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    Österreichs Präsident Alexander Van der Bellen (Archiv)

    Russische Spuren in Österreichs Politik: Präsident Van der Bellen erstmals in Heimat seiner Eltern

    © AFP 2019 / JOE KLAMAR
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    Am Mittwoch, 15. Mai trifft Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Sotschi zu einem Arbeitsbesuch. Dort starten die beiden Staatschefs das bilaterale zivilgesellschaftliche Forum „Sotschi-Dialog“ mit dem Ziel, das gegenseitige Verständnis weiter zu verbessern.

    Wladimir Putin sowie auch der russische Außenminister, Sergej Lawrow, waren bereits in der Hofburg zu Gast. Nun tritt der österreichische Bundespräsident seine erste Reise nach Russland an. Doch nicht nur der anstehende Arbeitsbesuch verbindet Alexander Van der Bellen mit diesem Land: Seine Vorfahren gehörten dem russischen Adel an.

    Die russische Adelsvergangenheit der Familie Van der Bellen

    Im Februar war Van der Bellen mit einem Russen in der Hofburg zusammengekommen – mit dem Leiter des Staatsarchivs der südwestlich von Sankt Petersburg gelegenen Region Pskow, Walerij Kuzmin. Im Zentrum ihrer Gespräche stand die Geschichte der Familie Van der Bellen.

    Der etymologische Ursprung des Familiennamens „Van der Bellen“ liegt in Holland, von wo aus die Familie Ende des 17. Jahrhunderts in das russische Zarenreich emigrierte. Von nun an lautete in den offiziellen Dokumenten ihr Name „Von-der-Bellen“.

    Mit hoher Wahrscheinlichkeit kämpfte der Gründer der Pskower Familie Abraham Von der Bellen im Krieg gegen Napoleon. Im selben Jahr wurde er mit dem St.-Wladimir-Orden geehrt und aufgrund dieser Auszeichnung ins staatliche Adelssystem aufgenommen.

    1859 kam sein Enkelkind Alexander zur Welt, der Großvater des heutigen österreichischen Präsidenten. Ab 1913 leitete er den sogenannten „Semstwo“, die Länderverwaltung des Pskower Gouvernements, und nach der Februarrevolution 1917 übernahm er die Leitung der Lokalregierung. Nach Ansicht der provisorischen Regierung hätte niemand besser als er die Situation in der Region einschätzen können.

    >>>Mehr zum Thema: Warum Alexander van der Bellen Russland einst die Treue schwur<<<

    Im darauffolgenden Jahr begann im Land die erste Terrorwelle. Die adelige Familie floh nach Estland, wo sie den Namen wieder auf „Van der Bellen“ änderte, um sich auf die holländische, absolut bürgerliche Herkunft berufen zu können. Als im Jahr 1940 die Sowjetarmee in Estland einmarschierte, fühlte sich die Familie wegen ihrer russischen Adelsvergangenheit erneut bedroht und floh nach Österreich. Dort wurde im Jahr 1944 Alexander Van der Bellen geboren, der 72 Jahre später als Bundespräsident angelobt werden sollte. Des Russischen ist er allerdings nicht mächtig. Denn obwohl es die Erstsprache der Eltern war vermieden sie es, mit den Kindern Russisch zu sprechen

    „Gute Beziehungen zu Russland sind mir ein persönliches Anliegen“

    Im Juni 2018 kam der russische Präsident, Wladimir Putin, nach Österreich. Es war seine erste Arbeitsreise in der EU seit seiner Wiederwahl. Empfangen wurde er vom Bundespräsidenten Van der Bellen. Und obwohl sie sich nicht auf Russisch unterhielten, fanden sie schnell einen gemeinsamen Nenner.

    „Gute Beziehungen zu Russland sind mir nicht nur ein politisches, sondern auch ein persönliches Anliegen“, meinte Van der Bellen damals.

    Sein Interesse an der Fortsetzung guter Beziehungen zwischen Österreich  und Russland gab er bereits im Jahr 2017 kurz nach seiner Wahl kund. Seitdem gibt es einen intensiven österreichisch-russischen Dialog, aus dem bereits mehrere bilaterale Spitzentreffen hervorgingen.

    Während dieser Zeit übte Van der Ballen mehrmals Kritik an Russland. Doch im Vordergrund stand für ihn stets die Notwendigkeit eines konstruktiven Dialogs. Als im vergangenen Jahr Spionage-Vorwürfe laut wurden, forderte der österreichische Staatschef eine objektive Ermittlung und mahnte, von einer sofortigen Dramatisierung abzusehen.

    Dialog-Forum in Sotschi: Miteinander sprechen statt gegeneinander schweigen

    Die neue Plattform „Sotschi-Dialog“ soll dem konstruktiven Dialog dienen. „Vergleichbare Dialogplattformen sind der russisch-deutsche Petersburger Dialog und der russisch-französische Trianon-Dialog“, sagte Van der Bellens Sprecher Reinhard Pickl-Herk. Der Sotschi-Dialog soll die bilateralen Beziehungen stärken und die Kontakte in den Bereichen Wissenschaft, Bildung, Kunst und Sport fördern. Kovorsitzende sind auf österreichischer Seite Ex-Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl und auf russischer der ehemalige Bildungsminister und Putin-Assistent Andrej Fursenko.

    „Ich freue mich sehr darauf, da die Beziehungen zwischen Russland und Österreich traditionell gut sind – sehr gut würde ich sagen – und eine lange Geschichte haben. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um die Beziehungen weiter zu vertiefen“, äußerte Van der Bellen in einem Interview im Vorfeld des Forums. „Wir haben eine Angewohnheit, über die Europäische Union als über Europa zu sprechen. Wir vergessen die anderen Länder, die auch dazu gehören, darunter natürlich Russland“.

    Im Jahr 1917 bekleidete Alexander Van der Bellens Großvater den höchsten Posten im Gebiet Pskow. Im Gouvernement herrschte Hungersnot; es mangelte an Brennstoff und Verkehrsmitteln; Massenunruhen begannen. Unter den neuen Bedingungen musste er seinen Pflichten nachkommen – eine schier unmögliche Aufgabe. Die Aufgaben, die nun sein Enkelkind zu bewältigen hat, sind anders, aber nicht viel einfacher: Sanktionen, Ukraine-Krise, die Situation um das Projekt Nord-Stream 2. Doch wie vor hundert Jahren muss man auch heute bereit sein, hart zu arbeiten und einen Dialog zu führen.

    „In der österreichischen Sprache gibt es einen Ausdruck: „Durchs Reden kommen die Leute zusammen“. Das heißt, miteinander zu sprechen ist immer besser als gegeneinander zu schweigen“, so der Bundespräsident.

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    Tags:
    Dialog, Forum, Sotschi, Geschichte, Politik, Sergej Lawrow, Wladimir Putin, Russland, Alexander van der Bellen, Wien, Österreich