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17:44 15 Oktober 2019
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    Zbigniew Brzezinski

    Brzezinski spielt wieder Ukraine-Schach

    © AFP 2019 / Mandel NGAN
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    Der frühere US-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski kann zufrieden sein. »Wir sind längst im Kalten Krieg« gegen Russland, konstatiert Washingtons Mann für die Verbreitung von Unsicherheit in der Welt. Der geopolitische Schachspieler plädiert für Waffenlieferungen an die Ukraine, Mitglied der NATO soll sie aber nicht werden.

    Er kann es einfach nicht lassen. Der Globalstratege Zbigniew Brzezinski war von 1977 bis 1981 Nationaler Sicherheitsberater des demokratischen US-Präsidenten Jimmy Carter. Heute arbeitet der 87-Jährige bei der »Denkfabrik« Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington. Einflussreich ist er noch immer.

    In den 1970er Jahren zielte Brzezinskis »Sicherheitspolitik« darauf ab, die islamistischen und antikommunistischen Mudschaheddin in Afghanistan zu stärken, um die säkular ausgerichtete und von der Sowjetunion unterstützte Regierung in Kabul zu stürzen. Mit Erfolg. Mit einer »verdeckten Operation« der CIA lockte er Moskau Ende 1979 in die »Afghanistan-Falle«. Aus den antirussischen Dschihadistengruppen erwuchs Al-Qaida, sie waren die Saat für die Miliz »Islamischer Staat«, die heute Millionen Menschen im Nahen Osten terrorisiert und die Region in Instabilität hält.

    Laut dem kanadischen Globalisierungskritiker Michel Chossudovsky hat Washingtons Kriegsvordenker später sein nüchtern-brutales Kabul-Kalkül eingeräumt: »Am Tag, an dem die Russen offiziell die Grenze überschritten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Möglichkeit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu liefern. Und tatsächlich sah sich Moskau während der folgenden zehn Jahre gezwungen, einen Krieg zu führen, den sich die Regierung nicht leisten konnte, was wiederum die Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des sowjetischen Herrschaftsgebiets zur Folge hatte.«

    In seinem weltweit für Furore sorgenden Buch »The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives«, auf deutsch unter dem Titel »Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft« hat Brzezinski 1997 detailliert beschrieben, wie Russland zur »Regionalmacht« (Barack Obama) degradiert werden kann. War es in den 1980er Jahren der Afghanistan-Krieg, der Moskau zu schaffen machte, sollte es nun der Russland-Anrainer Ukraine werden.

    In dem mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlichen Buch zieht Brzezinski auf dem »großen Schachbrett« wie folgt auf: »Die Ukraine, Aserbaidschan, Südkorea, die Türkei und der Iran stellen geopolitische Dreh- und Angelpunkte von entscheidender Bedeutung dar,…« Und: »Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Russlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in lähmende Konflikte mit aufbegehrenden Zentralasiaten hineingezogen werden würde (…) Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Russland automatisch die Mittel, ein mächtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden.«

    Im Interview mit Spiegel online und der Springer-Zeitung Die Welt ruft der 87-jährige Politikwissenschaftler zur Bewaffnung der antirussischen Regierung in Kiew auf. »Es wäre sinnvoll, der Ukraine Defensivwaffen zur Verteidigung der großen Städte zu liefern, panzerbrechende Waffen oder Mörser etwa. Denn wir sollten den Preis russischer Gewaltanwendung erhöhen. Eine Stadt einzunehmen, deren Bevölkerung zur Verteidigung entschlossen ist, das ist extrem kostspielig.«

    Das Aufrüstungsprogramm der NATO in den baltischen Ländern sei richtig und eine »Reaktion« auf russisches Agieren. »Ich will keinen Krieg, aber ich bin auch nicht bereit, mich von der Behauptung einschüchtern zu lassen, dass wir mit einer symmetrischen Reaktion einen Krieg provozieren. Ganz im Gegenteil: Reagieren wir nicht, ist das die wahrscheinlichste Art, einen Krieg herbeizuführen«, behauptet Brzezinski.

    Sollte Präsident Wladimir Putin russische Soldaten ins Baltikum einmarschieren lassen, würde die NATO »natürlich« kämpfen. »Dafür ist die NATO doch da, nicht wahr.« Allen gegenteiligen Umfragen zum Trotz zeigt sich Brzezinski auch »überzeugt, dass die Deutschen kämpfen würden. Kanzlerin Merkel wäre bereit zu kämpfen und die Opposition wäre es auch.«

    Die Frage, ob die Verlegung schwerer US-Kriegswaffen in die Nachbarschaft Russlands eine »kluge Entscheidung« sei, »weil sie Putin ermöglicht, bei der russischen Bevölkerung zu punkten«, weißt Brzezinski mit dem obligatorischen Nazivergleich zurück: »Mit diesem Argument hätte man auch die Zurückhaltung bei Hitlers Einmarsch im Sudetenland und dem ›Anschluss‹ Österreichs rechtfertigen können.« Es gebe »Gemeinsamkeiten und Unterschiede« bei Putin und Hitler: »Hitler zum Beispiel war nie wirklich daran interessiert, reich zu werden. Putin dagegen schon. Vielleicht vermag diese Lebensperspektive seine politischen Leidenschaften etwas zu mäßigen. Besonders gefährlich ist, dass Putin ein Spieler ist.«

    US-Armee
    © Foto : US Marine Corps / Cpl. Alex C. Guerra
    Das sagt ausgerechnet Washingtons Schachspieler. Natürlich hat Zbigniew Brzezinski auch eine »Lösungsformel« für den Ukraine-Konflikt: »Es braucht ein ähnliches Arrangement wie jenes zwischen Russland und Finnland, das seit Jahrzehnten für Stabilität und Frieden sorgt. Die Ukraine sollte das Recht haben, ihre politische Identität frei zu wählen und sich enger an Europa zu binden. Gleichzeitig muss Russland versichert werden, dass die Ukraine nicht in die NATO aufgenommen wird. Das ist die Lösungsformel.«

    So einfach ist es, meint der alte Schachspieler. Leider sagt er nicht, wer Washingtons Bauern in Kiew an der weiteren Kriegführung gegen die eigene Bevölkerung in der Ostukraine stoppt.

    Und leider stellt den Terrorpaten keiner in den Mainstreammedien zur Rede für die vielen Toten in Afghanistan, für Al-Qaida und IS. Im Gegenteil. Beim Spiegel ist man stolz darauf, ins Center for Strategic and International Studies in Washington vorgelassen zu werden. »Dort empfängt Brzezinski auch, er blättert im Spiegel und erzählt, dass er sich regelmäßig die wichtigsten Artikel übersetzen lässt.«

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Waffenlieferungen, The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives (Buch), NATO, Al-Qaida, Barack Obama, Wladimir Putin, Michel Chossudovsky, Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, USA, Russland, Ukraine, Vietnam, Afghanistan