13:12 25 Oktober 2020
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    Ein österreichischer Verbraucherschutzverein hat beim Landesgericht Wien erste Zivilklagen gegen die Republik Österreich auf Amtshaftung eingereicht. Dies sagte laut Reuters der Obmann der Organisation, Peter Kolba, am Mittwoch.

    Die juristische Auseinandersetzung steht im Zusammenhang mit der massiven Verbreitung des Coronavirus vom Tiroler Skiort Ischgl in viele Länder der Welt. Die Klagen seien im Namen von Einzelpersonen erfolgt, die sich im vergangenen Winter in Ischgl infiziert hatten, so Kolba.

    Nach seinen Angaben werfen Kläger den Behörden und verantwortlichen Politikern vor, zu spät und nicht angemessen reagiert zu haben, und fordern nun Schadenersatz. Bei den vier Klagen handele es sich um erste Musterprozesse, aber vorerst nicht um eine Sammelklage.

    „Das sind nur die ersten Klagen, weitere werden folgen“, zitiert die Agentur den Vereinschef.

    Insgesamt hätten sich mehr als 6000 Tirol-Urlauber aus 45 Ländern bei dem Verein gemeldet. Der Großteil davon stammt aus Deutschland.

    Sammelklagen geplant

    Im kommenden Jahr will der Verein Sammelklagen einreichen. Dafür müsse allerdings die Finanzierung sichergestellt werden, damit die Betroffenen ohne Kosten klagen können.

    „Doch bis solche Sammelklagen mit Urteilen enden, vergehen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte“, so Kolba. „Wir haben daher heute einen offenen Brief an Bundeskanzler Kurz gerichtet und einen Runden Tisch für eine raschere Lösung vorgeschlagen.“

    Das wäre im Interesse der Geschädigten, aber „doch wohl auch im Interesse des Tourismus in Österreich, der dadurch unter die Ereignisse einen Schlussstrich ziehen“ könnte. Statt langwieriger Verfahren hofft der Verein auf eine außergerichtliche Einigung.

    „Es wäre für den Ruf von Österreich als Tourismusland in der Welt und für Tirol ebenso hilfreich wie für die vielen Geschädigten, die auf ein Einbekenntnis der Fehler, eine Entschuldigung und Schadenersatz warten.“

    Ischgl war Corona-Hotspot

    Das auch „Ibiza der Alpen“ genannte Ischgl gilt mit seinen Après-Skibars als Brennpunkt für die Ausbreitung des Coronavirus in Österreich und Teilen Europas. Nach Angaben österreichischer Behörden waren zeitweise 40 Prozent aller Fälle im Inland auf Ischgl zurückzuführen. Auch viele deutsche Touristen haben sich nach ihrer Überzeugung in Ischgl angesteckt.

    Der erste Fall in Ischgl wurde am 7. März entdeckt, Tage nachdem bereits Island gewarnt hatte, dass sich Urlauber dort infiziert hätten. Die ersten Fälle in Österreich wurden Ende Februar gemeldet.

    Weltweit höchster Wert an Corona-Antikörpern

    Laut der Medizinischen Universität Innsbruck haben 42,4 Prozent der in einer umfassenden Studie untersuchten Bürger Ischgls Antikörper auf das Coronavirus entwickelt. Das sei der weltweit höchste bisher publizierte Wert, sagte die Direktorin des Instituts für Virologie, Dorothee von Laer.

    Auffällig sei, dass von den positiv auf Antikörper getesteten Personen zuvor nur 15 Prozent die Diagnose erhalten hatten, infiziert zu sein. Von Laer zufolge hatten 85 Prozent derjenigen, die die Infektion durchgemacht haben, keine Symptome.

    Kritik des Krisenmanagements

    Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz kündigte schließlich am 13. März eine sofortige Quarantäne für Ischgl und das umliegende Paznaun-Tal an. Ausländische Gäste durften aber abreisen, was heftig umstritten war, weil sich das Virus weiter ausbreiten konnte. Der Verein wirft Kurz vor, durch die abrupte Verhängung der Quarantäne chaotische Zustände bei der Abreise ausgelöst zu haben.

    Die Tiroler Behörden wiesen alle Vorwürfe zurück. Es sei angesichts der damaligen Erkenntnisse über das Virus angemessen gehandelt worden. Nach Ansicht des Vereins hätten die Verantwortlichen aber zu spät reagiert und möglicherweise dem Druck des Tourismussektors nachgegeben. Für Tirol ist der Winter-Tourismus eine wichtige Einnahmequelle.

    mo/mt/rtr

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