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    Bei der Schlacht um Wien sind rund 18 000 Rotarmisten gefallen. Sputnik sprach mit Rolf Urrisk, Brigadier in Ruhe und Chronist der 2000-jährigen Geschichte der Garnisonsstadt Wien, die bislang in sechs Bänden erschienen ist. Band 6 widmete er der Zeit der Besatzung durch Alliierte, um deren Soldaten ein Denkmal zu setzen.

    Die Meinung russischer Militärhistoriker, das sowjetische Oberkommando habe beschlossen, Luftwaffe und schwere Artillerie, wie es bei der Befreiung anderer Großstädte von Nazi-Truppen erfahrungsgemäß der Fall war, während der Kämpfe um Wien möglichst nicht einzusetzen, konnte Urrisk so nicht bestätigen. „Ich kann mir aber vorstellen, dass es diese Weisung bezüglich der Stadt gegeben hat. Es war niemand an der Zerstörung Wiens interessiert. Auch die Amerikaner nicht, die die absolute Luftherrschaft hatten und die die Luftangriffe gegen Wien mit Unterstützung durch die Engländer geflogen sind. Sie waren bemüht, ausschließlich militärische Ziele bzw. Einrichtungen der Kriegsindustrie zu treffen.“

    Sowjetische Patrouille auf der Wiener Reichsbrücke, 20. April 1945
    © Sputnik / Olga Lander
    Sowjetische Patrouille auf der Wiener Reichsbrücke, 20. April 1945

    Am 11. April 1945, auf dem Höhepunkt der Schlacht um Wien, drangen sowjetische Truppen mit Panzerbooten auf der Donau bis zur Reichsbrücke vor, der einzigen Brücke über den Fluss, die von der Deutschen Wehrmacht nicht gesprengt wurde, und vernebelten diese. Etwa 500 m nordwestlich der Brücke gingen die ersten Soldaten an Land und nahmen die Brücke in Besitz. Zum Dank und zur Erinnerung daran wurde von der Stadt Wien zunächst ein Obelisk aufgestellt, der später durch eine Gedenktafel an der Reichsbrücke ersetzt wurde. Die Gedenktafel gebe es heute noch, so der Buchautor.

    „Da die Rote Armee große Angst vor Hinterhalten und verminten Gebäuden hatte“, berichtet Urrisk, „wurde jedes Haus beim Vorstoß gegen die Innere Stadt von Sturmpionieren nach versprengten deutschen Soldaten und Sprengfallen durchsucht. Danach wurden an den Häusern mittels einer Schablone die Worte „квартал проверен“ (Viertel geprüft) versehen mit der Nummer der Sturmpionierkompanie aufgemalt. Das bekannteste Gebäude, auf dem sich diese Beschriftung noch heute befindet, ist wohl der Stephansdom (an der südwestlichen Ecke). Auch am Pallais Pallavicini am Josefsplatz (hier befindet sich die bekannte Tanzschule Ellmayer) kann man diese Inschrift sehen.“

    Diese Beschriftungen kenne kaum ein Wiener, behauptet der Chronist. Viele Leser des Buches haben dem Buchautor gesagt, dass sie tagtäglich daran vorbeigehen würden, ohne sie je bemerkt zu haben. Urrisk bietet Spaziergänge durch die Innere Stadt an, wo er die Teilnehmer auf alle diese „unbekannten“ Erinnerungen hinweist und an Hand von Anekdoten deren Geschichte erklärt. Er schildert, wie die vier Alliierten (Frankreich, Großbritannien, die USA und die Sowjetunion) – vom kommandierenden General bis zum einfachen Soldaten – Wien als Garnisonsstadt erlebt haben, ob als Befreier, als Besetzer, als Helfer in der Not oder beim Wiederaufbau. „Denn die offizielle Version lautet: Die Sowjetische Armee hat Wien befreit. Die Alliierten haben Wien danach besetzt. Für die Wiener war es in den meisten Fällen doch eine Befreiung - so sie nicht etwas Schlimmes erlebt haben!“

    Treffen von Rotarmisten und US-Soldaten in Österreich
    © Sputnik / Olga Lander
    Treffen von Rotarmisten und US-Soldaten in Österreich

    Ziel der Alliierten war von Anfang an die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von Österreich, das aus ihrer Sicht als erstes freies Land der Aggressionspolitik Hitlers zum Opfer gefallen war. So wie es die Außenminister von Großbritannien, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zuvor bereits in derMoskauer Deklaration am 30. Oktober 1943 beschlossen hatten. Und die Alliierten setzten während der Besatzungszeit auch alles daran, das normale Leben in Österreich wiederherzustellen und Österreich in seine Souveränität zurückzuführen, betont der Buchautor.

    Bemerkenswerte Aktivitäten der Roten Armee für die Bevölkerung

    „Nach dem Krieg kam es unverzüglich zum Wiederaufbau mit der Hilfe der Roten Armee aller durch die zurückweichende Deutsche Wehrmacht gesprengten Brücken über die Donau – eine großartige Leistung für die durch die Donau getrennte Wiener Bevölkerung“, so Urrisk weiter. „Sowjetische Truppen halfen auch beim Wegräumen des Schutts und dem Wiederaufbau etwa der Oper. Da eine große Hungersnot herrschte, erging der Befehl des sowjetischen Oberkommandos, Lebensmittel (,Maispende‘ oder auch ‚Stalinspende‘ – von den Wienern jedoch ,Erbsenspende‘ genannt) an die Bevölkerung auszugeben.“

    Ein österreichisches Mädchen tanzt mit einem Offizier der roten Armee vor dem Parlamentsgebäude in Wien, 15. April 1945
    © Sputnik / Anatolij Grigorijew
    Ein österreichisches Mädchen tanzt mit einem Offizier der roten Armee vor dem Parlamentsgebäude in Wien, 15. April 1945

    Der Militärhistoriker führt weiter aus: „Da der Tiergarten Schönbrunn durch Bomben stark beschädigt wurde, und die Tiere zu verhungern drohten, gab der sowjetische Stadtkommandant General Dimitrij Schepilow die Anweisung, täglich Armeerationen für jedes Tier auszugeben. Die Pfleger wurden vom Arbeitsdienst für die Rote Armee befreit, um sich weiter den Tieren widmen zu können. Damit wurde der Tiergarten gerettet. Orchester, Gesangs- und Tanzgruppen der Roten Armee traten im Konzerthaus, in Parks und auf Fußballplätzen für die Wiener Bevölkerung auf. Auch wurden Kino- und Theatervorführungen und sogar Weihnachtsfeiern für Wiener Kinder durchgeführt.“

    "Die Vier im Jeep"

    Um die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten, wurde neben der Wiener Sicherheitswache auch die Militärpolizei eingerichtet, berichtet Urrisk. „Diese ging gegen Ausschreitungen eigener Soldaten innerhalb der jeweiligen Zone äußerst rigoros vor. Musste aber gegen zonenfremde Soldaten bzw. gegen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten verschiedener Nationalität eingeschritten werden, dann griff die Interalliierte Militärpolizei ein, die legendären ‚Vier im Jeep‘, wie sie nach dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1952 von der Bevölkerung genannt wurden. Jeder, der den Jeep kennt, weiß, dass es praktisch unmöglich ist, dass hier vier vollständig ausgerüstete Soldaten und ein Funkgerät Platz finden und sich vor jeder Witterung schützen. Alle Fahrzeuge sowie die Kraftfahrer wurden von den Amerikanern gestellt.

    Interalliierte Militärpolizei in Wien (Foto aus dem Buch von Rolf M. Urrisk-Obertynski (Hg.): „Wien - 2000 Jahre Garnisonsstadt - Die vier Alliierten 1945-1955“, Weishaupt-Verlag, Gnas 2015)
    © Foto : Weishaupt-Verlag
    Interalliierte Militärpolizei in Wien (Foto aus dem Buch von Rolf M. Urrisk-Obertynski (Hg.): „Wien - 2000 Jahre Garnisonsstadt - Die vier Alliierten 1945-1955“, Weishaupt-Verlag, Gnas 2015)

    Das Sowjetische Element überraschte im Dezember 1951 - dem Monat, in dem es den Vorsitz führte - seine westlichen Kameraden dadurch, dass es erstmalig fünf schwarzlackierte, luxuriöse 1948er GAZ M-20 Limousinen samt Fahrer zum Einsatz brachte. Das Motto hieß: ,Wir Russen haben auch gute Fahrzeuge und Fahrer.‘ So wurden aus den ,Vier im Jeep‘ die ,Vier in der Limousine‘.“ Da sich diese Fahrzeuge aber nicht bewährten, brachte das amerikanische Element ab Jänner 1952 viertürige, glänzend olivbraun lackierte Chevrolet Limousinen zum Einsatz, die später dann weiß lackiert wurden, nur die Motorhaube war schwarz.“

    Wie wurden Sprachbarrieren bei der Kommunikation der Alliierten-Soldaten überwunden?

    Bei der gemischten Militärpolizeipatrouillehabe sich das besonders bemerkbar gemacht, merkt Urrisk an. „Anfänglich versuchte man sich auf Deutsch zu verständigten. Laut Aussage eines ehemaligen US-Militärpolizisten ging es aber manchmal auch so: ,Ein Amerikaner, der russisch verstand, übersetzte einem französisch sprechenden Engländer, was der Russe dem Franzosen sagen wollte‘. Grundsätzlich legten alle vier Besatzungsmächte größten Wert darauf, dass zumindest höhere Offiziere deutsch und eine der beiden anderen Besatzungssprachen erlernten. Dazu gab es von amerikanischer Seite diverse Lernunterlagen und Sprachkurse. Neben dem Sprachunterricht gab es auch einen Politunterricht, der verhindern sollte, dass russische Offiziere der ,Dekadenz des Westens zum Opfer fallen‘.“

    • Generalleutnant der Roten Armee Alexey Blagodatow (2L) spricht mit Arbeitern beim Restaurieren von Wiener Oper
      Generalleutnant der Roten Armee Alexey Blagodatow (2L) spricht mit Arbeitern beim Restaurieren von Wiener Oper
      © Sputnik / Olga Lander
    • Sowjetische Soldaten am Grab von Jochann Strauss, 20. April 1945
      Sowjetische Soldaten am Grab von Jochann Strauss, 20. April 1945
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    © Sputnik / Olga Lander
    Generalleutnant der Roten Armee Alexey Blagodatow (2L) spricht mit Arbeitern beim Restaurieren von Wiener Oper

    Ehrenmal am Schwarzenbergplatz

    Bereits vor dem Eintreffen der Roten Armee im April 1945 in Wien wurde anlässlich der Befreiung Österreichs ein Denkmal „Zum Ruhm der siegreichen Roten Armee und zum Gedenken an die 18 000 bei der Befreiung von Wien gefallenen Soldaten“ geplant. Auf einem 20 Meter hohen Sockel sollte die zwölf Meter große Statue eines russischen Soldaten mit einer Fahne in der rechten, einem Wappenschild in der linken Hand und der legendären russischen Maschinenpistole PPSH-41 mit Trommelmagazin umgehängt stehen.

    Eröffnung vom Heldendenkmal der Roten Armee auf dem Schwarzenbergerplatz, 1945
    © Sputnik / Wladimir Galperin
    Eröffnung vom Heldendenkmal der Roten Armee auf dem Schwarzenbergerplatz, 1945

    Der Entwurf für die Statue stammte vom Bildhauer Michail A. Intesarjan. „Dieser kam als einfacher Soldat nach Wien“, schildert der Buchautor. „Sein noch im Schützengraben aufgrund des Mangels an besserem Material aus Brot und Speck über einer leeren Flasche modellierter Entwurf eines Rotarmisten wurde bei einem Wettbewerb als Siegermodell ausgewählt. Die 15 Tonnen wiegende Bronzefigur des Soldaten wurde von 40 Mitarbeitern der Wiener Vereinigten Metallwerke im zerbombten Werk in Erdberg gegossen, wobei auch noch übriggebliebene Hitlerbüsten Verwendung fanden.“

    Dabei habe es jedoch ein großes Problem zu lösen gegeben, so Urrisk:

    „Wegen der schlechten Voraussetzungen kam es zu einem extrem hohen Gießereiausschuss. Die Gussfehler mussten mittels Auftragsschweißungen behoben werden. Die einzige Person, die diese Technik beherrschte, war Ernst Hawlik, der sich aber in sowjetischem Gewahrsam befand, was zum damaligen Zeitpunkt aber niemand wusste. Nach seiner Freilassung am 5. Juni 1945 wurde er von seiner Firma sofort um Hilfe ersucht. Hawlik hatte nicht nur beste Erfahrungen, er sprach auch russisch. Gemeinsam mit Leutnant Intesarjan ging er sofort an die Arbeit.“

    Die größten Schwierigkeiten machte die Fahne, erörtert der Chronist. „Sie sollte ursprünglich aus vier mm Kupferblech hergestellt werden. Da dieses nicht zur Verfügung stand, entschloss sich Hawlik sie aus Bronze zu gießen. Durch das Übergewicht von 1000 Kilogramm ergab sich aber eine Rechtslastigkeit. Um diese auszugleichen, entschieden sich Hawlik und Intesarjan, die Fahne auf der Schulter abzustützen, und den Schild als Gegengewicht innen zu beschweren. Trotz aller dieser Probleme, gelang es das Denkmal in drei Monaten pünktlich fertig zu stellen.“

    Am 19. August 1945, wurde das Denkmal im Rahmen einer großen Feier in Anwesenheit der provisorischen österreichischen Regierung sowie zehntausender Zuschauer enthüllt. „An der Feier mussten auf Einladung des sowjetischen Oberkommandos auch die drei westlichen Generäle, künftige Stadtkommandanten teilnehmen“, merkt Urrisk an. „Sie mussten sich aber mit einer Statistenrolle begnügen und sogar eine Ehrenkompanie abstellen, die nach der Feier am sowjetischen Ehrenmal vorbeidefilierten. Die Russen haben das alles sichtlich genossen.“

    Mit diesem Denkmal war noch eine skurrile Geschichte verbunden.

    „Das Ringstraßenpalais am Schwarzenbergplatz diente dem Alliierten Rat als dessen Hauptquartier. Jede Besatzungsmacht erhielt vier Räume im ersten Stock. Die Russen blickten in Richtung des Platzes, die Briten in die Richtung Palais Schwarzenberg. Bald wurde dort ein sowjetisches Ehrenmal errichtet. Vor den Fenstern der Briten! Diese boten ihren russischen Kameraden daher an, mit ihnen die Büros zu tauschen. Die Russen sagten aber ,Njet‘. Und die Vertreter Ihrer britischen Majestät mussten zehn Jahre lang bis zum Ende der Besatzungszeit auf den bronzenen Sowjetsoldaten blicken.“

    Anlässlich „75 Jahre Befreiung durch die Rote Armee“ und „65 Jahre freies und unabhängiges Österreich“ ist für dieses Jahr noch beabsichtigt, das Buch von Rolf Urrisk „Wien - 2000 Jahre Garnisonsstadt - Die vier Alliierten 1945-1955“, das 2015 im Weishaupt-Verlag, Gnas, erschienen ist, in russischer Sprache herauszubringen. Um dieses Projekt zu realisieren, werden Sponsoren gesucht und diese ersucht, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Sie werden dafür auch in dem Buch entsprechend vorgestellt.

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    Österreich, Zweiter Weltkrieg, Wien