10:45 18 August 2018
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    Tragödie in Odessa

    „Lauffeuer“: Deutscher Russland-Korrespondent stellt Film über Tragödie in Odessa vor

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    Der Dokumentarfilm ist keine politische Analyse über die furchtbare Tragödie am 2. Mai 2014 in Odessa, sondern basiert auf Augenzeugenberichten und ausgewerteten Videos, erklärt Ulrich Heyden. Sputnik-Korrespondent Marcel Joppa hat den deutschen Journalisten und Autor des Films interviewt.

    „Im Zentrum des Films stehen die Augenzeugen vom 2. Mai und die Angehörigen der Umgekommenen. Wir haben versucht, nicht eine politische Geschichte zu erzählen, sondern einfach die Leute, die etwas zu sagen, etwas gesehen, erlebt oder gefühlt haben, zu Wort kommen zu lassen. Es sollte keine politische Analyse werden“, so der deutsche Journalist und langjährige Russland-Korrespondent zu seinem Film "Lauffeuer — Die Greueltaten von Odessa am 2. Mai 2014". Bei ihren Recherchen in Odessa seien Heyden und Filmemacher Marco Benson darauf angewiesen gewesen, hauptsächlich mit Augenzeugen zu sprechen und Videos auszuwerten.

    „Wir arbeiteten in einem völlig anderen Rechtsraum, wo ein Massenmord passiert ist, wo aber keine wirklich abgeschlossene Untersuchung stattgefunden hat — auch keine Spurensicherung.“ Sein Eindruck von den Geschehnissen:  „Aus dem Film ist ersichtlich, dass 1.500 bis 2.000 Leute aus diesem Maidan-Spektrum, aus Kiew und aus anderen ukrainischen Städten nach Odessa transportiert wurden. Es war ein ganz klares Bild: Die Maidan-Aktivisten, Hundertschaften und auch Leute vom Rechten Sektor wurden mit Bussen und einem Sonderzug herangeschafft.  Es ist deutlich zu sehen, dass sie perfekt ausgerüstet waren, mit Knie- und Armschützern, mit Schilden und so weiter. Man spürte schon, die planen eine Aktion.“

    Der Einsatz der Polizei sei angesichts des bevorstehenden Fußballspiels und den erwarteten Übergriffen allerdings sehr halbherzig gewesen, berichtet Heyden. „Man hatte den Eindruck, alles war geplant. Die Polizei war auf dem Platz, wo die Straßenschlacht war, schwach vertreten. Sie war dann, als die Masse dann zum Gewerkschaftshaus gezogen ist, nicht vor Ort oder stand in einem Abstand von 120 Metern abseits und griff nicht ein. Dann wurden die Menschen, die man aus dem Gewerkschaftshaus befreite, festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis gefahren, wo sie dann bis zum 4. Mai inhaftiert waren. Und nur unter dem Druck der Demonstranten wurden die 80 Leute dann freigelassen.“

    Ausgewertet wurden über 400 Videos und zahlreiche Augenzeugenberichte.  „Wir haben gesehen –alles auf den Videos – ein Teil der Polizisten hatten rote Armbänder. Wir haben gesehen, ein Teil der angeblichen Demonstranten hatte auch rote Armbänder. Wir haben gesehen, dass ein hoher Polizeioffizier Zivilsten mit roten Armbändern irgendwie instruierte in einer Runde. Wir haben gesehen, dass Demonstranten mit Stöcken durch den Polizeikordon stürmten, und die Polizei ließ sie durch und schütze sie vor Verfolgern. Wir haben den rechten Aktivisten Bootsmann (alias Witali Budko) gesehen, wie er mit einem automatischen Gewehr hinter der Polizisten stand und auf Demonstranten geschossen hat. Man hat gesehen, dass Provokateure anwesend waren und teilweise mit der Polizei zusammengearbeitet haben.“

    Ein Dorn im Auge ist für Heyden vor allem die einseitige Berichterstattung deutscher Kollegen: „Ich schaue immer auf die deutschen Medien und wenn ich sehe, dass der Abzug der ukrainischen Soldaten aus Debalzewo als Angriff der Separatisten gedeutet wird, dann läuten bei mir die Alarmglocken.“ So sei auch über das Odessa-Massaker kaum berichtet worden, kritisiert Heyden. Ein Grund mehr für ihn, persönlich nach Odessa zu reisen und dort einem Dokumentarfilm zu drehen. Dabei ist er auf mehrere Hindernisse gestoßen: „Wir wollten auch offizielle Stimmen zu Wort kommen lassen und fragten bei einem Maidan-Aktivisten und der Pressesprecherin des Odessa-Bürgermeisters an.“ Doch nach einer anfänglichen Bereitschaft waren beide nicht mehr zu erreichen. „Wenn das Thema in Deutschland groß wäre, dann würden diese Leute von der offiziellen Odessa-Stadtverwaltung wahrscheinlich schon mit Korrespondenten sprechen.“ Leider sei dies aber nicht der Fall, so Heyden. „Es passt offensichtlich nicht ins Bild, dass die deutschen Medien von der Kiewer Regierung, die ja auf dem richtigen europäischen Weg ist, machen. Deswegen drängt man das Thema lieber weg.“

    Nach sieben Monaten Recherche, Interviews und Filmaufnahmen sowie einer erfolgreichen Spendensammlung haben Ulrich Heyden und Marco Benson den Film am Donnerstag in Berlin zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. In Odessa starben bei einem Brand am 2. Mai 2014 mindestens 46 Menschen. Nationalistische Gruppen warfen Molotow-Cocktails auf das Gewerkschaftshaus, in das sich regierungskritische Aktivisten nach heftigen Auseinandersetzungen mit Maidan-Anhängern geflüchtet hatten. Dieses Schlüsselereignis des ukrainischen Bürgerkrieges wurde zum vorzeitigen Schlusspunkt ziviler Proteste und zum Beginn sich festfahrender Fronten.

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    Tags:
    Maidan, Lauffeuer (Film), Marco Benson, Ulrich Heyden, Ukraine, Debalzewe, Odessa
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