05:37 15 Dezember 2018
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    Berkut am Maidan-Platz in KiewBerkut am Maidan-Platz in Kiew

    "Berkut" ein Jahr danach: Wir haben die Ukraine nicht verraten

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    Genau ein Jahr ist es her, dass die Krawalle auf dem Kiewer Maidan in blutige Straßenkämpfe ausgeartet sind, die einen Staatsstreich in der Ukraine bewirkten. Die Polizisten der ukrainischen Spezialeinheit „Berkut“ nahmen seit den ersten Tagen an den Kämpfen teil. Gerade sie werden heute von den neuen Behörden in Kiew als Verräter gebrandmarkt.

    Die früheren „Berkut“-Kämpfer Alexander Popow und Sergej Chairulski, die nach Russland gegangen sind und bei der Moskauer Zentrale für Sondereinsätze des russischen Verteidigungsministeriums angestellt wurden, haben in dieser Zeit ihre Meinung über die damaligen Ereignisse nicht geändert und glauben nach wie vor, dass sie in den Straßen Kiews richtig gehandelt haben. „Wir brauchen uns für nichts zu schämen: Wir haben unsere Pflicht mit Würde und bis zum Ende getan. Die Ukraine war es, die uns damals verraten hat“, meinen die beiden.

    Warum haben Sie sich schließlich doch entschieden, nach Russland zu kommen?

    Alexander: Weil wir in der Ukraine jetzt als Verbrecher angesehen werden. Aber eigentlich haben wir nur unsere Dienstpflicht getan. Wir haben ordnungserhaltende Maßnahmen gesichert und haben die dafür nötigen Befugnisse kein einziges Mal missbraucht. Dafür hat die Ukraine nun fünf Strafverfahren gegen uns angezettelt.

    Sergej: Dort kam es ja schon mal dazu, dass „Berkut“-Mitarbeiter in den Knast gesteckt wurden und 23 oder 24 Jahre Freiheitsentzug bekamen. Und obwohl in der Ukraine Strafen für Delikte nach einzelnen Paragraphen gewöhnlich nicht addiert werden, machte man in diesen Fällen eine Ausnahme. So viel, wie die Leute für die Verteidigung der Rechtsordnung in Kiew bekamen, kriegt man bei uns sonst nicht einmal für Morde.

    Alexander: Weil wir nicht in Kiew selbst wohnten, bekamen wir nur Vorladungen, es kam sogar jemand, uns abzuholen und zur Vernehmung zu bringen. Aber wir sahen, dass es sich um einfache Fahrkarten handelte, und fuhren nicht mit. Wir haben ihnen gesagt, sie sollen zuerst unsere Schuld nachweisen. Das machte sie rasend.

    Dann hat man angefangen, uns zu verfolgen, man schrieb Obszönes an unsere Zäune. 99 Prozent der Nachbarn waren für uns, aber diesen einen Prozent gab es doch noch. Wir machten uns Sorgen um unsere Kinder, die in die Schule gehen mussten.

    Als dann die Antiterroroperation begann, hat die ukrainische Armee mit dem Beschuss begonnen. Eine Mine schlug in unserem Hof ein und machte unser Haus dem Erdboden gleich. Es war wohl das Letzte, was uns noch aufhielt. Meine Frau und ich nahmen unser Kind, packten die Sachen zusammen und fuhren weg. Jetzt leben wir hier, haben die russische Staatsbürgerschaft beantragt.

    Hat sich Ihre Meinung über die damaligen Ereignisse in diesen Monaten nicht geändert?

    Alexander: Nein, im Gegenteil. Jetzt verstehe ich noch besser: Sollte ich noch einmal in so eine Lage geraten, dann werde ich bis zuletzt die Front halten, wenn man mir auch Zarengemächer für den Verrat verheißen würde. Ich habe damals niemanden verraten, jetzt mache ich das umso mehr nicht. Und das, was derzeit in der Ukraine geschieht, ist erst recht die Folge eines Verrats.

    Sergej: Wenn man jetzt die Zeit einmal zurückdrehen würde, hätte ich genauso gehandelt, wie damals. Wer das Ganze dirigiert hat, wer die Befehle gegeben hat, hätte die heutige Katastrophe verhindern können. Wir hätten das ganze Gesindel da auseinandertreiben können, selbst wenn es uns das Leben gekostet hätte. Doch die hohen Leiter hatten Angst vor bestrafenden Befehlen und haben die Leute wieder und wieder mit bloßen Händen in den Kugelregen geschickt.

    Warum nennt man dann gerade die „Berkut“-Spezialeinheit den Erzfeind des Maidans? 

    Sergej: Weil sich herausstellte, dass wir die Einzigen waren, die ihnen gegenüberstehen konnten. Auch ohne Waffen. Und wir hatten keine Angst vor ihnen. Deswegen nannte man uns auch Feinde der Demokratie und wollte uns aus dem Land haben.

    Alexander: Das geschah ja nicht sofort. Nachdem Janukowitsch das Abkommen mit der EU nicht unterschrieben hatte, eskalierte die Lage allmählich. Zuerst forderte man nur die Unterschreibung des Abkommens, dann einen Rücktritt der Regierung. Als dann die Regierung diese Forderung nicht ernst nahm, schafften sie Reifen, Säcke, Bretter und Sonstiges in Mengen ins Stadtzentrum und sperrten Straßen damit ab.

    Wer im Zentrum Kiews wohnt, in der Straße Perscha Pomerantschewa Revoluzija, kann sich noch gut an den Dreck, den Gestank, verschmutzte Aufgänge, Plündereien und Pogrome erinnern. Es zogen bald Draufgänger, Kriminelle, Obdachlose aus dem ganzen Land nach Kiew. Die Einheimischen gingen zur Polizei: „Wie lange soll das noch dauern? Ihr müsst entweder Zugeständnisse machen oder die Straßen räumen – ein zweites Mal wollen wir so etwas nicht haben“, beschwerten sich die Leute.

    Dann bekam „Berkut“ zum ersten Mal den Befehl, den Platz zu räumen. Wir wurden zuerst nach Kiew gebracht, dort aber zunächst in verschiedenen Vierteln verteilt, damit man uns an einen bestimmten Ort bringen konnte im Fall von Krawallen. Beim ersten Einsatz stand die Aufgabe klar: keine Gewalt, selbst bei Provokationen.

    Sergej: Auf dem Maidan sagte man ja, dass ganze Regimenter und Armeen von uns da waren, obwohl die „Berkut“-Spezialeinheit in der ganzen Ukraine nur ca. 6.000 Mann stark ist, einschließlich des ganzen Apparats und der Beamten. Insgesamt gab es nur 3.000, die wirklich auf die Straßen gehen konnten.

    Alexander: Wir machten eine Menschenkette, Hand in Hand drängten wir alle vom Platz weg und räumten den Maidan. Aber es gab solch eine Hysterie, als hätten wir halb Kiew verprügelt. Sobald wir weg waren, kamen sie auf den Platz zurück und forderten die Absetzung Asarows und eine Auflösung der Spezialeinheit. Da machte man uns endgültig zu Feinden.

    Und alle auf dem Maidan haben es sofort geglaubt?

    Alexander: Ach was! Für den Großteil der Menschen war der Maidan gar wie ein Museum oder Zirkus. Sie kamen in den Stadtkern in Massen, aber eben nur, um zu gucken. Auch aus anderen Städten kamen viele. Als dann die Kampfphase begann, gab es da keine normalen Menschen mehr, sondern nur noch diejenigen, die bezahlt wurden.

    Sergej: Es gab welche, die wie zur Arbeit dorthin gingen: Man verbrachte eben seine sechs Stunden an den Barrikaden, bekam sein Geld und ging nach Hause.

    Alexander: Ja, als wir sie vom Platz drängten, gab es in der Masse Frauen und Männer im Alter von etwa 40 bis 45, die uns aufrecht baten: „Jungs, lasst uns bitte bis sechs morgens hier stehen – wir wurden bis sechs bezahlt. Wir tun so, als drängen wir hier mit euch herum, dann gehen wir von selbst weg.“

    Besonders sind mir dort Fußballfans aufgefallen und zwar, weil wir ja bei Spielen in verschiedenen Regionen dabei waren, denn kein einziges Treffen konnte ohne „Berkut“ stattfinden. Deswegen können wir die Fans auch an der Farbe der Schals unterscheiden. Und ich kann daher sagen, dass Fans aus dem ganzen Land nach Kiew gezogen waren. Vor allem aus dem Westen gab es viele.

    Sergej: Und sie waren ja nicht wegen Ideen da, sondern wurden alle bezahlt. Fanclubs sind ideale Organisationen für die Anwerber, denn dort gibt es aktive und aggressiv gestimmte Jungs gleich in Massen. Und da muss man nicht viel zahlen. Ein Berufsschuldirektor würde seine Zöglinge ja kaum auf die Straße jagen, während diese Leute immer bereit sind, auf die Straßen zu ziehen. Daher ist es kein Problem, 50 Jungs in jeder Stadt zusammenzukriegen.

    Wann wurde die Lage besonders brenzlig?

    Alexander: Als es ums Lenin-Denkmal ging. Es war vorher sonst nicht Mode, Denkmäler zu stürzen, dies war das erste. Da schickte man die Tschernigow-Kompanie von „Berkut“ hin, es waren ca. 30 Jungs, die den Befehl bekamen, die Abtragung nicht zuzulassen. Sie trafen dort ein und schlossen einen Ring um das Denkmal.

    Dann wurden sie von etwa 300 Kämpfern umzingelt, die sie zu verprügeln begannen. Man schlug sie mit Ketten, riss sie einzeln aus der Reihe heraus und verhaute sie. Ein „Berkut“-Mann wurde von einer Kiosk-Verkäuferin gerettet, die ihn – völlig zusammengeschlagen, mit gebrochenen Gliedern – unter dem Ladentisch verbarg. Da kam keiner heil davon – sie wurden einfach zerrissen.

    Es wurde eine Verstärkung geschickt, damit die Jungs herauskonnten. Da ging es nicht mehr ums Denkmal – stürzt es nur, lasst nur die Burschen leben! Was man dann machte: Man warf einen Knallkörper mit Bolzen in den Bus, um unsere Jungs zu verletzten.

    Sergej: Wenn die ukrainischen Medien von den „Himmlischen Hundert“ reden, frag ich mich immer, warum keiner von den dort ermordeten Polizisten spricht. Von denen gibt es dort bestimmt mehr als einhundert. Ich alleine sah drei tote Mitarbeiter. Verletzte konnte ich nicht einmal zählen. Ichglaube, da fielen etwa zehn Prozent unserer Kräfte. Aber keine einzige Nachricht kam, kein einziger ukrainischer Sender hat darüber berichtet.

    Ukrainische Medien behaupten, dass es dort keine Nazis gab

    Sergej: Na klar! Wir haben Mengen von Handys gefunden mit Aufnahmen von ihren Versammlungen, wo sie alle wie Nazis den Arm hochwerfen und Losungen schreien. Es ist zwar nicht „Heil Hitler“, sondern etwas Eigenes, aber etwas, was keine Zweifel an deren Ausrichtung lässt. Diese Nationalisten bilden ja den Kern des „Rechten Sektors. Anfangs wurden sie oft festgenommen, und wir haben viele derartige Videos konfisziert.

    Alexander: Vielleicht halten sie sich ja nicht für Nazis, ehren aber frühere Nazis als Helden, nutzen deren Symbole und viele ihrer Methoden. Besonders blieben mir deren Parolen im Kopf –sie waren scharf, kurz, wiederholten sich immer wiederund machten einen stumpf. Wenn jemand von der Tribüne spricht, sagt er wenig und schnell – drei oder vier Sätze, und am Ende kommt immer: „Es lebe die Ukraine!“ Die anderen müssen es wiederholen. Wenn es nicht befriedigend war, wiederholen sie es noch einmal. Am Ende der Versammlung sind sie dann so affektiert, dass sie zu allem bereit sind. 

    Was hat sich Ihnen besonders eingeprägt von diesen Tagen?

    Alexander: Wie brennendes Napalm den Rücken hinunterläuft… Ich habe einen Molotow-Cocktail abbekommen. Die Uniform schmilzt, aber man spürt so etwas wie Kälte zwischen den Schulterblättern – es brennt nicht, es schmerzt nicht, sondern es fühlt sich an, wie wenn einem Eis auf dem Rücken schmelzen würde. Dieses Gefühl ist mir sehr klar in Erinnerung geblieben.

    Sergej: Mich hat besonders frappiert, wie das Ganze organisiert und wie großzügig bezahlt wurde. Der Maidan wurde sehr gut gesponsert und mit Drogen „aufgewärmt“. Und das wissen wir nicht aus dem Internet, das haben wir mit eigenen Augen gesehen.

    Nun stellen Sie sich vor: Wir waren ja zwei bis drei Tage lang auf unseren Positionen, ohne uns zu erholen, ohne Essen, wir schliefen mal irgendwo, wenn wir Glück hatten. Und selbst wir, ausgebildete Kämpfer, waren sehr erschöpft, während die Leute auf der anderen Seite ganz fit blieben. Wir haben uns ihre Gesichter genau gemerkt – das ist eine professionelle Gewohnheit.

    Wie viele einfache, unvorbereitete Menschen kennen Sie, die drei Tage lang unermüdlich über Barrikaden laufen, Baumaterialien schleppen, Steine werfen und Parolen schreien können? Dort gab es Dutzende, die es konnten. 

    Wir haben viele Handys beschlagnahmt bei den Festnahmen, und auch an den Barrikaden fanden wir Mengen davon. Dabei haben wir mehrmals beim Öffnen des Nachrichtenordners erlebt: Da strotzte es nur so von Listen, die Karten- und Handynummern und Namen enthielten, an die Geld überwiesen wurde. Es standen da nur Beträge in Griwna und Dollar.

    Alexander: Weißt du noch, als wir ins „Premier Palas“ hineinkamen, in ihren Stab? Da wurde ja kein Wodka getrunken! Da lagen nur Whisky- Gin-, Champagner-Flaschen herum… Da stand Fleisch zum Grillen, eimerweise, und wir wurden müde, diese Eimer zu zählen. Mit einemWort: Sie haben prima gelebt. Man braucht ein Heidengeld, um so ein Leben zu sponsern.

    Wir haben ganze Stapel Kartons mit Armeesocken gefunden, die eine spezielle schweißableitende Struktur hatten – alles ausländische Marken. Auch Thermowäsche war da – sie hatten alles. Ohne diese Versorgung hätte es keinen Maidan gegeben.

    Und noch etwas, was uns umgeworfen hat: Im fünf- oder sechsstöckigen Haus, in dem der „Rechte Sektor“ saß, gab es auf jeder Etage so etwas wie Kasernen. Dort lagen Paletten und darauf – Matratzen. Als wir die Matratzen hochhoben, sahen wir, dass darunter in Haufen Spritzen lagen, teilweise waren die Schichten so hoch wie die Palette.

    Sergej: Ja, zuerst haben wir die Matratzen mit den Händen angehoben, dann aber fassten wir sie nur noch mit Stäben an, um nicht irgendeine Infektion zu kriegen. Es ist nicht wie ein paar Junkies auf dem Klo – da haben sich alle was durch die Adern gejagt!

    Alexander: Ich hatte ja von Dienst wegen mit Drogensüchtigen zu tun – sie verbergen ihre Krankheit immer vor Unbekannten. Sie outen sich entweder heimlich oder unter Ihresgleichen. Das heißt also, dass in diesen Räumen alle gleich waren – Hunderte auf jeder Etage.

    Haben Ihre Kommandeure Bescheid gewusst?

    Alexander: Klar. Wir sind ja auch in zivil zum Maidan gegangen, um zu sehen, wie die Positionen im Inneren eingerichtet sind. Und wir meldeten unserer Leitung, dass es bald heiß wird, dass es radikalere Maßnahmen braucht. Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie die Kugeln mit Chlorpulver angefertigt wurden, mit denen wir dann beworfen wurden. Der chemische Staub zerfrisst die Augen, wer den einatmete, wurde sofort kampfunfähig und musste mit Vergiftungen und Verbrennungen wegschleppt werden.

    Aber die Kiewer Führung wollte nicht durchgreifen. Es kam einmal dazu, dass wir nach einem erneuten Zusammenstoß nur noch 50 Meter durchzumachen hatten – und der Plätz wäre geräumt gewesen, aber der Befehl blieb aus. Und weil niemand die Verantwortung übernehmen wollte, bekamen wir die Anweisung, zurückzutreten.

    Es wurde noch schlimmer, als sie begannen, Waffen einzusetzen. Wir drängen sie zur Barrikade, kommen dicht heran, um gleich eine Salve abzukriegen. Die Kugeln fliegen, Menschen fallen um, man schleppt die Verletzten weg… Aber wir bekommen keine Waffen, sondern wir müssen wieder drängen. Und das immer aufs Neue.

    Ein Schütze hat sechs unserer Jungs getroffen. Wir wussten nicht, wo er saß und womit er schoss. Wir gingen mit bloßen Händen ins Haus, fanden ihn. Es waren ein Bursche und ein Mädchen, jeweils ein Gewehr in den Händen. Die Jungs wollten sie einfach aus dem Fenster werfen, aber ich unterband es. Wir bogen ihnen die Hände auf den Rücken und brachten sie in den Stab. Ich vermute, dass sie dann, auf dem Maidan zurück, als Helden begrüßt wurden.

    Sergej: Wenn damals einer der „Berkut“-Leute gefangen genommen wurde, bedeutete es für ihn fast jedes Mal den Tod. Vor uns hielt einmal ein Wagen an, aus dem ein „Berkut“-Bursche aus Saporoschje herausgeworfen wurde. Ihm waren die Glieder gebrochen worden, man hatte ihn gefoltert. Wir brachten ihn zur Sanitätsabteilung – ich weiß nicht, ob er überlebt hat…

    Dabei haben die immer versucht, uns rüberzulocken. Sie riefen: „Für was kämpft ihr? Ihr bekommt ja so wenig dafür!“ Sie hängten Plakate auf, versprachen uns Wohnungen in Kiew, beliebiges Geld. Mädels schrieben, sie würden diejenigen heiraten, die zu ihnen überwechseln. Es reichte also, nur den Schild hinzuwerfen, zu ihnen zu gehen, und dann wäre man quasi der König… Selbst ein solcher Fall hätte gereicht, um eine riesige Propaganda anzuzetteln, aber es gab unter uns eben keinen Einzigen, der zu ihnen gegangen wäre.

    Hatten Sie Waffen beim Gemetzel in der Gruschewski-Straße?

    Alexander: Zum ersten Mal bekamen wir um den 21. Februar herum Kampfwaffen. In der Gruschewski-Straße wurde einen Tag zuvor geschossen. Gerade nachdem wir unsere Schicht beendet hatten, fing man dort an zu schießen. Erst später kamen die Nachschub-Lkws, wir bekamen kistenweise neue Kalaschnikows, noch geölt. Man sagte uns, es sei das Einzige, womit uns noch geholfen werden kann, damit wir wenigstens aus der Stadt herauskommen.

    Bis dahin hatten wir gar nichts mehr: alle Busse mit unseren Sachen waren schon verbrannt worden. Wir zerrissen Kleider, wischten das Öl von den Maschinengewehren ab und machten sie kampfbereit. Dann halfen uns die Jungs aus einer anderen Einheit bis zur Kiewer „Berkut“-Basis heraus.

    Sergej: Der „Rechte Sektor“ war außer sich! Sie wollten uns ja über den Maidan führen und uns auf die Knie zwingen, damit wir um Gnade flehen. Sie jagten und beschossen uns. Wir fuhren in Bussen und versperrten die Fenster mit Panzerwesten. Aber das half nicht, denn wir wurden ja nur für Massenunruhen mit Panzerwesten zweiter Klasse ausgerüstet, die nur gegen Stiche gut waren.

    Als wir auf der Basis eintrafen, gingen die Tore zu, und die Maidan-Leute konnten nicht hinein. Zwei Tage lang wurden wir belagert, solange der Abtransport mit Flugzeugen vereinbart wurde. Dann versuchten sie uns noch auf der Startbahn zu blockieren. 

    Alexander: Alle Entscheidungen wurde vom „Rechten Sektor“ getroffen: Sie schickten Leute, die mit unserem Kommandeur verhandelten. Die forderten, dass wir die Waffen niederlegen und aufgeben. Sie drohten mit Sturm. Darauf bekamen sie die Antwort, dass jetzt, wo die friedlichen Bürger außer Gefahr waren, sie ruhig versuchen könnten, im Wespennest herumzustochern – da könnte uns ja die Geduld ausgehen.

    Wir sagten, wir sind ein lokales Regiment und vier Bataillone aus anderen Städten und werden unsere Wut nicht mehr lange bändigen. Provoziert uns nur, und wir werden nicht nur die Anstürmenden niederwerfen, sondern kehren auch nach Kiew zurück und räumen die ganze Stadt. Und sie sahen ein, dass wir das tatsächlich tun könnten. Deswegen machten sie uns den Weg frei und ließen uns abheben. Später verließen auch die Jungs aus dem Kiewer Bataillon teilweise die Stadt.      

    Und der Kontrast war so krass, als wir zu Hause als Helden empfangen wurden: Während in Kiew unsere Busse gejagt wurden, um zerschossen zu werden, liefen die Menschen uns hier hinterher bis zur Basis, um uns zu umarmen. Man wollte uns nicht mehr loslassen wie Kinder, man schleppte Sekt heran – diese Menschen wussten das zu schätzen, was wir geleistet hatten.

    Wie schätzen Sie die Geschehnisse in der Ukraine jetzt ein, wo ein Jahr vergangen ist?

    Alexander: Wenn vor einem Jahr das Gleiche vor sich gegangen wäre, wie es jetzt geschieht, hätte ich wahrscheinlich gekündigt und wäre zum Maidan gegangen. Aber so schlimm war es damals nicht. Damals wollten die Menschen in die EU, jetzt will man nur noch einen Job bekommen, der auch bezahlt wird; dass es warm ist in den Häusern, dass es keinen Krieg gibt… Neulich hat eine Bekannte von mir ihren Verwandten aus Kiew gesagt, dass sie mit einem „Berkut“-Mann in Kontakt steht. Die Menschen haben fast geweint und sie gefragt, wann wir denn zurückkämen.

    Sergej: Ich habe gehört, dass sogar Awakow uns im Internet aufgerufen hat, wir sollten doch alles vergessen und heimkehren, dann würden wir zur Antiterroroperation geschickt, wo wir unsere angebliche Schuld büßen könnten. Dann werde man auch die Strafverfahren gegen uns einstellen, die gegen uns angestrengt wurden, weil wir unserem Eid treugeblieben waren.

    Aber selbst der Gedanke daran, dass eine Rückkehr in die Ukraine möglich wäre, ist nicht da. Wir sind nach Russland gezogen – ein für alle Mal. Wir sind nun einmal die Falschen, um hin- und her zu ziehen. Russland hat uns sehr gut empfangen, und wir werden es nie verraten. Leider können wir jetzt nicht mit allen Kollegen in Kontakt bleiben, aber wir kennen keinen Einzigen aus unserem Bataillon, der seine Meinung geändert und auf die Seite der Antiterroroperation gewechselt wäre.

    Alexander: Ich bin nicht der Meinung, dass ich die Ukraine verraten habe. Ich habe natürlich viel darüber nachgedacht. Zurzeit ist es im Grunde ein nazigesinnter Bandera-Staat. Ich liebe die Ukraine nach wie vor als meine Heimat, aber ich verachte den Zustand, in den die jetzigen Behörden sie gebracht haben.

    Sergej: Wir können zwar noch in die Ukraine zurückkehren, aber nur mit einem Ziel: Um die Sekte auszurotten, die mein Land vernichtet hat.

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