05:07 23 Januar 2018
SNA Radio
    Saudi-Arabiens König Salman (rechts) mit US-Präsident Barack Obama

    „Eher Belastung als Hilfe“ - Experte über Saudis und Türken im Anti-IS-Kampf

    © AP Photo/ Carolyn Kaster
    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 949

    Saudi-Arabien macht Waffengeschäfte mit Deutschland und finanziert zugleich Islamisten in der Bundesrepublik, die sich mit der direkten Beteiligung am Syrien-Krieg nun noch mehr zur Zielscheibe des Terrorismus macht. Laut dem Nahost-Experten Heinz Theisen stellen Wahhabiten und Salafisten in Deutschland eine große Gefahr dar.

    In einem Interview für Sputniknews spricht der Politikwissenschaftler von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen darüber, wer welche Interessen im Syrien-Konflikt hat.

    Sputniknews: Herr Theisen, im Moment äußert sich sogar das politische Establishment in Deutschland, z.B. Vizekanzler Gabriel, kritisch gegenüber Saudi-Arabien. Selbst der BND warnt vor Saudi-Arabien. Ist diese Kritik berechtigt? Saudi-Arabien ist doch ein wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands, vor allem bei Waffenlieferungen?

    Theisen: Die Kritik ist mehr als berechtigt. Sie kommt leider viele Jahre zu spät. Man hätte lange wissen können, dass Saudi-Arabien eine Zwitterrolle einnimmt. Es fördert einerseits den Islamismus weltweit, als eine Art Ablasszahlung, um ihn zu exportieren und ihn so nicht gegen das eigene Regime zu lenken. Andererseits macht es gemeinsame Wirtschafts- und Waffenpolitik mit dem Westen. Diese Zwitterrolle ist sehr verderblich. Sie verwirrt und verstrickt alle Beteiligten. Und es wird höchste Zeit, dass dies aufgedeckt wird.

    Sputniknews: Sie haben gerade erwähnt, dass Saudi-Arabien Islamismus weltweit finanziert. So auch Wahabiten und Salafisten in Deutschland. Geht von diesen Gruppen eine Gefahr aus?

    Theisen: Ja, eine große Gefahr. Eine Weltanschauung, die alle anderen Weltanschauungen ausschließt, ja sie geradezu dämonisiert, sie als Feinde betrachtet. Mit dieser Weltanschauung kann man keine Dialoge führen. Wir werden dieser totalitären Herausforderung entgegentreten müssen. Allerdings auf andere Weise als bisher.

    Sputniknews: Gerade sind zwei IS-Rückkehrer in Deutschland verurteilt worden. Deutschland beteiligt sich jetzt auch offiziell am Syrien-Krieg. Wird Deutschland damit jetzt noch mehr zur Zielscheibe des Terrorismus?

    Theisen: Ja, keine Frage. Auch vorher waren wir das schon. Und sind wahrscheinlich mit viel Glück größeren Anschlägen entgangen und das dank auch guter Arbeit der Geheimdienste, das will ich nicht ausschließen. Aber jetzt sind wir direkt dabei. Ich glaube nicht, dass die Feinde unterscheiden zwischen Tornados, die aufklären und anderen, die Bomben schmeißen. Wir waren es aber auch schon vorher durch unsere Hilfestellungen und wir sind nun mal auch Verbündete Frankreichs und der USA gewesen, jetzt sind wir es nur noch direkter.

    Sputniknews: Ist Saudi-Arabien denn nun bei der Bekämpfung des IS in der Region ein Partner oder ein Übel?

    Theisen: Genau das wissen wir nicht. Ich nehme nicht an, dass die saudische Regierung den IS direkt unterstützen wird. Aber von Saudi-Arabien ausgehend und unter Duldung der Regierung wird der IS unterstützt, gleichzeitig formal unterstützt Saudi-Arabien die Amerikaner, also eine ganz undurchsichtige Rolle, wo die eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Ähnliches gilt allmählich auch für die Türkei. Solche Partner sind eher eine Belastung als eine Hilfe.

    Sputniknews:Auf jeden Fall ist Saudi-Arabien gegen Assad und hat jetzt zu einer Konferenz nach Riad geladen, wo sich alle möglichen Rebellengruppen, die gegen Assad kämpfen, treffen sollen. Was sind das für Gruppen und sind da die Richtigen geladen worden? 

    Theisen: Ich glaube nicht. Die Rebellengruppen bestehen in erster Linie aus Stammeskriegern, die für ihre eigenen Stämme kämpfen. Das sind aber auch meistens islamistische Gruppen, also oft sunnitische Gruppen, die um jeden Preis den Alawiten Assad weg haben wollen. Es geht hier nicht um Demokratie oder Diktatur, wie wir das lange im Westen geglaubt haben, sondern es geht um religiöse Kämpfe und Assad ist mit den Alawiten eher dem Schiitentum zuzuordnen und das ist der Hauptfeind. Denn die Mehrheit der Sunniten wollen nicht von Schiiten regiert werden. Und das unterstützen sowohl Saudi-Arabien als auch die Türkei im Kampf der Sunniten gegen die Minderheit der Schiiten. Das sind rein konfessionelle Kämpfe, in die der Westen sich eigentlich überhaupt nicht einzumischen hat.
       
    Sputniknews: Ein Nachbarstaat Syriens, der auch gegen Assad ist, ist die Türkei. Die hat gerade großen Ärger mit Russland. Wie sehen Sie diesen Vorfall mit dem Abschuss des russischen Jagdbombers. Zufall oder Absicht?

    Theisen: Soweit man weiß ist der Abschuss ja sogar auf Befehl des türkischen Ministerpräsidenten erfolgt. Das ist kein Zufall, aber eine unglaubliche Torheit, denn wenn überhaupt der IS besiegt werden kann, dann nur mit Hilfe der Russen. Wenn man aber jetzt in den Kämpfen gegen den IS sich auch noch untereinander die Flugzeuge abschießt und damit schwerste militärische Konflikte heraufbeschwört, denn man muss sich ja nur mal vorstellen, dass im Falle eines Krieges zwischen Russland und der Türkei, wir als Nato-Mitglied gegen Russland kämpfen müssten. So was darf einfach nicht geschehen und zeigt, wie tief die Verstrickungen weltweit in diesen lokalen Konflikt mittlerweile geworden sind.

    Sputniknews: Also wenn es kein Zufall, sondern Absicht war, was sind denn die Beweggründe der Türkei gewesen?

    Theisen: Die Türkei will den starken Mann im Nahen Osten geben. Da treffen zwei Mächte aufeinander, deren Machtansprüche in Syrien nicht mehr kompatibel sind. In  Syrien kämpft Putin für Assad und Erdogan gegen Assad und das kann zu einer Gefahr für den Weltfrieden werden.

    Sputniknews: Und macht die Türkei tatsächlich Geschäfte mit dem IS?

    Theisen: Ja, das wird man natürlich nie offiziell dokumentieren können. Diese Geschäfte werden nicht verhindert, ebenso wie die Grenzübertritte von IS-Truppen damals nicht verhindert wurden. Also man duldet und hilft dem IS inoffiziell, obwohl man ihn eigentlich bekämpft, das hängt wiederum auch wieder mit der Rolle der Kurden zusammen. Es ist ein heillos verstricktes Knäuel, was man jetzt mit einem Eingreifen auch nicht wieder entwirren kann. Die Lösung liegt meiner Meinung nach in neuen Grenzziehungen innerhalb Syriens. Es müsste einen kurdischen, einen alawitischen und einen sunnitischen Staat in Syrien geben, der mit Mauern und Grenzen bewehrt wird, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Das wäre meiner Meinung nach die Lösung — aber nicht die Verstrickung immer weiterer Mächte einschließlich Deutschlands.
     
    Sputniknews: Die Türkei hat Truppen in den Irak geschickt. Einfach so. Ohne die irakische Regierung zu fragen. Das ist doch eigentlich undenkbar, oder? Einfach Truppen in ein anderes Land zu schicken, mit dem man nicht im Krieg steht. Was steckt dahinter?
     
    Theisen: Da muss man wieder an den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten denken. Der Irak wird nach der westlichen Intervention jetzt von Schiiten regiert, die Türkei unterstützt die Sunniten, sowohl in Syrien als auch im Irak. Insofern betrachten Sie die Gegenden, wo die Sunniten leben, als ihr Einflussgebiet. Wenn man in religiösen Konfessionen denkt, hat das seine Logik. Wenn man in nationalen Grenzen denkt, ist das ungeheuerlich, aber wir erleben in der Levante, dass die Ländergrenzen, die ja auch vom Westen gezogen wurden, überhaupt nicht funktionieren und dabei sind zu zerfallen und sie müssten eben nach konfessionellen Kriterien neu gezogen werden. Dann würde der sunnitische Teil des Iraks, wo sich auch die Türkei aufhält,  mit dem sunnitischen Teil Syriens in irgendeiner Weise einen Staat bilden, dann hätte es zumindest eine Logik, die den Ausblick auf eine Stabilität ermöglichen könnte.

    Sputniknews: Kann der IS besiegt werden und wenn ja wie, mit welchen Mitteln?

    Theisen: Ich glaube nicht mit Luftangriffen, denn jede Bombe, die man abwirft, um einen Guerillero zu treffen, ist auch immer ein Schlag gegen die Zivilbevölkerung. Uns wird das Gleiche passieren wie Assad, der ja nicht zum Spaß die Fassbomben auf die Bevölkerung geworfen hat, sondern um Guerilleros zu treffen. Aber mit den zivilen Toten werden auch die Feinde gegen den Westen zunehmen, das ist eine vollkommen unsinnige Strategie. Auf dem Boden kann der Westen die Guerilleros auch nicht besiegen, es bleibt einzig und allein das gemeinsame Bündnis mit Assad und mit Russland zur reinen Stabilisierung und Aufteilung in einen alawitischen, kurdischen und sunnitischen Staat und Mauern und Grenzen, um diese dann zu schützen —  das scheint mir die einzige sinnvolle Möglichkeit. 

    Heinz Theisen ist Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaften einschließlich Sozialpolitik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen Köln. 2015 erschien sein Buch „Der Westen und sein Naher Osten. Vom Kampf der Kulturen zum Kampf um die Zivilisation“.

    Zum Thema:

    Anonymous schlägt zu: Diesmal im Visier - Island, Thailand, Türkei, Saudi-Arabien
    WikiLeaks: Clinton bezeichnete Saudi-Arabien als größten Terror-Geldgeber
    Für IS-Schwächung Türkei unter Druck setzen – Wagenknecht
    Tags:
    Saudi-Arabien