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    IS-Machtzirkel: Gegen wen Russland in Syrien kämpft

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    Terrororganisation Daesh (307)
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    Unter der Flagge des so genannten "Islamischen Staates" (IS) kämpfen trotz der seit anderthalb Jahren andauernden Luftangriffe Zehntausende Terroristen. Die Zeitung „RBC Daily“ hat analysiert, wer für die Terrormiliz kämpft.

    Gesichter des „Islamischen Staates”
    © REUTERS / Social Media Website
    Nach Einschätzung der Nichtregierungsorganisation Soufan Group zählten die IS-Kräfte in Syrien und im Irak Mitte Dezember 2015 zwischen 27 000 bis 31 000 Kämpfer, die aus insgesamt 86 Ländern in den Nahen Osten gekommen sind.

    Die "Financial Times" schätzte im Dezember das Budget der Terrormiliz auf etwa 20 Millionen Dollar monatlich. Im Pentagon hatte man noch im November behauptet, in Syrien und im Irak würde die Zahl der IS-Kämpfer „nur“ 20 000 bis 30 000 betragen. Auch die CIA hatte im September 2014 ungefähr dieselbe Zahl genannt, wobei das US-Kommando zwischenzeitlich über die Vernichtung von mindestens 23 000 Islamisten berichtete. Aber IS scheint immer neue Kräfte zu schöpfen.

    Kalif aller „Rechtgläubigen“

    Der Führer des „Islamischen Staates“ Abu Bakr al-Baghdadi
    © AP Photo / Militant video
    Der Führer des „Islamischen Staates“ Abu Bakr al-Baghdadi

    Der Anführer des „Islamischen Staates“ ist Abu Bakr al-Baghdadi, der sich im Juni 2014 zum Kalifen ernannte und sich Ibrahim nennen ließ. Er wurde vermutlich 1971 geboren. In der Jugend beschäftigte er sich mit religiösen Forschungen und wurde sogar Doktor an der Universität islamischer Wissenschaften in Adhamiyah.

    Bis in die späten 1990er-Jahre hatte al-Baghdadi mit dem radikalen Islam nichts zu tun. Wie sich der iranische Regierungsberater Hisham al-Hisham erinnerte, der sich damals mit al-Baghdadi getroffen hatte, war der künftige IS-Führer „sehr schüchtern und wortkarg“ gewesen. „Er interessierte sich für Forschungen auf dem religiösen Gebiet, und sein ganzes Interesse schien dem Koran zu gelten“, zitierten die Journalisten Michael Weiss und Hassan Hassan den Experten in ihrem Buch „ISIS: Inside the Army of Terror“.

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    Nach der Besetzung des Iraks durch die USA 2003 schloss er sich nicht den Aufständischen an, neigte aber immer mehr zu radikalen Ideen und gründete seine eigene bewaffnete Einheit, die er als „Volksarmee der sunnitischen Gemeinde“ bezeichnete. Bereits 2004 geriet er in US-amerikanische Gefangenschaft im Militärlager Bucca bei Basra. Entgegen der verbreiteten Meinung verließ er aber das Gefängnis nicht 2009, sondern nur wenige Monate nach seiner Gefangennahme. Doch in dieser Zeit überzeugte sich der künftige Kalif endgültig von der Notwendigkeit eines Dschihads gegen die „Ungläubigen“ sowie gegen diejenigen Muslime, die eine andere Ideologie als den sunnitischen Salafismus haben.

    Bereits 2007 wurde al-Baghdadi in den vom irakischen al-Qaida-Führer Abu Mussab Allianz-Zarkawi gegründeten Mudschaheddin-Rat des Iraks aufgenommen, und in den nächsten fünf Jahren avancierte er zum Dschihad-Führer im Nahen Osten. Dabei erwiesen sich seine fanatische Treue zu dieser Idee und seine in der Gefangenschaft geknüpften Kontakte als hilfreich, wie auch seine Zugehörigkeit zum Quraisch-Stamm, dem der Prophet Mohammed angehört hatte.

    Mit der irakischen Al-Qaida brach al-Baghdadi im Februar 2014, fast ein Jahr nach den ersten öffentlichen Kontroversen mit den sich in Pakistan versteckenden al-Qaida-Führern. Jetzt kämpfen seine früheren Mitstreiter von der al-Nusra-Front gegen IS genauso entschlossen, wie auch andere Gruppierungen der syrischen Opposition.

    Al-Baghdadis Macht ist so gut wie absolut: Er ist Kalif und Amir al-Mu’minin (Führer aller Rechtgläubigen) und damit der politische, militärische und religiöse Vorsteher, der auch als Oberster Richter über alle Aspekte der von ihm aufgebauten Gesellschaft entscheidet.

    Machtzirkel des Kalifen

    Abu Ali al-Anbari
    © Foto : Screenshot
    Abu Ali al-Anbari

    Bis August 2015 hatte al-Baghdadi zwei nächste Mitstreiter, Abu Ali al-Anbari und Abu Muslim at-Turkmani. Die beiden waren einst Oberoffiziere der Armee von Saddam Hussein gewesen. Der wahre Name al-Anbaris ist unbekannt. Er ist für die IS-Politik in den syrischen Provinzen zuständig und leitet den IS-Sicherheitsrat. In der Hussein-Armee war er Generalmajor. Er diente in der Provinz Anbar (darauf lässt sich sein Pseudonym zurückführen). Weiss und Hassan nennen ihn in ihrem Buch eine Person, die al-Baghdadis Schicksal beeinflusst habe. Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf syrische und irakische Kämpfer behauptete, war al-Anbari zuvor Mitglied einer anderen sunnitischen radikalen Gruppierung gewesen, nämlich der Ansar al-Islam, die ihn jedoch wegen Korruptionsverdachts ausschloss. „Es gilt, dass er die Scharia-Gesetze nicht so gut wie die anderen Oberführer kennt. Deshalb agiert er als politischer Gesandter“, so "Wall Street Journal".

    Der richtige Name At-Turkmanis, der auch als Hadschi Mutazz bekannt ist, ist Fald Ahmed Abdullah al-Hiyali. Er war al-Baghadis Stellvertreter im Irak und wurde bei einem US-Luftangriff am 18. August 2015 getötet.

    Der ethnische Turkmene aus der irakischen Provinz Ninawa diente, wie auch al-Baghdadi, in Saddam Husseins Armee, und zwar als Oberstleutnant der Republikanischen Garde. Nach "Wall Street Journal"-Angaben war er einst ein moderater Islamist gewesen, aber nach dem Austritt aus der Armee wegen der Machtübernahme durch die Amerikaner schloss er sich den sunnitischen Radikalen an.

    Mehr zum Thema: Bagdad meldet Festnahme von IS-Anführer durch US-Einheit – Pentagon dementiert

    Im Januar meldete die irakische Armee den Tod Nasser Marwan al-Obeidis, des Nachfolgers at-Turkmanis, der unter Hussein Brigadekommender der Republikanischen Garde gewesen war und während der US-Besatzung in den Gefängnissen Abu-Ghraib und Bucca gehalten worden war. Gleichzeitig berichtete der irakische Stab der Anti-Terror-Operation auch von einer  schweren Verletzung al-Baghdadis. Bislang aber wurde diese Information von IS-Seite nicht bestätigt.

    Al-Anbari (genauso wie einst at-Turkmani) gehört der so genannten Schura des "Islamischen Staates", seinem obersten Beratungsgremium, an. Die Schura ernennt Gouverneure von IS-Provinzen und ist dabei die einzige Kraft, die al-Baghdadi den Kalifentitel aberkennen kann. Der Vorsitzende der Schura ist Abu Arkan al-Amiri. Über ihn gibt es nur wenige Informationen, aber laut der Website Counter Terrorism Project ist er „das Schlüsselglied in der IS-Führung“ und der mögliche Kandidat für den Kalifentitel im Falle des Todes von al-Baghdadi. Die anderen Mitglieder der Schura sind religiöse Aktivisten, die von al-Baghdadi persönlich ernannt werden.

    Neben der Schura gibt es bei al-Baghdadi den Scharia-Rat. Das ist eine der geschlossensten Strukturen, zu deren Funktionen das Überprüfen der IS-Aktivitäten aus der Sicht ihrer Übereinstimmung mit den islamischen Normen gehört. Außerdem gibt es noch den Militärrat und den Sicherheitsrat. Der Militärrat übt die Funktionen des Generalstabs aus. Das zweite Gremium handelt als Spionage- bzw. Anti-Spionagedienst. Den Sicherheitsrat leitet al-Anbari. In den beiden Gremien sitzen jeweils acht bis 13 Personen, die permanent ausgewechselt werden.

    Offiziersschule

    Die Mehrheit im Militärrat bilden ehemalige Offiziere der Armee und Geheimdienste von Saddam Hussein. Er hatte den Kurs auf eine Verbindung mit den Islamisten bereits vor seinem Sturz 2003 genommen. Der im Februar 2014 ums Leben gekommene Abu Bakr al-Iraqi (Samir Abdul Mohammed al-Khlifawi), der vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ der Architekt der IS-Infiltration in Syrien genannt wurde, war Oberst der Geheimdienste aus der Zeit von Saddam Hussein.

    In der Armee des irakischen Diktators diente ebenfalls der im November 2014 getötete Abu Ayman al-Iraqi, der IS-Leiter in der Provinz Anbar, der anscheinend einst den Militärrat leitete. Zurzeit ist für Militäroperationen Noman Salman Mansur al-Saidi zuständig, der auch als Al-Nasser Lideen Allah Abu Suleiman bekannt ist.

    Über ihn ist fast nichts bekannt, außer der Tatsache, dass er Iraker ist und nach einigen Angaben ebenfalls einige Zeit im selben US-Gefängnis Camp Bucca verbrachte wie einst al-Baghdadi. Dieses Gefängnis, das 2003/2009 bestand, wurde von Experten als Dschihad-Schule bezeichnet. Dort waren mehrere heutige Leiter von ISIL und anderen Islamistengruppierungen inhaftiert. Bis zu ihrer Freilassung erhielten sie neue Kontakte und Nachfolger. In dieses Gefängnis wurden einst die gefährlichsten Häftlinge nach dem Skandal im Gefängnis Abu-Ghuraib verlegt, wo US-Militärs bei der Verhöhnung von Strafgefangenen erwischt wurden.

    In Bucca saß auch einer der führenden Strategen der Gruppierung, der 30-jährige Abu Waheeb (wirklicher Name – Shaker Wahib al-Fahdawi). 2006 wurde al-Fahdawi, der damals Informatik an der Universität in Anbar studierte, wegen Verdachtes der Teilnahme an der in Russland verbotenen Gruppierung „Al-Qaida im Irak“ und Beteiligung an Angriffen auf US-Militärs festgenommen. Er wurde von einem irakischen Gericht zur Todesstrafe verurteilt. Im September 2012 floh er zusammen mit weiteren 100 Häftlingen aus dem Gefängnis Tasfirat in Tikrit. Der Angriff auf dieses Gefängnis gilt als eine der erfolgreichsten Aktionen der Islamisten zur Befreiung ihrer Anhänger.

    Ausländische Mudschaheddin

    Die Heranziehung ausländischer Mudschaheddin ist die Hauptaufgabe der Dschihadisten von al-Baghdadi. Für diese Ziele verfügt der IS über eine Propaganda-Maschine, die aus Dutzenden Online-Medien besteht, darunter das eigene Magazin „Dabiq“, eine Gruppe in Sozialen Netzwerken und eigene Internet-Messenger.

    Mohammed Emwasi - „Jihadi John“
    © Foto : Screenshot
    Mohammed Emwasi - „Jihadi John“

    Ausländer werden aktiv zur Propaganda von Terror, öffentlichen Hinrichtungen, die online gestellt werden, herangezogen. Der bekannteste IS-Henker ist der britische Staatsbürger Mohammed Emwasi, bekannt als „Jihadi John“. Er gehört zu einer Gruppe aus vier Briten, die am häufigsten an Hinrichtungen  beteiligt sind, was Assoziierungen mit The Beatles auslöste. Geboren in Kuwait, zog er im Alter von sechs Jahren nach Großbritannien um, studierte an der Westminster University und verhielt sich unauffällig. Doch 2009 wurde er vom britischen Geheimdienst wegen des geplanten Anschlusses an die Islamisten aus der Bewegung „al-Shabaab“ bemerkt, die in Somalia kämpft. Er wurde mehrmals festgenommen, erwies sich in einer Liste der potentiellen Extremisten, doch bis 2012, als er nach Syrien zog, gab es keine offiziellen Vorwürfe. „The Telegraph“ nannte ihn zwar eine der führenden Personen unter den Islamisten, sein realer Einfluss war schwer einzuschätzen – er wurde bekannt, nachdem er persönlich ausländische Geiseln enthauptete. Britische Behörden erklärten im November 2015, dass Emwasi bei einem Drohnenangriff  ums Leben gekommen sei. Einen Monat später bestätigte US-Präsident Barack Obama, dass der Terrorist beseitigt worden sei.

    Hinrichtung eines Tschetschenens durch IS-Kämpfer
    © Foto : Screenshot
    Hinrichtung eines Tschetschenens durch IS-Kämpfer

    An den Hinrichtungen soll auch ein Russe teilgenommen haben, der von westlichen Medien als Dschihadi Wlad und von russischen Medien als Dschihadi Tolik bezeichnet wird. Im Dezember enthauptete er  einen „russischen Spion“, den in Tschetschenien wohnhaften Magomed Hassijew. Der neue Medienhenker wurde via Soziale Netzwerke identifiziert – das war der Einwohner von Nojabrjsk Anatoli Semljanka. Seine Schul- und Hochschulfreunde nannten ihn einen guten Kumpel, der nach Tjumen umzog und dort neue muslimische Freunde fand und sich zum Islam bekannte. Seit 2011 hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie, seine Beiträge auf VKontakte (Sozialnetzwerk) waren nur religiös.

    Tschetschenische Eliteeinheiten

    Laut Soufan Group sind Personen aus Russland und den GUS-Staaten die drittgrößte Gruppe der ausländischen Mudschaheddin in Syrien und im Irak – 4700 Menschen in der Region. Das ist weniger als die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin im Oktober geäußerte Schätzung von 5000 bis 7000 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Dazu gehören 2400 Russen, die meisten davon Tschetschenen.

    Am besten bekannt ist wohl der Lebenslauf von Abu Umar al-Schischani (wirklicher  Name – Tarhan Batiraschwili). Die Brookings Institution nennt ihn den Leiter der Militäroperationen in Syrien. Bekannt ist, dass er zum IS-Militärrat gehört. Der ethnische Tschetschene, ehemaliger Sergeant des georgischen Geheimdienstes, der von Amerikanern ausgebildet wurde, nahm am Krieg mit Russland 2008 teil, wurde kurz danach wegen illegalen Waffenbesitzes festgenommen. Im Gefängnis erlernte er salafitische Lehre, obwohl er selbst aus einer Christenfamilie stammte. 2010 wurde er bei einer Amnestie freigelassen, tauchte dann 2013 in Syrien auf, wo er die eigene Dschihadisten-Gruppierung Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar leitete. 

    Abu Umar al-Schischani (wirklicher  Name – Tarhan Batiraschwili)
    © Foto : Screenshot
    Abu Umar al-Schischani (wirklicher Name – Tarhan Batiraschwili)

    Wie das arabische Nachrichtenportal „Al Monitor“ bereits Anfang des vergangenen Jahres mitteilte, waren die meisten Personen aus Russland Tschetschenen, die nach Syrien kamen und Dschebhat al-Nusra bzw. IS beitraten. Viele von ihnen kamen zusammen mit ihren Familien. „Man kann sie auf den Straßen von Rakka sehen“, schrieb die Zeitung. Laut Gesprächspartnern überfluteten ausländische Dschihadisten alle Hotels der Stadt. Zunächst löste der Zustrom der Ausländer Unzufriedenheit  bei den Einheimischen aus, doch früher oder später werden sie sich integrieren, so die US-Experten Charles Caris und Samuel Reynolds. „Das passt gut zur Vision eines globalen Kalifats, das konzipiert ist, um die aktuellen kulturellen und ethnischen Grenzen zu verwischen“, so US-Experten.

    „Tschetschenen werden von anderen ISIL-Dschihadisten gewöhnlich als brutalste Kämpfer wahrgenommen, weil sie jahrelange Erfahrungen eines erschöpfenden Kampfes gegen die russische Armee haben“, so die Journalisten Michael Weiss und Hassan Hassan. In ihrem Buch berufen sie sich auf die Meinung des US-Experten Chris Harmer, der al-Schischani als bekannteste Figur unter den Kommandeuren bezeichnet. Doch dieser Titel wird im IS bestritten. In Dschihadisten-Foren ist zu sehen, dass einige Mitkämpfer ihn als Parvenü bezeichnen, der nur dazu fähig ist, Mudschaheddin als Kanonenfutter in den Tod zu schicken.

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    Dschabhat al-Nusra, Al-Qaida, CIA, Terrormiliz Daesh, Abu Umar al-Schischani, Jihadi John, Barack Obama, Abu Waheeb, Camp Bucca, Abu Ayman al-Iraqi, Nasser Marwan al-Obeidis, Abu Muslim at-Turkmani, Abu Ali al-Anbari, Abu Mussab Allianz-Zarkawi, Michael Weiss, Hassan Hassan, Abu Bakr al-Baghdadi, USA, Irak, Syrien
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