07:40 11 Dezember 2019
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    Muslime in Wien (Archivbild)

    Knapp die Hälfte der Afghanen Wiens wünscht sich religiösen Führer

    © AP Photo / Ronald Zak
    Österreich
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    Die Forschungsinstitute think.difference und SORA haben im Auftrag des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) Jugendliche mit muslimischer Prägung in Wien befragt, um Erkenntnisse über ihre Identifikation, demokratische Grundhaltungen sowie abwertende und gewaltlegitimierende Einstellungen zu gewinnen.

    Die Ergebnisse der Recherche wurden auf der offiziellen Seite des ÖIF veröffentlicht. An der Studie unter der Leitung von Kenan Güngör nahmen demnach mehr als 700 Jugendliche mit afghanischem, syrischem, tschetschenischem, kurdischem, türkischem und bosnischem Migrationshintergrund sowie ohne Migrationshintergrund teil.

    Dem Fonds zufolge hat eine starke Orientierung am Islam neben der familiären Sozialisierung, dem sozialen Umfeld und der aktuellen psychischen Verfassung Einfluss auf demokratieablehnende sowie abwertende Grundhaltungen. Auch autoritäre Prägungen aus dem Herkunftsland der Eltern haben indirekten Einfluss auf die Einstellungen der Jugendlichen.

    Hälfte der Afghanen stellen Regeln des Islam über Gesetze Österreichs

    Wenn Religion eine übergeordnete Rolle spielt, ist auch die Einstellung zu Demokratie negativer, ergab die Forschung. Die stärkste Orientierung am Islam weisen Jugendliche aus Afghanistan (72 Prozent) sowie aus Syrien und Tschetschenien (je 69 Prozent) auf.

    Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der afghanischen Jugendlichen gibt an, dass religiöse Vorschriften über den Gesetzen Österreichs stehen, knapp die Hälfte (47 Prozent) will einen religiösen Gelehrten an der Spitze des Staates sehen.

    Religiosität führe jedoch nicht per se dazu, dass die Religion über den demokratischen Staat gestellt werde, räumen die Forscher ein. Diese Verbindung ergebe sich vor allem dann, wenn die Religion eine bestimmte Funktion im Leben der jungen Menschen erfülle. So stellten die jungen Menschen aus Afghanistan die Vorschriften des Islam vor allem dann über die Demokratie, wenn sie durch die Religion Teil einer Gemeinschaft sein und in dieser Gemeinschaft Rat finden würden.

    Abwertungen

    Laut der Studie sind abwertende Einstellungsmuster unter jungen Menschen mit afghanischen, syrischen, tschetschenischen, türkischen und bosnischen Migrationshintergründen häufiger verbreitet als unter jungen KurdInnen und jungen Menschen ohne Migrationshintergrund. Es seien vor allem abwertende Einstellungen gegenüber Homosexuellen, Frauen und Juden.

    Demokratie wird gelernt

    Die jungen Menschen aus Afghanistan und Syrien sind erst seit relativ kurzer Zeit in Wien, gefolgt von den jungen Menschen mit tschetschenischen, kurdischen, türkischen oder bosnischen Migrationshintergründen.

    Das Forscher-Team betont: Demokratie wird gelernt. Mit zunehmender Aufenthaltsdauer in Österreich sinken antidemokratische und gleichwertigkeitsfeindliche Grundhaltungen.

    Der Respekt vor den österreichischen Gesetzen ist bei jungen Muslimen in Wien hoch. Die Zustimmung zu Respekt vor Ordnung und Gesetzen liegt bei allen Gruppen bei über 80 Prozent. Unter Jugendlichen aus Tschetschenien ist der Wert mit 84 Prozent am geringsten.

    Die Mehrheit der befragten jungen Menschen lehnt Gewalt ab. Eine Ausnahme bildet auch hier die Gruppe der Afghanen: Etwas mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen aus Afghanistan erachten Gewalt als legitimes Mittel zur Herstellung von Ehre und Respekt im Hinblick auf die eigene Person oder Religion.

    Kritik seitens ÖVP und FPÖ

    Vertreter der ÖVP und der FPÖ kommentierten die Ergebnisse der Studie und kritisierten dabei die Integrationspolitik der in Wien regierenden Koalition aus SPÖ und Wiener Grünen.

    Die Integrationssprecherin der neuen Volkspartei Wien, Caroline Hungerländer, sieht laut einem auf dem Portal APA veröffentlichten Statement ein klares Versagen der Wiener Integrationspolitik. Die ÖVP-Vertreterin forderte eine Überarbeitung des Integrationskonzepts der Stadtregierung.

    FPÖ-Chef Norbert Hofer bezeichnete seinerseits die Rechercheergebnisse als „alarmierend“ und „schockierend“ und rief zur Kürzung der Transferleistungen für Ausländer auf, die sich nicht integrieren wollten.

    „Die Sitten und Regeln des islamischen Lebens sind mit jenen in Österreich nicht kompatibel“, so Hofer.

    Wer in Österreich lebe, solle seine Verhaltensweisen ändern und die hier geltenden Regeln und Gesetze einhalten.

    Immer mehr Österreicher mit Zusammenleben mit Muslimen unzufrieden

    Eine frühere ÖIF-Umfrage hatte gezeigt, dass viele Österreicher dem Zusammenleben mit Zuwanderern zunehmend kritisch gegenüberstehen.

    Nach Angaben der Umfrage – sie wurde unter 1000 österreichischen Staatsbürgern durchgeführt – bewerten 42 Prozent der Befragten das Zusammenleben mit Zuwanderern positiv. Das sind sechs Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders kritisch wird das Zusammenleben mit Muslimen wahrgenommen. 62 Prozent der Befragten empfinden dieses als negativ (im Winter 2018 waren es noch 59 Prozent). Die Furcht vor einer Ausweitung des politischen Islam sei groß.

    mo/ip

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    Tags:
    Muslime, Islam, Wien, Österreich