieder zum Integrationsknoten zu werden, von Russland aus gesehen, dann tendenziell die GUS und die Eurasische Union. Den Konflikt hätte man anders lösen können, es war nicht nötig, das auf die Entweder-Oder-Schiene zu scheiben. Das war ein Fehler, den eindeutig die Leitung der Europäischen Union gemacht hat, Barroso und Frau Merkel.“ 

    Das ukrainische Parlament hat Russland zu einem „Aggressor“ erklärt
    © REUTERS / Gleb Garanich
    Falsche Wahrnehmung dieser Situation und ein „Aggressor“-Image Russlands spitzen den Konflikt nur noch zu. Hierzulande werde ein Szenario aufgebaut, nach dem Russland an allem schuld sein soll, meint Kai Ehlers, der sich seit Anfang der 1980er zunehmend mit den Veränderungen in Osteuropa beschäftigt. „Es wird ein Mythos aufgebaut, nach dem Russland angeblich einen Krieg mit der Ukraine führt. Aber Russland führt keinen Krieg mit der Ukraine. Die Kiewer Ukraine führt einen Krieg mit eigener Bevölkerung. Natürlich hat Russland seine Interessen, auch Unterstützungsinteressen, es ist aber nicht so, dass Russland einen Krieg führt. Das ist einfach eine Grundsituation, die hier falsch aufgenommen wird. Putin kann nicht hingehen und sagen: „Ihr hört jetzt auf, Krieg zu machen“ oder „Ihr macht Krieg“. Genauso wenig kann das der Kerry oder Frau Merkel, das heißt, es sind ganz andere Kräfte im Lande selbst am Wirken, die ihren eigenen Krieg führen“, sagt der Experte. 

    Die Krise zu lösen, heißt somit vor allem, aus der Entweder-Oder-Sackgasse zu finden. „In der Ukraine selber ist überhaupt keine Vereinigung möglich. Die beiden Seiten sind bis in die Familien hinein getrennt. Um diesen Hass abzubauen, bedarf es erstmal einer Brücke, einer Situation, dass nicht mehr geschossen wird, dass man miteinander reden kann. Eine Befriedung der ukrainischen Situation ist nur möglich, wenn sich zwischen Ost und West eine Art neutrales Plafond herstellt,  wo die Ukraine einen Platz findet und dass sie nicht weiter in dieses Entweder-Oder gerissen wird“, sagt Ehlers. 

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    EU, NATO, Angela Merkel, Kai Ehlers, USA, Ukraine