21:19 22 Januar 2017
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    Politologe: Die Verurteilung hat Chodorkowski zum großen Politiker gemacht

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    MOSKAU, RIA Nowosti. Mit der Verurteilung zu neun Jahren echtes russisches Gefängnis ist der frühere Ex-Chef der Ölfirma Yukos, Michail Chodorkowski, zum großen russischen Politiker geworden. Diese Meinung äußert Stanislaw Belkowski, Präsident des Instituts für nationale Strategie, am Mittwoch in der Wirtschaftszeitung "Wedomosti".

    Der frühere Ölmagnat wurde zum ersten Politiker im modernen Russland, der außerhalb des Systems steht, so der Experte. Er glaubt an keine Vereinbarungen mit dem Kreml und ist deshalb als einziger von allen vom Kreml völlig unabhängig. Chodorkowski steht für sich allein außerhalb des Systems, das für Wladimir Putin verständlich ist und von ihm kontrolliert wird. Er kann Beschlüsse ohne Rücksprache mit der Präsidentenadministration fassen und ohne zu befürchten, dass ihm etwas weggenommen wird, weil ihm ohnehin alles außer Leben und Ehre weggenommen wurde. Deshalb hat er heute alle Chancen, zum Zentrum der Konsolidierung der realen und dementsprechend außerhalb des Systems stehenden Opposition in Russland zu werden. Umso mehr als Chodorkowski mit seinen Artikeln einen entschiedenen Schritt nach links unternommen hat - dorthin, wo die nächste russische Macht entstehen wird.

    Wladimir Putin, Igor Setschin (Vizechef der Präsidentenadministration) und andere haben bestätigt, dass sie überhaupt nicht in politischen Kategorien denken. Um Chodorkowski politisch zu zerschlagen, hatte es Putin überhaupt nicht nötig gehabt, den Tycoon einsperren zu lassen. Der Präsident hat ohnehin alle Trümpfe in der Hand - von der totalen Unterstützung durch die "putinsche Mehrheit" bis zur absoluten Macht über die wichtigsten Medienkanäle. Um die Ölaktiva wegzunehmen und richtig aufzuteilen, war aber das Gefängnis "Matrosenruhe" notwendig. Putin zog es vor, das politische Gefecht dem Besitz zuliebe zu verlieren. In politischer Hinsicht löst aber der Kremlherrscher das Problem nicht, im Gegenteil, er hat es für sich geschaffen.

    Für die Familie Chodorkowski wäre es zweifellos besser, wenn er ein Gnadengesuch schreiben und das Gefängnis verlassen würde. Für die Opposition ist es besser, dass er weiter im Gefängnis bleibt. Denn neun Jahre Haft wird es in Wirklichkeit sowieso nicht geben. Maximal sind drei Jahre geblieben - bis zur Hälfte der Frist oder bis zum Machtwechsel im Lande, je nachdem, was früher kommt.