14:27 30 Oktober 2020
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    Die EZB hatte ihr breitangelegtes Kaufprogramm von Anleihen gestartet und damit die jüngsten Kursverluste beim Euro ausgelöst.

    „Wir haben jetzt geopolitische Maßnahmen getroffen, die wir in der Vergangenheit noch gar nicht gehabt haben“, sagte Prof. Dr. Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

    „Es ist eigentlich die letzte Waffe der EZB gegen die schwache Konjunktur im Euroraum in der Hoffnung, die Konjunktur in Gang zu bringen. Wenn die EZB Staatspapiere kauft und die Nachfrage erhöht, dann treibt sie die Preise dieser Staatspapiere nach oben“, so der Experte in einem Interview mit RIA-Novosti-Korrespondent Nikolaj Jolkin. „Das bedeutet, dass die Zinsen dieser Staatspapiere sinken. Nur das Problem ist jetzt, dass die Zinsen eben nicht mehr viel weiter sinken können. Die langfristigen Zinsen sind ja recht niedrig im Euroraum. Von daher ist es eben die Frage, ob es überhaupt einen nennenswerten Senkungseffekt geben wird.“

    Krawalle in Frankfurt: Protest gegen EZB
    © AP Photo / Michael Probst
    Die EZB unterstütze nicht einzelne Länder speziell, so Dreger. Sie kaufe diese Staatspapiere im Verhältnis der Anteile einzelner Länder an ihrem Grundkapital. „Es werden also vornehmlich Anleihen aus Deutschland gekauft, weil Deutschland den größten Anteil an der EZB hat, und nicht aus anderen Ländern wie zum Beispiel Portugal, die es dann vielleicht dringender brauchen würden. Schließlich sind die Unternehmen im Euroraum im Unterschied zu den USA weniger vom Kapitalmarkt abhängig, was die Finanzierung angeht. Die EZB hofft, mit den niedrigeren Zinsen Investitionen in Gang zu bringen, nur die Unternehmen verschulden sich eben nicht am Kapitalmarkt – das ist das Problem. Die Unternehmen in Kontinentaleuropa gehen zu Banken, und da ist die EZB darauf angewiesen, dass die Geschäftsbanken dann mitspielen, aber es ist gar nicht klar, ob die Geschäftsbanken das tun. Sie müssen dann stärker als bisher Kredite vergeben. Aber es ist eben ihre Entscheidung – die EZB kann da nicht viel machen. Insofern ist es  fraglich.“

    Abwertung des Euro

    „Diese ergibt sich daraus, dass einerseits versucht wird, die langfristigen Zinsen im Euroraum weiter zu drücken“, so der Experte weiter. „Andererseits ist in den USA ja das Ende der Quantitative easing policy mehr oder weniger absehbar. Das bedeutet: In den USA werden die Zinsen eher steigen und im Euroraum eher sinken. Mit anderen Worten: Man hat ein größeres Renditegefälle zwischen den USA und dem Euroraum, und das sorgt dann eben für diese Währungsverschiebung – der Euro verliert gegenüber dem US-Dollar, und das kurbelt die Exporte, aber auch die Inflation an. Öl in Dollar werden teurer. Dadurch nimmt die Inflation im Euroraum eher zu. Zum anderen hat man natürlich eine Stimulierung der Exporte.“ 

    „Deutschland profitiert da nur in geringerem Ausmaß: Wenn man sich die deutschen Exporte anguckt, bestehen sie zu 40 Prozent aus Investitionsgütern. Und die Investitionsgüter sind relativ unabhängig, was Preise angeht. Sie sind eben nicht so stark vom Wechselkurs abhängig, wie es früher war.“

    Deutschland profitiere eher indirekt, betonte Christian Dreger. Da steige die Nachfrage, was zu höheren deutschen Exporten z.B. nach Frankreich führe. Andere Länder profitieren mehr: Portugal, Spanien und so weiter. Man dürfe dann nicht vergessen, dass man sich Vorteile auf Kosten anderer hole. Von daher sei es eine riskante Politik, meint Dreger, weil man immer das Risiko habe, dass andere Länder, die keine Vorteile, sondern eher Nachteile davon haben, dagegen reagieren. Sie könnten ihre Währung ja auch abwerten.

    Sollen Deutsche ihr Geld in Dollar überführen?

    Der Wirtschaftsexperte würde das nicht sagen: „Zwar sind in Deutschland Anlageformen relativ auf Sparguthaben eingeengt, z.B. Bundeswertpapiere usw. Es sind alles Anlageformen, die von Deutschen präferiert werden, die im Moment sehr niedrige Renditen, wenn überhaupt Renditen abwerfen. Insofern könnte man denken, dass man vielmehr in riskantere Anlageformen geht, um dann noch überhaupt Renditen zu erwirtschaften. DAX hat in den letzten Wochen und überhaupt seit Jahresbeginn um 25 Prozent oder sogar mehr gewonnen. Es ist zwar übertrieben gewesen, aber es reflektiert natürlich dann auch das Geld, das vorher in anderen Anlageformen war, die jetzt keine Zinsen mehr bringen, vermehrt in Aktien geht. Es ist dann aber natürlich risikoreicher. Die Deutschen investieren anscheinend vorzugsweise in den deutschen Aktienmarkt und nicht unbedingt den amerikanischen. Dow Jones steht jetzt dort, wo er am Beginn des Jahres stand. Da ist eigentlich kein Sprung zu sehen. Dagegen ist dieser in Deutschland natürlich erheblich und auch an anderen Aktienmärkten im Euroraum.“

    Wann kommt es zur Parität Dollar-Euro?

    Selbst der international renommierte Experte Christian Dreger konnte das nicht mit Sicherheit sagen: „Diese Parität kann relativ schnell erreicht werden, es kann aber auch eine Zeitlang dauern. Es kommt jetzt darauf an, ob die Anleger insbesondere in den USA den Wechsel in der Notenbankpolitik interpretieren werden. Es wird geschätzt, dass dann die Fed in den USA beginnt, langsam die Zinsen anzuheben. Da ist der Zeitpunkt natürlich unklar, da weiß man nicht, was die Notenbank tatsächlich machen wird.“ 

    Man sei bisher immer davon ausgegangen, schlussfolgert der Ökonom, dass dieser Wechsel im Spätsommer passieren könne. Aus den USA kommen negative Nachrichten in Richtung schwächelnde Konjunktur, sodass die Notenbank durchaus weiter zögern könnte. Diese Zinsanhebung in den USA würde dann noch weiter hinausgeschoben, und das habe natürlich eine Konsequenz für den Dollar-Euro-Kurs.

    Über kurz oder lang werde dennoch eine Parität erreicht, prognostiziert Prof. Dr. Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Dollar, Euro, DAX, Europäische Zentralbank (EZB), Christian Dreger, Deutschland, USA, Portugal, Spanien