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    Nach dem Terror: Krieg, Weltkrieg, totaler Krieg, wer bietet mehr?

    © REUTERS / Social Media Website via Reuters
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    Rüdiger Göbel
    Terrorgefahr in Europa (2016) (232)
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    Was war zuerst da, Henne oder Ei? Die beliebte Frage aus den Kinderbüchern lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Anders in der Weltpolitik: Was war zuerst da, die US- und NATO-Kriege in der islamischen Welt oder der IS-Terror?

    Wer die Frage nicht stellt und ehrlich beantwortet, soll bitte aufhören, von Krieg und Beistand zu schwadronieren.

    Unmittelbar nach den Terroranschlägen von Paris hat Frankreichs Präsident Francois Hollande dem »Islamischen Staat« Krieg bis zum Ende versprochen. Sein Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy schwadroniert gar vom »totalen Krieg«. In Medien hierzulande ist schon vom Weltkrieg die Rede.

    Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner macht sich in der „Welt am Sonntag“ für die »Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte« stark und mobilisiert zum globalen »Kulturkampf«. Sein Adlatus, Julian Reichelt, Chef von Bild-online, sammelt die Truppen für »mehr militärische Einsätze«. Die Deutschen schwört er ein auf »mehr Opferbereitschaft«: »Auf Facebook und mit Lippenbekenntnissen werden wir diesen ›Krieg‹, wie unser Bundespräsident es richtig nennt, nicht gewinnen.«

    Auch FAZ-Herausgeber Berthold Kohler mahnt die immer noch nicht kriegsbereiten Deutschen: »Ohne Opfer wird dieser epochale Kampf nicht zu bestehen sein.« Der Krieg gegen die IS-Terroristen werde »nicht gänzlich ohne Einschränkungen der Freiheiten möglich sein, die es zu verteidigen gilt, gegebenenfalls auch mit eigenen Truppen in Syrien«. Zeit für Kanzlerin Angela Merkel, endlich ihr »hartes Gesicht« aufzusetzen.

    Licht im Dunkel kommt ausgerechnet von der Wirtschaftspresse. Gabor Steingart, Herausgeber des „Handelsblattes“ und im vergangenen Jahr als Verweigerer im allgemeinen Russland-Bashing aufgefallen, warnt unter der Schlagzeile »Weltkrieg III.«: »Die neuen Weltkrieger tragen keine Uniform, sondern Jeans. Sie zünden keine Atomsprengköpfe, sondern die Bombengürtel an ihren Hosenbünden. Sie vernichten keine Landstriche, sondern vor allem unser Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit. 

    Es geht nach dem Massaker von Paris nicht mehr um Einzeltäter. Wer ›Terroranschlag‹ sagt, will verharmlosen. Die Situation ist fataler und größer, als es die Betroffenheitsadressen der Regierungschefs vermuten lassen. Wir sind nicht nur Opfer eines Terroranschlags, wir sind auch Kriegspartei.«

    Sicher, die Terroristen müssten bestraft werden. Doch für das feindliche Klima zwischen den Kulturkreisen trage der Westen eine Mitschuld, ruft Steingart in Erinnerung. »Von den 1,3 Millionen Menschenleben, die das Kriegsgeschehen von Afghanistan bis Syrien mittlerweile gekostet hat, bringt es allein der unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig geführte Irak-Feldzug auf 800.000 Tote. Die Mehrzahl der Opfer waren friedliebende Muslime, keine Terroristen. Saddam Hussein war ein Diktator, aber am Anschlag auf das World Trade Center war er nachweislich nicht beteiligt. ›Diejenigen, die Saddam 2003 beseitigt haben, tragen auch Verantwortung für die Situation im Jahr 2015‹, sagt mittlerweile selbst Tony Blair, einst der willige Krieger an der Seite der USA.«

    Amerikaner und westliche Gefolgschaft hätten vorgegeben, für westliche Werte zu kämpfen – und diskreditierten sie. »Sie riefen ›Freiheit‹ und schufen eine Welt in Unordnung«, so Steingart weiter.

    Ihre Bombengeschwader »haben uns in diesem Kampf der Kulturen dahin gebracht, wo wir heute stehen. So beendet man den Terror nicht, sondern facht ihn weiter an. So schafft man keinen Frieden, so züchtet man Selbstmordattentäter.«

    Der frühere SPD- und dann Linke-Vorsitzende Oskar Lafontaine stimmt dem Mann vom „Handelsblatt“zu. Auf seiner Facebook-Seite zitiert der Promipolitiker – von keinem der großen Mainstream-Medien zur Kenntnis genommen – die Kanzlerin: »Wir setzen hier bei dem G20-Gipfel ein entschlossenes Signal, dass wir stärker sind als jede Form von Terrorismus.« Das habe Angela Merkel im türkischen Antalya gesagt – und damit » unter Beweis gestellt, dass sie eine Fehlbesetzung ist und die Probleme dieser Welt nicht versteht«. 

    Terrorismus- auch die Mütter in Bagdad, Damaskus und Kabul weinen um ihre Kinder„Wir setzen hier bei dem G20-Gipfel…

    Posted by Oskar Lafontaine on Monday, November 16, 2015

    Die deutsche Regierungschefin hätte vielmehr sagen müssen, so Lafontaine: »Wir sind Teil des Terrorismus, weil wir in den Vorderen Orient Waffen liefern und Öl- und Gaskriege führen. Erst wenn Obama, Merkel, Hollande und wie sie alle heißen begreifen, dass die Mütter in Afghanistan, im Irak, in Syrien, im Jemen und überall, wo die ›westliche Wertegemeinschaft‹ Kriege führt, genauso um ihre Kinder weinen, wie die Mütter in Paris, werden sie in der Lage sein, den Terrorismus zu bekämpfen.«

    Im Antiterrorkampf gibt es laut Lafontaine gravierende Versäumnisse, nämlich »dass die Kriegsverbrecher und Terroristen Bush und Blair immer noch nicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof stehen«. Das Antiterror-Dateigesetz verpflichte, Terroristen in der Anti-Terror-Datei zu speichern. Dazu gehörten nach Paragraf 2 Absatz 2 »Personen, die rechtswidrig Gewalt als Mittel zur Durchsetzung international ausgerichteter politischer oder religiöser Belange anwenden«. Lafontaine: »Darauf habe ich bereits vor Jahren im deutschen Bundestag hingewiesen. Warum befinden sich Bush und Blair in keiner Antiterror-Datenkartei?«

    Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, kommentiert – ebenfalls auf ihrer Facebook-Seite: »Der Westen hat das Monster ›Islamischer Staat‹ mitgeschaffen. Schluss mit dieser zynischen und verlogenen Politik. Deutschland und Europa dürfen sich an den Öl- und Gaskriegen der USA und ihrer Regime-Change-Politik nicht länger beteiligen.«

    Der Westen hat das Monster Islamischer Staat mitgeschaffen. Schluss mit dieser zynischen und verlogenen Politik….

    Posted by Sahra Wagenknecht on Sunday, November 15, 2015

    Und auch der Publizist und frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer hält nichts vom westlichen Kriegsgetöse unmittlebar nach den Terrorakten in Paris. »Wir haben seit 14 Jahren Bombenkrieg gegen den Terror geführt und haben jetzt statt einigen hundert internationalen Terroristen, die wir damals hatten, über 100.000.« Jetzt noch dieselbe Strategie zu verfolgen, zeuge von einem »Mangel an Intelligenz«. Langfristig, so Todenhöfer, kann die Terrormiliz nur von arabischen Staaten besiegt werden, nicht von denjenigen, die IS erst geschaffen haben.

    Wohlgemerkt, die klaren Worte Lafontaines und seine Forderung nach Aufrichtigkeit im Antiterrorkrieg, und Wagenknechts Absage an die Regime-Change-Aggressionen schaffen es ins Worldwideweb, nicht auf die Promiplätze in den großen Zeitungen, die für den Krieg trommeln.

    Es wird nicht lange dauern, da werden sie zusammen mit Todenhöfer als IS-Versteher gegeißelt und der Feigheit vor dem Feind bezichtigt werden. Da ist das Springer-Sturmgeschütz Bild vor: »Sätze wie ›Gewalt schafft nur noch mehr Gewalt‹ und ›Militärisch lässt sich der Terror nicht besiegen‹ klingen zwar klug und besonnen, sind aber nichts als eine bequeme Ausflucht.«

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    Tags:
    Terrormiliz Daesh, Gas, Öl, Terroranschläge in Paris, Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, Gabor Steingart, Berthold Kohler, Julian Reichelt, Mathias Döpfner, USA, Irak, Syrien