19:51 19 November 2019
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    Nikos Kotzias

    Griechenlands Außenminister: Russland gehört in europäische Sicherheitsarchitektur

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    Russland gehört laut Nikos Kotzias in die europäische Sicherheitsarchitektur. In einem Sputnik-Interview sprach sich der griechische Außenminister gegen neue Sanktionen und für Vertrauensbildung zwischen der EU und Russland aus.

    Sputnik: Die Beziehungen zwischen Griechenland und Russland sind sehr gut. Bei Ihrem Besuch in Moskau im Februar sagten Sie, dass Griechenland die Zusammenarbeit mit Russland und seinen Russland-Kurs fortsetzen werde. Wie ist der aktuelle Standpunkt der neuen Regierung?

    Kotzias: Für uns steht fest, dass Russland in langfristiger Perspektive in die europäische Sicherheitsarchitektur integriert werden muss und es kein Sicherheitssystem gegen Russland geben darf. Wir sind fest der Meinung, dass die Ukraine Frieden und Stabilität braucht, dass Europa seine Beziehungen zu Russland nicht abbrechen darf und dass Russland keine Maßnahmen treffen sollte, die nicht dazu führen, dass Vertrauen zur Europäischen Union entsteht.

    Sputnik: Die Europäische Union hat am 9. Februar beschlossen, neue Sanktionen gegen Russland zu diskutieren. Am 15. Februar trat ein neues Waffenstillstandsabkommen in der Ukraine in Kraft, das in Minsk unterzeichnet wurde. Am 16. Februar erlangten allerdings neue Sanktionen Rechtskraft. Wie ist die Position Griechenlands in dieser Frage?

    Kotzias: Am 29. Januar dieses Jahres hat die Europäische Union nach Vereinbarung mit unseren Partnern und entsprechend unserem Vorschlag beschlossen, keine sektoralen Sanktionen einzuführen, die von den Strukturen der Europäischen Union vorgesehen waren. Auch heute vermeiden wir weiterhin die Einführung sektoraler Sanktionen. Andere Arten von Sanktionen wurden beschlossen, bevor wir an die Macht kamen. Wir sind der Meinung, dass Sanktionen an sich als Instrument wenig effektiv sind. Wir sollten uns auf die Erfahrung Griechenlands besinnen, das Sanktionen gegen die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien verhängt hatte, und die führten dazu, dass nur Oligarchen davon profitierten, indem sie den Rohstoff-Schmuggel organisierten. Es ist erwiesen, dass Sanktionen kein wirkungsvolles Mittel sind, und das in keinem Fall. In der Geschichte der internationalen Beziehungen gab es Sanktionen, die nur dazu bestimmt waren, Verhandlungsgespräche zu erleichtern. Und wie ich schon sagte, sind Sanktionen in den meisten Fällen nicht effektiv, erst recht, wenn sie durch Zorn oder den Wunsch, den Opponenten zu unterwerfen, motiviert sind.

    Sputnik: Der griechische Premierminister Alexis Tsipras sagte bei einem Treffen mit dem zypriotischen Präsidenten Nikos Anastasiades, dass Griechenland und Zypern zu einer Brücke zwischen Europa und Russland werden könnten. Wie sehen solche Perspektiven aus?

    Kotzias: Als Außenminister habe ich zum Ausdruck gebracht, dass Griechenland, wie auch Zypern, zur Europäischen Union gehört und wir uns nicht außerhalb ihrer Grenzen sehen. Zugleich weisen unsere beiden Länder große kulturelle, historische und traditionelle Beziehungen zu den BRICS-Staaten auf. Insbesondere zu solchen Ländern wie Indien (im Altertum), China (wir waren über 3.000 bis 4.000 Jahre große Zivilisationen und Kulturen – China in Asien, Griechenland in Europa) und Russland, zu dem wir schon immer tiefe historische, kulturelle und religiöse Beziehungen hatten.

    Dank dieser historischen und kulturellen Beziehungen könnte Griechenland die Brückenrolle zwischen der Europäischen Union, zu der wir gehören, und Russland übernehmen. In der Vergangenheit haben wir uns weder bekämpft, noch pflegten wir gegenseitige Feindschaften. Zwischen unseren Ländern gab es nie irgendwelche Probleme, die es mit anderen Mitgliedsstaaten der EU gab. Das bedeutet, unser Land kann die Brückenrolle übernehmen.

    Sputnik: Russlands Präsident Wladimir Putin hat im Dezember 2014 das Projekt „South Stream“ für geschlossen erklärt. Nun wird über den „Türkischen Strom“ und einen Hub in der Türkei gesprochen. Was erwartet Griechenland davon?

    Kotzias: Griechenland plant, ein Bindeglied dabei zu sein – auch in Bezug auf die Idee einer aus der Türkei führenden Pipeline. Diese kann daher als „Strom Hektors“, eines Helden Trojas, bezeichnet werden, und sie soll alle Teile des Mittelmeeres  berühren.

    Sputnik: Laut EU-Ratspräsident Donald Tusk könnte Griechenland seine finanziellen Probleme nur mit Hilfe der Europäischen Union lösen, da keine finanziellen Hilfsangebote aus Russland oder China vorliegen würden. Unter welchen Umständen könnte die griechische Regierung Russland und China oder irgendein anderes Land um Finanzhilfe bitten?

    Kotzias: Griechenland entwickelt Beziehungen in Wirtschaft, Handel und im Investitionsbereich sowie Kooperationsbeziehungen mit allen Staaten der Welt – ebenso wie alle anderen Mitgliedsländer der Europäischen Union. Griechenland ist Teil der Europäischen Union, unterhält enge Verbindungen mit der EU und baut – wie jeder anderer Staat auch – Beziehungen mit anderen Ländern aus.

    Sputnik: Wie steht Brüssel zu Griechenland?  Wie ernst nimmt man Griechenland in Brüssel?

    Kotzias: Ich würde sagen, dass Griechenland in den letzten fünf Jahren keine Stimme in Brüssel gehabt und es (in Brüssel – Red.) auch keine Ohren gegeben hat, um Griechenland zu hören. Ich glaube, dass sich die Ohren der Europäer erst seit dem 29. Januar geöffnet haben, als über sektorale Sanktionen (gegen Russland) diskutiert wurde. Nun werden wir unter Respektierung der anderen EU-Mitgliedsstaaten zur Gestaltung der europäischen Politik beitragen. Wir in Athen denken nicht mehr, dass es eine europäische Politik ohne uns gibt, die aus Brüssel zu uns kommt. Wir sind Teil der von der einheitlichen Politik der EU und unsere Wünsche und unsere Interessen für diese Politik müssen gewahrt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Europa eine schöne Tochter des Mittelmeeres war, in die sich Zeus, der Vater der Götter und der Menschen, verliebte und die er entführte und ins Gebirge auf Kreta brachte. Ohne diese friedliche Entführung hätte es Europa heute nicht gegeben.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    South Stream, EU, Nikos Kotzias, Donald Tusk, Moskau, Russland, China, Türkei, Griechenland