04:50 18 November 2019
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    Braunauer FPÖ-Vizebürgermeister Christian Schilcher (Archivbild)

    FPÖ dichtet über Ratten „mit Kanalisationshintergrund“: Migranten mit Ratten gleichgesetzt?

    © AFP 2019 / FRANZ NEUMAYR / APA
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    Am Osterwochenende hat die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) in Braunau ein Gedicht unter dem Titel „… die Stadtratte (Nagetier mit Kanalisationshintergrund)“ verteilt. Das Gedicht ist sofort als ausländerfeindlich erklärt worden. Kanzler Kurz hat empört reagiert.

    „So, wie wir hier unten leben,/ müssen and're Ratten eben,/ die als Gäst' oder Migranten,/ auch die, die wir noch gar nicht kannten,/ die Art zu leben mit uns teilen!/ Oder rasch von dannen eilen!“ steht unter anderem im Gedicht. Es sollten Ostergrüße sein, die die FPÖ Braunau per Postwurfsendung ausschickte. Verfasst wurde das Gedicht vom Vizebürgermeister Christian Schilcher (ebenfalls FPÖ). Offenbar erreichte dieser Ostergruß sein Ziel nicht.

    Kritik von allen Ecken und Enden: „Letzte rote Linie überschritten“

    „Die FPÖ Braunau stellt sich hier auf ein Niveau der Menschenverachtung und der Schändlichkeit, die ihresgleichen sucht. Das ist schlimmste rechtsextreme Diktion, auch die Nazis haben Menschen mit Ratten verglichen“, reagierte die oberösterreichische SPÖ-Chefin Birgit Gerstorfer. Solche Propaganda dürfe in Österreich keine Sekunde geduldet werden.

    Auch die Vertreter von Regierungspartei ÖVP fordern klare Konsequenzen für ihren freiheitlichen Koalitionspartner. „In einem weltoffenen Land wie Oberösterreich haben solche Vergleiche keinen Platz und werden auch nicht toleriert. Ich erwarte mir, dass sich die FPÖ rasch und deutlich von diesem ‚Gedicht‘ distanziert“, sagte Landeshauptmann Thomas Stelzer zur APA.

    Die Grüne-Partei schloss sich die Kritik an. Das Gedicht erinnere „in Stil und Inhalt an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte“, betonte Bezirkssprecher der Grünen Braunau, David Stögmüller. „Jetzt ist die letzte rote Linie überschritten worden und es muss endlich Konsequenzen geben“, so der Politiker.

    Bundeskanzler Kurz: „Abscheulich, menschenverachtend sowie zutiefst rassistisch“

    Nun äußerte sich Bundeskanzler Sebastian Kurz zu diesem Fall. „Die getätigte Wortwahl ist abscheulich, menschenverachtend sowie zutiefst rassistisch und hat in Oberösterreich und im ganzen Land nichts verloren“, so Kurz am Montag. „Es braucht sofort und unmissverständlich eine Distanzierung und Klarstellung durch die FPÖ Oberösterreich.“

    „Will der Kanzler in dieser Sache Glaubwürdigkeit haben, muss er jetzt handeln“, nahm daraufhin SPÖ-Bundesparteiobfrau Pamela Rendi-Wagner Kurz in die Pflicht.

    FPÖ verteidigt sich: „Nicht Linie der Partei“

    Als „unglücklich“ bezeichnete das Gedicht der Bezirksparteiobmann der FPÖ Braunau, David Schießl: „Ich hätte das nicht gemacht.“

    Der Braunauer Stadtrat Hubert Esterbauer stellte am Montag klar: „Die Stadtratte“ sei eine Kolumne des freiheitlichen Vizebürgermeisters von Braunau, er habe das Gedicht nicht selbst verfasst. Was der hier gereimt habe, sei weder Linie der Partei noch seine, Esterbauers, Linie.

    Als „geschmacklos“ bezeichnete das Gedicht eben der Landesparteisekretär der FPÖ Oberösterreich, Erwin Schreiner. Seitens der Landespartei habe man bereits ein ernstes und klärendes Gespräch mit dem Autor geführt. Dieser sei „voll einsichtig“, so Schreiner.

    Öl ins Feuer um die FPÖ goss in den letzten Tagen ein Facebook-Posting von Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Denn: die von ihm geteilte Seite leugnet Holocaust und warb auch mal für Hitler.

    Autor tritt zurück: „Ich wollte mit meinem Text keinesfalls beleidigen“

    Der Dichter, Braunaus FPÖ-Vizebürgmeister Christian Schilcher entschuldigte sich am Montagabend per Aussendung für seine „unscharfen und zu wenig präzisen Formulierungen“. „Ich wollte mit meinem Text provozieren, aber keinesfalls beleidigen oder gar jemanden verletzen“, teilte er mit. „Dass der Vergleich von Mensch und Ratte historisch belastet und mehr als unglücklich ist, ist ein Faktum und es tut mir aufrichtig leid, das missachtet zu haben“, so Schilcher weiter. Er habe nur sagen wollen: „Wer zu uns kommt und sich an unsere Gesetze hält, kann ein Teil von uns werden, wer unsere Gesetze und Gebräuche miss- oder gar verachtet, kann das nicht.“

    Am Dienstagvormittag legte Christian Schilcher sein Amt nieder. Das bestätigte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Wie Strache bei einer Pressekonferenz sagte, wird der Funktionär auch aus der FPÖ austreten.

    Shitstorm in den sozialen Medien

    In den sozialen Medien schlug das Gedicht auch hohe Wellen.

    ​Doch einige User sehen darin keinen Skandal:

    ​Das Thema brachte Österreich in internationale Schlagzeilen: BBC, ABC News, New York Times, Fox News und Dutzende andere Zeitungen berichten davon.

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    Tags:
    Heinz-Christian Strache, Ratte, Gedichte, Migranten, Sebastian Kurz, Österreich, Freiheitspartei Österreichs (FPÖ)