07:11 25 Juni 2017
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    Und täglich grüßt das Murmeltier: Putin-Bashing bei ZDF und Bild

    © AFP 2017/ Joel Saget
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    Rüdiger Göbel
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    In Moskau ist Jahrespressekonferenz des Präsidenten, in der EU wird die Aufhebung der Russland-Sanktionen diskutiert – Zeit für »Groundhog Day« in den Medien.Die ewig gleichen Kremologen deuten Putin: Er ist alles, »Machtmensch«, Wiedergänger von »Iwan dem Schrecklichen«, »Vlad der Pfähler«, vielleicht sogar »Zeitreisender« und »unsterblich«.

    »Und täglich grüßt das Murmeltier« (»Groundhog Day«) ist eine tolle Filmkomödie, die man auch nach gut 20 Jahren immer wieder gerne anschaut. Bill Murray spielt in der US-Klamotte einen arroganten TV-Ansager, der aus der Kleinstadt Punxsutawney in Pennsylvania von einem alten Ritual um das Murmeltier Punxsutawney Phil berichten soll. Allein, der gute Mann steckt in der Zeitschleife und erlebt immer wieder denselben Tag, sieht dieselben Leute, hört sie dasselbe sagen. Es ist zum wahnsinnig werden. Selbst Suizid hilft nicht, er wacht jeden morgen um sechs auf, im Radio wird die immer gleiche Platte gespielt… 

    Wie »Groundhog Day« ist Doku »Machtmensch Putin« gestrickt, die kurz vor der großen Jahrespressekonferenz des russischen Präsidenten und vor dem Hintergrund von Diskussionen über die Aufhebung oder Abmilderung der Sanktionen vor dem EU-Gipfel in Brüssel im ZDF ausgestrahlt worden ist. Die immer gleichen »Putin-Experten« spielen die immer gleiche Leier ab. 

    Zum großen Affenzirkus gehört etwa Boris Reitschuster. Der frühere Moskau-Korrespondent des »Fakten, Fakten, Fakten«-Focus wird nicht müde, Russland als »Diktatur« und Putin als »Despoten« zu outen. Im ZDF psychologisiert er, wie der »Machtmensch Putin« tickt: Russlands »starker Mann« fühle sich als »Reinkarnation« von »Iwan dem Schrecklichen« und »Peter dem Großen«. Er spüre »die Schwäche der anderen«, kann den »Platzhirsch« spielen, kann es »allen zeigen«.  

    Und dann muss der Staatschef auf die Couch. Putins »Stimmungslage« lasse sich »mit zwei Worten« beschreiben, so Reitschuster, »erniedrigt, beleidigt«. »Das zieht sich durch sein ganzes Leben«, so seine Langzeitstudie. Der Westen habe da »vielleicht aus psychologischer Sicht nicht so gut« gehandelt, er hätte Putins »Selbstbewusstsein aufblühen lassen müssen«. Nachdem US-Präsident Barack Obama Russland als »Regionalmacht« abqualifiziert hatte, habe Putin wahrscheinlich »nächtelang Schlafmittel gebraucht«, lautet die Ferndiagnose des früheren »Fakten, Fakten, Fakten«-Focus-Manns.

    Aus dem Off der mit martialischer Musik unterlegten ZDF-Stimmungsmache: »Putin weiß die Bühne zu bespielen, mit Pomp und imperialem Glanz.« Putin habe 2012 den Amtseid abgelegt zur »Hymne mit der Melodie aus Stalins Tagen«. »Putin hat sie wieder zum Lied der Russen gemacht«. 

    Geschlagene 45 Minuten geht das so. Wer in den vergangenen Jahren den antirussischen Mainstream bedient hat, kommt zu Wort. Masha Gessen (»Der Mann ohne Gesicht – Wladimir Putin«) beschuldigt den russischen Präsidenten, hinter den Terroranschlägen der 90er Jahre zu stecken, bei denen Hunderte Russen ermordet worden sind. »In jedem Fall hat er davon profitiert.« Würde sie derlei über »9/11« sagen, säße sie längst auf der Strafbank für Anhänger von Verschwörungstheorien.

    Infografik: Die verheerendsten Terroranschläge im 21. Jahrhundert

    Fehlen darf natürlich auch nicht, wir sind ja beim Zweiten, der Verweis auf »Putins Trolle«, die im Internet, in Facebook, Twitter und Co. ordentlich Stimmung für den »Machtmenschen« machen und Diskussionen im Netz »stören und manipulieren«.

    ZDF-Off: »Medienmanipulation und die Macht der Bilder, Putin weiß sie für sich zu nutzen.« Putin, Putin, Putin. »Alles dreht sich nur um ihn, die Tausend Gesichter des Wladimir Putin.« Dazu endlos Bilder eines mal grimmig, mal finster, mal bedrohlich dreinblickenden Wladimir Putin.

    Noch einmal »Fakten, Fakten, Fakten«-Focus-Reitschuster: »Putin will leben wie der Milliardär Abramovic und regieren wie Stalin, mit sowjetischen Methoden.« Und letztere könnten auch Putin selbst zum Verhängnis werden, unkt der »Demokratur«-Experte über die Zukunft in Moskau: »So makaber das klingt: Er wird den Kreml nicht lebend verlassen.« Der russische Präsident wisse das – und verhalte sich entsprechend. 

    Das weiß auch ein Ben Judah, Autor des Russland-Buches »Fragile Empire«: Putin hat Angst, aus Schwäche oder Fehlern die Kontrolle zu verlieren und dann ermordet zu werden oder sich in einem Gefängnis in Sibirien wiederzufinden. Deshalb spielt er weiter das große Spiel mit allen Risiken.« Politik sei für Putin eine existenzielle Frage.

    »Ein Autokrat wird nicht abgewählt. Er wird gestürzt und verdammt«, fasst Huffington Post die Prognose der beiden Kremologen zusammen. Das »in Zusammenarbeit mit Focus« erstellte Nachrichten- und Klatschportal lobt den früheren Focus-Kollegen und meint allen Ernstes, die Dauerschleife der Zeiten gehöre »zu den besten und kritischsten Russland-Dokumentationen, die in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden« 

    Das ist einigermaßen absurd für jeden, der die exzellente ARD-Dokumentation »Ich, Putin – ein Porträt« von Hubert Seipel kennt. Der Journalist hat den russischen Präsidenten über Jahre begleitet und vor kurzem mit »Putin. Innenansichten der Macht« die wohl wichtigste Biographie über ihn vorgelegt. Bei der Huffington »in Zusammenarbeit mit Focus« Post wird das als »Hofberichterstattung diffamiert, in der ZDF-Murmeltiertagsendung über Putin werden Autor und Buch gleich gar nicht erwähnt. Das Ganze hat natürlich nichts, nie und nimmer etwas mit »Propaganda« zu tun, denn die ist – Punxsutawney Phil lässt grüßen – im Zweiten bekanntlich Russia Today bzw. RT vorbehalten.

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    Doch auch der mächtige Springer-Verlag tut sein Bestes, das ewig gleiche Negativbild über Russland und seinen Präsidenten zu zeichnen. Das auflagenstarke Boulevardblatt Bild mimt mal Chefankläger, »Präsident Wladimir Putin (63) ist schon jetzt einer der größten Kriegsverbrecher in Syrien«, mal setzt es »wirre Verschwörungstheorien« in die Welt: »Ist Wladimir Putin unsterblich?«

    Bevor die EU auf ihrem Gipfel in Brüssel darüber berät, ob die Russland-Sanktionen gelockert werden oder nicht ganz aufgehoben gehören, gibt es »gruselige Nachrichten«: »Ist der Kreml-Chef unsterblich? Beteiligt er sich seit knapp 100 Jahren an russischer Kriegspolitik? Oder sogar schon seit Jahrhunderten?« Bild hat »Belege«, »Bilder im Internet« – »auf den Fotos zu sehen: Sowjetsoldaten 1920 und 1941. Der eine befindet sich mit rotem Stern auf dem Helm inmitten einer Gruppe Soldaten, der zweite steht vor einem Panzer der Roten Armee stramm, auf seiner Brust prangen allerlei Orden. Auffällig: Beide sind dem Kreml-Chef wie aus dem Gesicht geschnitten, ähneln ihm extrem«. 

    »Putin ist unsterblich, womöglich ist er sogar ein Vampir!« – das sagen laut Bild »Anhänger wirrer Verschwörungstheorien«. »Anhänger des Russen-Präsidenten sehen Putin als mythische Figur, als Übermenschen, der seit Hunderten Jahren als mächtiger Mann auf der Erde umhergeistert. Sie behaupten: Putin soll schon als ›Vlad der Pfähler‹ den rumänischen Widerstand gegen das Osmanische Reich mitorganisiert haben. ›Vlad der Fähler‹ war dabei bekannt für seine grausamen Kriegsverbrechen, unter anderem das Aufspießen auf langen, spitzen Holz-Pfählen.« Russische Wissenschaftler hätten »Zeitreisen« möglich gemacht, »schicken Putin jetzt quer durch die Geschichte«.

    Hubert Seipel zitiert in seinem bereits erwähnten Buch »Innenansichten der Macht« den amerikanischen Strategen Henry Kissinger: »Die Dämonisierung von Wladimir Putin ist keine Strategie, sie ist ein Alibi für die Abwesenheit einer Strategie.« Lesen Sie es über die Weihnachtstage statt sich lange über ZDF und Bild zu ärgern. 

    Im Film »Und täglich grüßt das Murmeltier« gibt es übrigens ein Happy End. Bill Murray alias Phil Connors ist irgendwann müde, die immer gleiche Leier abzuspielen – und bricht so aus der Zeitschleife aus.

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    Tags:
    Putins Jahrespressekonferenz (2015), ZDF, Wladimir Putin, Russland
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