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14:54 19 September 2019
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    Eine Flüchtlingsdoku hat den Goldenen Bären der Berlinale 2016 erhalten.

    BERLINALE: Gigantische Zahlen, minimale Kunst

    © REUTERS / Stefanie Loos
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    400 Berlinale-Filme rauschten am Tag und in der Nacht über Netzhäute, rund eine halbe Million Menschen werden wieder in die Festivalkinos gegangen sein. Aber was bleibt? Die Filme im Herz der Kino-Maschine, dem Wettbewerb, werden schneller vergessen sein als sie vorgeführt wurden.

    "Briefe aus dem Krieg“ zum Beispiel, ein Film der im damals noch besetzten Angola spielt und vor dem Hintergrund der Kämpfe zwischen der portugiesischen Kolonialmacht und der Befreiungsbewegung handelt, spult dann doch nur Sehnsuchtsbriefe von der Front ab, einer Front, die den Machern des Films keine wirkliche Erinnerung wert ist. Die Kriege der letzten Jahre, die im Irak, in Libyen oder gar der in Syrien? Fanden nicht statt. Wer will auch schon die Sponsoren verärgern, wer will den Bundeszuschuss von 6,7 Millionen Euro gefährden?

    Aber, aber, ist der Einwand zu hören: Immerhin gab es zwei Filme über Flüchtlinge, einer, „Fire at Sea“ bekam sogar einen Goldenen Bären. Ist das nichts? Ja das ist was: Ein Film über die Folgen des Krieges. Einer, der über die unzähligen Flüchtlinge handelt, die auf ihrem Weg in ein Fluchtland auf der Insel Lampedusa landen und auch von den Vielen erzählt, die ertrinken.

    Der Krieg selbst aber, erst recht der Wirtschaftskrieg der „Entwickelten“ gegen die „Unterentwickelten“ blieb da, wo die Entwickler ihn am liebsten sehen: Im Dunkeln. Der zweite Fluchtfilm berichtete sogar von einer Mauer, von den USA zur Abwehr gegen die Mexikaner hochgezogen, um die Flucht aus der Armut in den Reichtum zu verhindern. Und von einem Schlupfloch: Wenn ein Mexikaner sich für einen der Kriege der USA meldet und den dann überlebt, bekommt er die begehrte Green Card, darf also im Land seiner Träume bleiben und den Rasen mähen. Das wäre eine filmische Anklage wert gewesen. Leider erzählt „Soy Nero“ wirr über die Wirren des Krieges, und ausschweifend über ausschweifenden Reichtum, genauer: Der Film kann nicht erzählen.

    Denken wir über Ästhetik nach, über die Möglichkeit der Verarbeitung eines Themas. Auch der mit einem goldenen Bären bedachte Film „Fire at Sea“ schildert nur unzureichend: Distanziert gegenüber den Flüchtlingen, kommt er den Bewohnern der Insel nur über eine bemühte Inszenierung nahe, für einen Dokumentarfilm der schlechteste Weg der Beobachtung. Noch schlechter erzählt „Midnight Special“ ein Science-Fiction-Film: Junge lasert aus den Augen, ist ein Alien hat aber Menschen-Eltern.

    In Polen haben Frauen es schwer, teilt uns „United States of Love“ mit: Bilder gut, Leben schlecht, Liebe schwierig. Isabelle Huppert ist eine sehr gute Schauspielerin, stellt der Film „L´Avenir“ fest, um dann über das Altern in Frankreich zu handeln: Das ist auch nicht anders als woanders.

    In diesem aufwendigen Wust von Nicht-Erzählung, der sich nur mit Themen tarnt, ihnen aber keinesfalls auf den Grund geht, ist die radikale Verweigerung irgendetwas zu erzählen mit dem iranischen Film „A Dragon Arrives“ einfach ehrlich und erfrischend: In einer Orgie von surrealen Bildern schweigt jede Sinnsuche. "Ich wollte so viel Paranoia wie möglich in dem Film" sagt der Regisseur Mani Haghighi voller Stolz und es ist ihm gelungen. Preiswerter ist ein Vollrausch nirgendwo zu bekommen und der Film ist, bei seltenerem Gebrauch, auch nicht gesundheitsschädlich.

    So trifft die diesjährige Berlinale eine gesamtgesellschaftliche Aussage über die Ästhetik des Mainstreams: Bildende Kunst, die nur dann etwas sagt, wenn die Kunstkritik ihr Inhalte aufschwätzt, Bücher, die den eigenen Bauchnabel für das Zentrum des Universums halten und eben Filme über alles Mögliche, das Unmögliche bleibt surreal.

    Quelle: rationalgalerie.de

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Mainstream, Kunst, Migranten, Berlinale, Deutschland