05:31 19 November 2019
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    Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: Zurück zur Drachme, jetzt!

    © AP Photo / Nikolas Giakoumidis
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    Während der griechische Schuldenstreit immer mehr zu eskalieren droht, schließen nun auch einige deutsche Regierungspolitiker den Grexit nicht mehr aus. "Es ist Zeit, der Wahrheit ins Auge zu schauen", sagt ebenso der Präsident des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Für ihn könnte der Wechsel zur Drachme sogar schon über Nacht geschehen.

    Herr Professor Sinn, wer hat Ihrer Meinung nach aktuell die größten Asse im Ärmel, beim Poker um die Griechenland-Hilfen?

    Ich glaube, der gelernte Spieltheoretiker Varoufakis weiß sehr wohl was er tut. Er will natürlich Griechenland im Euro halten, aber dann unter möglichst guten Bedingungen. Und damit er die kriegt, muss er einen guten Droh-Punkt aufbauen. Das heißt, er muss für den Fall, dass die Anderen nicht auf seine Wünsche eingehen und Griechenland austritt, möglichst viel Vermögen für die Griechen sichern. Und diese Vermögenssicherung geschieht dadurch, dass eben Geld in den Koffer gesteckt wird, oder Geld ins Ausland überwiesen wird. Und das sind per Saldo über 115 Milliarden Euro.

    Nun erzählen uns Finanzminister Schäuble und die Bundesregierung immer wieder, dass Griechenland seine Schulden irgendwann wieder zurückzahlen wird. Ist das aber reine Fiktion, oder die Wahrheit?

    Griechenland ist insolvent, es ist pleite. Das hat Yanis Varoufakis bereits in einem Interview bei der BBC vor etwa zwei Monaten betont. Er sagt, jene, die glauben, Griechenland habe nur ein kurzfristiges Liquiditätsproblem, irren sich. Griechenland ist insolvent. Und dem ist nichts hinzuzufügen.

    Wie könnte denn dann eine Lösung für Griechenland und eine sozialverträgliche Lösung für das griechische Volk aussehen?

    Es ist Zeit, der Wahrheit ins Auge zu schauen. Die Gläubigerländer sollten einen Teil ihrer Forderungen abschreiben, Griechenland sollte den Euro verlassen, sollte zur Drachme zurückkehren. Griechenland sollte dann die Drachme abwerten, so dass dann die Griechen mehr Nachfrage auf heimische Produkte haben, nicht mehr so viel teure Importware gekauft wird. Und das würde die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Außerdem würde eine Abwertung der Drachme sehr viel Fluchtkapital zurückholen. Die Griechen, die ihr Geld jetzt im Ausland haben, würden zuhause Immobilien kaufen, würden sie umbauen, es gebe einen Bau-Boom. Auch würden Touristen zurückkehren, die derzeit Griechenland zu teuer finden. Also mindestens über diese drei Kanäle würde sehr rasch ein Wirtschaftsaufschwung kommen. Ich will nicht verhehlen, dass das erste Jahr schwierig wird, bis Strukturen sich gebildet haben, das dauert seine Zeit. Aber wir haben 70 Länder untersucht, die in den Konkurs gingen und anschließend nach dem Krieg abwerteten. Und es zeigte sich bei fast allen Ländern, dass nach ein bis zwei Jahren schon wieder mit Wirtschaftswachstum zu rechnen war.

    Was uns natürlich hier speziell interessiert, welche Risiken bestehen für Deutschland im Falle eines Austritts Griechenlands aus dem Euro?

    Dass Griechenland nicht zurückzahlen kann, das ist unabhängig von der Frage des Austritts aus dem Euro. Im Gegenteil: Die Frage, dass es nicht zurückzahlt, ist im Euro ja noch größer, weil die Griechen nicht wettbewerbsfähig sind. Wenn sie austreten und wettbewerbsfähig werden, haben sie eine Chance, einen Handelsbilanzüberschuss zu erwirtschaften. Und der könnte verwendet werden, um wenigstens einen Teil der Schulden zurückzuzahlen. Das heißt, es wird für die Staatengemeinschaft billiger, wenn Griechenland austritt. Aber der Nachteil ist, man muss die Verluste wahrscheinlich gleich verbuchen.

    Warum hat sich die deutsche Politik, Ihrer Meinung nach, so lange gegen den so genannten "Grexit" gesperrt?

    Weil der Verbleib im Euro-Verbund eben auch ein politisches Zeichen für die Stabilität des Euros und dieses politischen Kurses angesehen wird. Ich verstehe das Argument durchaus, aber ich sehe umgekehrt, dass das Festhalten am Euro zu einer humanitären Katastrophe geführt hat, wie Varoufakis sagt. Und da hat er ja Recht. Wir haben eine Massenarbeitslosigkeit von 25 Prozent in Griechenland. Und wir haben eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent. Das ist das Ergebnis des Euros. Das wäre nicht der Fall, hätte Griechenland die Möglichkeit, auszutreten und abzuwerten.

    Dominoeffekte und Ansteckungseffekte kann es immer geben. Die Ansteckungseffekte über die Kapitalmärkte sind aber im Moment nicht zu erwarten, wie die niedrigen Spreads in den anderen Krisenländern zeigen. Hingegen wenn Griechenland im Euro bleibt, gibt es mit Sicherheit einen ganz starken Dominoeffekt. Weil dann auch andere Länder, statt Reformen zu machen und den Gürtel enger zu schnallen,  lieber die griechische Strategie wählen, sich immer mehr Kredite von der Staatengemeinschaft zu holen, oder sich die Kredite notfalls auch selber zu drucken.

    Wie würde die Umstellung zur Drachme praktisch aussehen? Und in welchem Zeitrahmen wäre es möglich, diesen Wechsel zu vollziehen?

    Praktisch kann man sich das so vorstellen: Über ein Wochenende werden alle Kredite, alle Mieten, alle Lieferkontrakte und Löhne umgestellt in Drachme. Das heißt, die Zahlen bleiben dieselben, aber das Drachme-Zeichen tritt an die Stelle des Euro-Zeichens. Damit haben wir bereits über Nacht die virtuelle Währung. Schwierig wird es dann physisch, neue Drachme-Banknoten zu drucken. Das dauert seine Zeit, das kann Wochen und Monate dauern. Aber bis dahin könnten die Euro-Banknoten ja weiterhin Zahlungsmittel sein. Das heißt, die Preise sind in Drachme ausgedrückt und man bezahlt halt mit Euro entsprechend weniger.  

    Interview: Marcel Joppa 

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Schulden, Drachme, Euro, ifo-Institut, Hans-Werner Sinn, Wolfgang Schäuble, Deutschland, Griechenland