19:55 03 Juli 2020
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    Russischer Kampfjet an türkisch-syrischer Grenze abgeschossen (204)
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    Nach dem Abschuss einer russischen Su-24 durch die Türkei beschäftigen sich russische Auslandsexperten mit möglichen Folgen für Moskaus Beziehungen zur Nato, für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ und für die persönliche Verständigung zwischen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan.

    Alexej Puschkow, Chef des auswärtigen Ausschusses der russischen Staatsduma, sagte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung „Iswestija“: „Russland hat die Türkei weder angegriffen noch deren Sicherheit gefährdet. Deshalb ist es äußerst schwer zu sagen, was die Nato nun unternehmen könnte. Die Allianz muss handeln, wenn gegen die Sicherheit eines Mitglieds verstoßen wird. Doch niemand in der Türkei kam wegen der russischen Aktivitäten ums Leben. Abgeschossen wurde kein türkisches, sondern ein russisches Flugzeug. Vor diesem Hintergrund hat die Nato keine rechtlichen Gründe für einen Eingriff.“

    „Die Nato beschränkt sich wahrscheinlich darauf, den Vorfall unter die Lupe zu nehmen, und versucht, ihre Einheit zu demonstrieren und die türkische Version zu unterstützen, wonach der russische Kampfjet in den türkischen Luftraum eingedrungen sein soll“, prognostizierte Puschkow. Die russische Staats- und Militärführung hatte am Dienstag bereits betont, die Su-24 sei nicht im türkischen, sondern im syrischen Luftraum abgeschossen worden. Wladimir Putin warf der Türkei einen „Stoß in den Rücken“ vor. Die Türkei initiierte unterdessen eine Sondersitzung der Nato.

    Ruslan Puchow, Chef der russischen Denkfabrik CAST, kommentierte im Radiosender Kommersant FM, es gehe um keinen Bündnisfall für die Nato: „Ein Nato-Mitglied hat ja ein russisches Flugzeug abgeschossen – und nicht umgekehrt. Ich denke, in der Nato gibt es genug klare Köpfe. Zwar werden die baltischen Länder und in gewisser Hinsicht auch Polen wahrscheinlich versuchen, dieses Moment russlandfeindlich zu instrumentalisieren, doch die alten Nato-Mitglieder mit den USA an der Spitze (zumindest solange Barack Obama noch Präsident ist) werden sich kaum erhitzen und Öl ins Feuer gießen.“

    Puschkow ging in seinem „Iswestija“-Interview auch auf mögliche Folgen für den internationalen Kampf gegen den „Islamischen Staat“ ein. Er sagte, eine breite Koalition sei momentan sowieso nicht in Sicht, denn die USA seien dagegen. Und jene US-geführte Koalition, der auch die Türkei formell angehöre, habe seit anderthalb Jahren nichts erreicht: „Die Türkei ist Teil jenes fiktiven Kampfes gegen den IS. Sie rechnete, wie alle wissen, damit, dass der IS ihr helfen wird, die Regierung von Baschar Assad zu stürzen.“

    „Ich denke, es wäre jetzt daher möglich, nicht etwa eine einheitliche Koalition gegen den IS, sondern eher eine (vielleicht nicht formalisierte) Koalition de facto zu gründen. Diese könnte aus meiner Sicht von Russland und Frankreich zustande gebracht werden. Unabhängig davon, welche Antwort François Hollande bei seinen Gesprächen mit Barack Obama erhält, ist es für mich unvorstellbar, dass der französische Präsident zurückrudern wird in Bezug auf seine Entschlossenheit zum Kampf gegen den IS. Zumal nach seiner Erklärung vor dem französischen Parlament, als er sagte, der Feind in Syrien sei der IS. Frankreich wird also – ebenso wie Russland – sein Vorgehen gegen den IS fortsetzen. Ich denke, die USA können dabei nicht stören“, so Puschkow.

    © Ruptly .
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    Viktor Nadehin-Rajewski, Türkei-Experte vom Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagte der Onlinezeitung gazeta.ru, die Beziehungen zwischen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan seien bisher trotz aller Differenzen ziemlich respektvoll gewesen, doch nun würden sie sich verschlechtern: „Erdogan ist ein sehr impulsiver Mann. Einst waren er und Assad sehr gute Freunde, und zwar dank ihrer gemeinsamen Ablehnung gegen Israel. Doch dann bekam Erdogan den Wunsch, die islamische Welt im Alleingang zu führen.“

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    Su-24, NATO, Barack Obama, Alexej Puschkow, Recep Tayyip Erdogan, Syrien, Russland, Türkei