12:09 28 April 2017
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    Immer mehr Iraker protestieren gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen

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    BAGDAD, 08. August (Von Pawel Dawydow und Jassin Abbas - RIA Nowosti). Immer mehr Iraker begehren gegen die unerträglichen Lebensbedingungen im Lande auf.

    Am Sonntag erlebten einige irakische Städte Demonstrationen von Menschen, die bis aufs Blut gereizt sind. Die Medien des Landes und die Massenmedien der arabischen Staaten meldeten nur eine: die in der Stadt Samawa.

    Wie RIA Nowosti unterdessen aus Quellen in den irakischen Rechtsschutzorganen bekannt wurde, gingen Abertausende von Menschen in den Städten Nadschef, Kerbela und Ramadi zu Protestaktionen auf die Straße.

    Die Protestierenden forderten von der Regierung die Wiederherstellung der Lebensmittel- und der Elektrizitätsversorgung. Sie verlangen, Wasser und Treibstoff in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen.

    In den heißen Sommermonaten, in denen das Thermometer bis über 45 ° Celsius klettert, ist die Stromversorgung in den irakischen Städten praktisch zusammengebrochen. Das Licht brennt in den Häusern nur für zwei Stunden am Tag. Das macht die Kühlschränke und Tiefkühler nutzlos. Die Leute müssen sie mit Eis auffüllen, das sie bei Straßenhändlern erstehen. In der Folge schnellte der Preis für einen Eisblock in Bagdad in der letzten Zeit um das Zehnfache in die Höhe. Im Süden des Landes, so in Amara und Basra, kostet Eis inzwischen fast das Fünfundzwanzigfache.

    Schlimmer wird alles noch dadurch, dass die Iraker in den letzten vier Monaten nicht die Hauptnahrungsmittel kaufen können, die für Millionen unerlässlich sind: Mehl, Zucker und Margarine. In den letzten Jahren wurden sie im Rahmen des humanitären UN-Programms „Erdöl für Nahrungsmittel“ gegen Lebensmittelkarten verteilt. Doch inzwischen sehen sich die Landesbehörden außerstande, ihren gefahrlosen Transport per Fahrzeugkolonnen durch das Land zu sichern, was sich verheerend auf das Leben von Millionen auswirkt.

    „Von den Zuteilungen auf der Grundlage der Lebensmittelkarten hängen 9 von 25 Millionen Irakern vollständig ab“, sagte der bekannte irakische Ökonom und Professor an der Bagdader Universität Houman al-Shamma in einem Gespräch mit RIA Nowosti. „Sie alle leben heute unter der Armutsgrenze“.

    Der Ökonom meint unter Berufung auf die Daten seiner Studien, dass sich die Lebensbedingungen in Irak in den etwas mehr als Zweieinhalb Jahren seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein „ganz wesentlich verschlechtert haben“.

    „Gründe dafür“, sagt er, „sind der bedeutende Preisanstieg, die Arbeitslosigkeit, das Wohnungsproblem, der Mangel an allen wesentlichen kommunalen Leistungen und die Sicherheitsfragen“.

    Heute beteiligen sich nicht nur wie früher Sunniten an den Protestaktionen, sondern auch die schiitische Bevölkerung. Drei der vier Städte, in denen es am Sonntag zu Protesten kam, liegen in schiitischen Gebieten.

    „Besser Saddam Hussein ergreift wieder die Macht, als so weiter leben wie jetzt“, sagt der Bagdader Taxifahrer Abu Hussein, ein Schiit. „Strom gibt es nicht, Benzin gibt es nicht. Durch die Stadt zu fahren ist unmöglich, denn alle Straßen sind gesperrt. Im Westen Bagdads ist die ‚grüne Zone’; im Osten der Parteisitz von Abdel Aziz al-Khakim, das Haus von Präsident Jalal Talabani, das Innenministerium und Allah weiß, was sonst noch alles“.

    Abu Hussein schimpft, heute sperrt die Straßen ab, „wem auch immer das in den Kopf kommt“. Nur Sicherheit gibt es dadurch auch nicht mehr, meint er.

    „Zur Polizei nehmen sie grüne, unausgebildete Jungen“, sagt der Taxifahrer aus Bagdad. „Die Rebellen schießen am hellichten Tag in ganz Bagdad auf sie, woraufhin diese panikartig auseinander laufen. Das Einzige, wozu sie in der Lage sind, ist, aus Angst auf jemanden von uns zu schießen“, sagte Abu Hussein zornerfüllt.

    Wie die meisten Iraker, glaubt er nicht daran, dass sich die Lage im Land in absehbarer Zeit zum Besseren wandelt.

    „Nein“, ist der Taxifahrer überzeugt, „es wird nur noch schlechter“.

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