10:42 21 Februar 2017
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    VW, Deutschland und die Diktatur - Ein Lehrstück über Beliebigkeit

    © REUTERS/ Axel Schmidt
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    Uli Gellermann
    Abgas-Affäre bei Volkswagen (35)
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    Großzügig verteilen deutsche Politiker und Medien das Etikett Diktatur, wenn die so firmierten Staaten missliebig sind. Ebenso großzügig werden Diktaturen, die man mag in Königreiche umgedichtet oder, wenn es gar nicht anders geht, in "autoritäre Staaten" umgelogen.

    Dieser Begriff aus der Verschleierungsschublade fiel jüngst dem Chefhistoriker des VW-Konzerns, Manfred Grieger, aus dem Mund, als er auf dem Weg nach Sao Paulo war. Denn die Volkswagen AG betrügt nicht nur ihre Kunden mit gefälschten Abgaswerten, sie war auch aktiver Komplize der brasilianischen Folterdiktatur. Davon geht jedenfalls eine Anzeige der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft gegen VW aus, die auf einem Bericht der brasilianischen Wahrheitskommission fußt und vor zwei Wochen auf dem Konzernschreibtisch in Wolfsburg landete.

    Der VW-Konzern – durch die Besitzanteile des Landes Niedersachsen ein wichtiger Scharnier-Betrieb zwischen Staat und Kapital – begreift sich seit seiner Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg als Speerspitze westdeutscher Exportpolitik. Kaum hatte Hitlers Lieblingsunternehmen die Produktion der Vergeltungswaffe V1 eingestellt und die Zwangsarbeiter entlassen, soweit sie die Arbeit bei VW überhaupt überlebt hatten, wurde die erste Auslandsniederlassung gegründet: Die Volkswagen of South Africa (Pty.) Ltd. entstand bereits 1946 in der befreundeten Apartheid-Diktatur, im südafrikanischen Uitenhage. Da konnte es nicht ausbleiben, dass 1953, in der Zeit des "wohlwollenden Diktators" Getúlio Vargas, die "Volkswagen do Brasil Sociedade Limitada" in einem Vorort von São Paulo aus dem Boden gestampft wurde. Der wohlwollende Vargas erhielt im selben Jahr die „Sonderstufe des Großkreuzes“ des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Auch die Argentinische Militärdiktatur (von 1976 bis 1983) durfte sich seit 1980 mit einem Produktionsstandort von Volkswagen schmücken.

    Ein wahrer Höhepunkt deutscher Freundschaft mit der brasilianischen Folterdiktatur war 1968 die Unterzeichnung des Abkommens zur wissenschaftlich-technischen Kooperation in Brasilien durch den Außenminister der damaligen Großen Koalition Willy Brandt. Ein Abkommen, das punktgenau zur Unterzeichnung des „Deutsch-brasilianischen Abkommens über Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie“ im Juni 1975 führte. Stolzer Unterzeichner: Hans Dietrich Genscher. Als dann der brasilianische Diktator Ernesto Geisel 1978 die Bundesrepublik besuchte, trafen sich mit ihm Bundespräsident Walter Scheel, ebenso wie Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß und Hans Filbinger.

    Schon im Februar 2014 hatte die brasilianische Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Militärdiktatur beschlossen, den Volkswagen-Konzern auf seine Zusammenarbeit mit dem Militärregime hin zu untersuchen. Dem Automobilunternehmen wurde und wird vorgeworfen, mit Spenden die Vernetzung zwischen Militärs und Unternehmen im Vorfeld des Staatsstreiches vom 31. März 1964 und später den Aufbau eines militär-industriellen Komplexes mitfinanziert zu haben.

    Besonders unappetitlich ist die Verwicklung von VW in den Sturz des 1961 demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart. Für diese hilfreiche Vorbereitung der Diktatur hat VW Geld gespendet, das unter Aufsicht der Militärakademie (Escola Superior de Guerra, ESG) in den Aufbau eines eigenen militärindustriellen Komplexes geflossen ist. Von der Verhaftung politisch missliebiger VW-Arbeiter auf dem Werksgelände über die Entlassung von Streikführern bis zur Kooperation des VW-Sicherheitschefs Coronel Rudge mit den Agenten der Diktatur: Der Konzern hat nur wenig ausgelassen, um dem "autoritären Staat" dienlich zu sein.

    "Das Thema will umkreist sein" merkt VW-Chefhistoriker Grieger zur Kooperation zwischen Diktatur und Konzern an, um dann schnell die Schuld bei anderen zu suchen. Denn er hat den Eindruck, "dass die Aufarbeitung in Brasilien mit dem Fingerzeig auf ausländische Firmen besser gelingt." Und so kreist VW um die eigene Schuld herum, um sich aus der Verantwortung für Diktatur und Folter schneller herauszuwinden, als es in der Abgasfrage gelingen wird.

    Doch würde der VW-Historiker Grieger in den Akten des Auswärtigen Amtes sicher Belege dafür finden, dass die Neigung des Konzerns zu Diktaturen immer staatliche Billigung gefunden hat. Wenn man ihm den Einblick in diese Unterlagen geben würde. Schon ein Blick auf die Web-Site des Amtes zeigt, dass Diktaturen wie die in Usbekistan, in Kasachstan oder Turkmenistan dort schlicht "Präsidialrepubliken" heißen, während diktatorische Terror-Unterstützer wie Saudi Arabien oder Katar als Monarchien getarnt auftauchen. Sicher würde VW in diesen Ländern prima Produktionsbedingungen finden, denn deren Beziehungen zum offiziellen Deutschland sind heute ebenso blendend, wie damals die deutschen Verbindungen zu den Diktaturen in Lateinamerika oder Afrika waren.

    Quelle: www.rationalgalerie.de

    Themen:
    Abgas-Affäre bei Volkswagen (35)
    Tags:
    Diktatur, Volkswagen AG, Ernesto Geisel, Hans Filbinger, Franz-Josef Strauß, Walter Scheel, Manfred Grieger, Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Brasilien, Deutschland
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    Alle Kommentare

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      ko99421
      Autobauer sind keine Engel, auch bei VW nicht. Dass deren Angaben zum Kraftstoffverbrauch geschönt sind, weiß jeder. Das es dann um die realen Schadstoffwerte auch nicht besser steht, konnte sich jeder an 3 Fingern abzählen.
      Aber was hier abläuft ist eine einseitige Hetzkampagne gegen VW mit nur einem einzigen Nutznießer, dem US-Terrorstaat. Er kann VW zu einer Mrd.-Strafe verknacken und das deutsche Dummvolk jubelt noch.
      Diese Strafe muss in D erwirtschaftet werden und landet in den USA. Ebenso wie hunderte Mrd. durch die angebliche „Bankenkrise“, auch da wurde massiv gemogelt, aber niemand angeklagt. Solange der unverdiente Geldsegen Richtung USA fließt, ist alles in bester Ordnung.
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      Wenn man das liest, wird es höchste Zeit, dass diese Verbrecherfirma vom Markt verschwindet.
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      Antwort anko99421(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      ko99421, wenn VW Terrorstaaten mitfinanziert hat, ist VW nicht besser als der US-Terrorstaat. Die kommen alle aus dem selben Nest und denken den gleichen Neocon-Mist. Leider gibt es in der EU viel zu viele US-Nato-Marionetten. Die sitzen selbstverständlich auch in der Wirtschaft. Wenn die Welt besser werden soll, müssen die alle weg. Warum die sich nun gegenseitig selbst "zerfleischen" ist für mich noch nicht so ganz ersichtlich. Vielleicht ist es aber ein gutes Zeichen dafür,dass DE doch ein bisschen Widerstand leistet. Wer weiss schon, was hinter den Kulissen tatsächlich abläuft?!
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      info
      Jetzt wird im Imperium, festgelegt, wie hoch die Tributzahlungen sein MÜSSEN, die von VW zu leisten sind.
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      infoAntwort an (Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Tschelowjek, da es für das US/GB Imperium, nicht mehr genügend zu Plündern gibt, weil viele Staaten, im Schutz der Russischen Zweitschlagkapazitäten, sich Erfolgreich, gegen die permanente Plünderung wehren können, ist die City und Wall Street, immer mehr gezwungen, auch bei ihren Vasallen, bei denen noch nennenswerte Vermögen zu plündern sind, diese auch Auszuplündern, damit sie selber und ihr Hütchenspiel, noch ein wenig länger Bestehen.
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      ko99421Antwort an (Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Tschelowjek,
      Was genau hinter den Kulissen abläuft, weiß ich auch nicht. Die vorgegebene um Gesundheit und Umwelt sicher nicht. Es fließt ein beständiger Geldstrom Richtung USA und mit VW sollen es noch ein paar Mrd. mehr werden.
      Mir geht es nicht um die VW-Führung, die kann gern verurteilt werden, ebenso wie die kriminellen Banker, die hunderte Mrd. in die USA verschoben haben und andere Wirtschaftskriminelle.
      Nur das Unternehmen VW hat auch eine volkswirtschaftliche Dimension und da wird jede Unterstützung dieses US-Raubzuges zum Eigentor für Deutsche. Egal ob VW daran pleitegeht, es gerade so packt oder mit Steuergeldern gerettet werden muss. Jeder Cent dafür wird der deutschen Volkswirtschaft entzogen und den USA zugeführt.
      Ich spreche denen ganz einfach das Recht dazu ab, sollen sie sich die VW-US-Tochter schnappen und pleite machen, mehr gibt es nicht. Immer, wenn unsere sogenannten Qualitätsmedien wie gleichgeschaltet um die Wette tröten ist höchste Vorsicht geboten. Es geht eigentlich immer gegen deutsche Interessen. Russland, Ukraine, Flüchtlinge usw. die Liste ist endlos und jeder Punkt darauf ein Sargnagel für den eigenen Staat.
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      Antwort aninfo(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      info, naja bzgl. Bodenschätzen ist in DE ja eher weniger zu holen. Ich denke da eher es geht um Machtdemonstration und Bestrafung für mangelnde Unterordnung oder so etwas. Das Imperium bekommt ja doch langsam Gegenwind und versucht seine Vasallen auf Linie zu halten. Die Seidenstraße ist für die deutsche Wirtschaft schon attraktiv denke ich. Jedoch sieht das der Hegemon gar nicht gern.
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      Antwort anko99421(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      ko99421, sicher ist es für die deutsche Wirtschaft schlecht und es ist auch nicht schön, dass ausgerechnet die USA davon profitiert. Trotzdem, beschissen hat VW. Sowohl die deutsche Regierung,als auch die deutsche Bevölkerung bilden sich ja leider sehr viel auf ihre Wirtschaft und ihren Reichtum ein. Immer wieder gern wird am Stammtisch über den faulen Griechen oder andere Völker hergezogen und sich als Deutschem auf die Schulter geklopft. Dass Deutschland auch auf Kosten anderer Länder so gut dasteht, wird dabei gern vergessen. Offensichtlich wird zusätzlich also auch noch gewaltig beschissen. Ehrlich gesagt bin ich über so viel kriminelle Energie bei VW schon entsetzt. Vermutlich ist das auch nicht nur bei VW so.
      Dass die USA auch Dreck am Stecken hat und es nicht verdient, das steht auf einem anderen Blatt.
      Ja und dass vieles gegen deutsche Interessen geht, das liegt sicher an vielen Dingen. Deutschland hat als Vasall der USA letzten Endes nicht viel zu sagen und es agiert ja auch sonst sehr egoistisch, wenn man mal an Griechenland und die Rettung der deutschen Banken in diesem Zusammenhang denkt. Deutschlands "Freunde" sind keine wirklichen Freunde und die ,die echte Freunde (Griechenland,Rußland) sein könnten, werden regelmäßig von Deutschland vor den Kopf gestoßen. Am Ende werden wir vielleicht zwischen beiden "zerrieben".
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      Roland
      "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er gleich die Wahrheit spricht"
      Mit dem Satz "Kaum hatte Hitlers Lieblingsunternehmen die Produktion der Vergeltungswaffe V1 eingestellt " hat sich Sputnik aus meinem Lesespektrum, das ich jetzt mehrere Monate täglich gelesen habe, entfernt.
      Das KDF-Werk hatte viel mit Produktion von Porsche-Konstruktionen zu tun. Nich mit V1.
      Schämen Sie sich oder hetzen Sie meinetwegen weiter. Ich werds nicht mehr lesen.
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      ko99421Antwort an (Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Tschelowjek,
      Die Euroeinführung war ein Fehler und Griechenland trotz Wissens um gefälschte Bilanzen aufzunehmen war ein noch größerer Fehler – für alle Beteiligten und ganz besonders für das griechische Volk.
      Aber Goldman-Sachs und Banditen hatten andere Interessen. Ganz sicher hätten die Griechenland um keinen einzigen Cent überschuldet, wenn sie nicht durch „gute Beziehungen“ die Rettung ihrer Außenstände durch die EU hätten sicherstellen könnten.
      Als kleines Ablenkungsmanöver wurde in D medial gegen die „faulen“ Griechen und in G medial gegen die „Nazi“ Deutschen gehetzt. Und während alle fröhlich hetzten, schafften die Goldmänner in aller Ruhe ihre fette Beute in Sicherheit. Alles ein abgekartetes Schmierentheater und unsere Qualitätsmedien immer ganz vorn mit dabei.
      Die EU sollte Goldman-Sachs wegen der Griechenland-Manipulationen verklagen, aber da wird nichts kommen.
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      kookaAntwort anRoland(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Roland,
      Dann müssen Sie das Lesen wohl einstellen müssen, denn in der deutschen Qualitätspresse wird hemmungslos und ohne Pause gelogen.
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      Brainon
      GROKO´s haben Germany selten Glück gebracht , die Groko war immer ein VOrzeichen von Innere Ängste und wenn man den Ängsten Raum bieten , entwickelt sich alles zu Hysterie und Hysterie kann ansteckend sein .
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      Antwort anRoland(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Roland, da heißt es lesen lernen. G. hat nicht gesagt, dass VW die V1 gebaut hat. Er sagte, dass die V1, die Endsiegwaffe, Hitlers Lieblingsunternehmen war. Das sagte er als Metapher dafür, dass eben gerade der Krieg zuende war, an dem auch VW kräftigst verdient hatte, und schon ...
      Und genau darauf kommt es an, dass kapitalistische Produktionsverhältnisse keine Scham kennen, sondern nur Maximalprofit.
    • Ernst Rüdiger von StarhembergAntwort anRoland(Kommentar anzeigenKommentar ausblenden)
      Roland, leider wurde die Fi 103 u.a. auch in VW-eigenen Produktionsstätten gefertigt - siehe Wiki
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