20:39 05 Dezember 2019
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    Abschied vom ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow

    Nemzow: Voreingenommene Mördersuche

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    Politiker Boris Nemzow in Moskau getötet (37)
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    Der Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow ist lange noch nicht aufgeklärt, doch die deutschen Mainstreammedien legen sich auf den Schuldigen fest: Es ist Kreml-Chef Wladimir Putin, wie sollte es auch anders sein. Genauso gut könnte man auch US-Präsident Barack Obama und seine CIA als Strippenzieher ausmachen.

    Zehntausende Russen haben in den vergangenen Tagen auf der Großen Moskwa-Brücke in Sichtweite des Kreml Blumen niedergelegt und dem früheren Vizepremier Boris Nemzow Respekt bekundet. Der 55-jährige war dort am späten Abend des 27. Februar durch vier Schüsse in Kopf und Rücken getötet worden. Seine Begleiterin, das ukrainische Model Anna Durizkaja, blieb unverletzt. Die 23-jährige Freundin Nemzows gab bei den Ermittlungsbehörden an, den Todesschützen nicht gesehen zu haben, weil er von hinten gefeuert habe.

    Politiker Boris Nemzow in Moskau getötet
    © REUTERS / Pavel Bednyakov
    Die Identität des oder der Täter ist mithin weiter unbekannt, doch der eigentliche Übertäter war noch in der Tatnacht rasch ausgemacht. Weil der Getötete ein wortradikaler Kritiker des russischen Präsidenten war, muss Wladimir Putin wohl seine Finger im Mordkomplott haben, so die einfache Logik in den großen Redaktionsstuben des Landes.

    Das auflagenstarke Boulevardblatt "Bild" macht eine "Hinrichtung wie nach dem KGB-Handbuch" aus – und wer gehörte dem mächtigen sowjetischen Geheimdienst einst an: Wladimir Putin. Nemzows Ermordung sei eine "Todesdrohung an alle oppositionellen russischen Politiker", urteilt "Die Welt". Laut "Süddeutscher Zeitung" wird die "russische politische Elite (…) vernichtet".

    Mord an Boris Nemzow
    © REUTERS / Sergei Karpukhin
    Entscheidend für die Schuldfrage sei "nicht der Auftrag, sondern die Atmosphäre" im Land, heißt es im Onlineportal der Wochenzeitung "Die Zeit". Und wer ist für die "Atmosphäre" in Russland verantwortlich: der Präsident. Die "Westdeutsche Zeitung" in Düsseldorf kommentiert analog: "Die Tat trägt alle Züge eines Auftragmordes. Doch wer dafür verantwortlich ist, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nie aufgeklärt werden. Auch das hat in Russland Tradition. Es wäre falsch, Putin diesen feigen Mord direkt anlasten zu wollen. Dafür fehlt jeder Beweis. Aber Putin ist sehr wohl verantwortlich für jenes Klima des Hasses und der Angst, das in Russland herrscht. Vor allem im staatlich dominierten Fernsehen wird den Menschen täglich das Bild des bösen Westens eingehämmert."

    Schuld ist also immer Putin, Putin, Putin. Weil in russischen Ermittungsbehörden aber offensichtlich differenzierter gearbeitet wird als in deutschen Redaktionsstuben, wird die Arbeit der ersteren von letzteren lächerlich gemacht. Der Kreml habe die "Operation Desinformation" gestartet, kolportiert "Spiegel online". Verschwörungstheorien seien in Russland ein "beliebtes Mittel, um Politik zu machen – oder zu verschleiern", weiß der Moskau-Korrespondent zu berichten. Die verschiedenen Ermittlungsrichtungen der zuständigen Behörden werden als "krude Theorien" diffamiert. Der Mordanschlag könne eine "Provokation zur Destabilisierung der politischen Lage im Land" sein. In den Worten von "Spiegel online": "Nemzow wurde getötet, um den Mord Putin in die Schuhe schieben zu können. Verantwortlich wären dafür entweder Nemzows eigene Mitstreiter aus den Reihen der Opposition oder westliche Geheimdienste." Letzteres ist hierzulande natürlich undenkbar, die Ermordung von Patrice Lumumba (Kongo) oder die vielen Attentatsversuche auf Fidel Castro (Kuba) werden ja nicht an Schulen gelehrt.

    Nicht ausschließen wollen die russischen Ermittler Islamisten als Täter, immerhin habe sich Nemzow für das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" stark gemacht, nachdem auf dessen Redaktion im Januar ein brutaler Anschlag verübt worden war. Auch ukrainische Extremisten könnten hinter dem Coup vor den Kreml-Mauern stecken.

    Und ebenfalls nicht ausschließen wollen die Behörden von vorneherein "kommerzielle Gründe", resultierend aus undurchsichtigen Geschäften. Immerhin ist Nemzow Anfang der 1990er Jahren unter Präsident Boris Jelzin in den Zeiten des "Raubtierkapitalismus", der totalen Privatisierung von Staatseigentümern zu Amt, Würden und Vermögen gekommen. Als Vizepremier war er mitverantwortlich für die Ausplünderung des Staates durch die aufkommenden Oligarchen.

    All diese Motive würden sorgfältig überprüft, so das Ermittlungskomitee. "Sorgfältig geprüft" setzt "Spiegel online" in Anführungszeichen und moniert: "Eine Möglichkeit dagegen schließen die Staatsanwälte kategorisch aus: Dass der Tod des Putin-Kritikers Nemzow irgendetwas zu tun habe mit seiner Kritik an Putin."

    "Verschiedene Ermittlungsrichtungen" – bei den NSU-Morden über Jahre von den deutschen beharrlich nicht verfolgt – nennt "Spiegel online" "Ablenkung". "Strategie der russischen Propaganda" sei, "im Zweifel ein paar Zweifel säen". Am Ende gehe es "nicht um eine wasserdichte Beweiskette. Es reicht, die Öffentlichkeit mit Desinformation zu überfrachten."

    Derlei Ressentiments schürt US-Präsident Barack Obama, der sich noch in der Tatnacht zu Wort gemeldet hat. In einer in Washington vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung wird die russische Führung zu einer »schnellen, unvoreingenommenen und transparenten" Aufklärung des Verbrechens aufgefordert. Ähnlich reagiert Bundeskanzlerin Angela Merkel: Der russische Präsident müsse "gewährleisten, dass der Mord aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden".

    Natürlich muss die Ermordung des russischen Oppositionspolitikers aufgeklärt werden – wie jeder Mord aufgeklärt werden muss. Die Aufregung in den westlichen Medien und bei den politischen Spitzen in EU und NATO wäre angemessen und glaubwürdig, wäre mit derlei Nachdruck auch im Fall der Ermordung anderer Oppositioneller reagiert worden: Nach dem Massaker im Gewerkschaftshaus von ukrainischen Odessa am 1. Mai 2014 mit mehr als 40 Toten hat keiner daran gedacht, auf die Kiewer Führung einzuwirken und um Aufklärung zu bitten. Bis heute drängt keiner darauf, die Verantwortlichen und ihre Hintermänner zu ermitteln, festzunehmen und ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Von den Scharfschützenmorden auf dem Kiewer Maidan ganz abgesehen. Eine internationale, "unvoreingenommene und transparente" Untersuchung könnte zutage fördern, dass die Partner des Westens "die eigenen Leute" getötet haben, um einen angestrebten Staatsstreich zu beschleunigen und zu legitimieren. Doch derlei "Verschwörungen" sind ja "krude Theorien".

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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