10:25 20 Januar 2018
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    Tagesspiegel: Donbass-Bewohner berichten von Gräueltaten ukrainischer Bataillone

    © REUTERS/ Sergey Polezhaka
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    Zivilisten im Osten der der Ukraine beklagen Übergriffe der ukrainischen Freiwilligenbataillone, die von Kiew nicht in den Griff zu bekommen sind. Berichte einiger Donbass-Bewohner wurden vom Tagesspiegel-Reporter Paul Flückiger aufgezeichnet.

    Auf ihrem alten Mobiltelefon zeigt die 40-jährige Alla die letzten Fotos von ihrem Häuschen, die sie im Dezember gemacht hat. Verzweifelt sagt die Landwirtin aus Peski: „Alles ist hin! Wieso bloß schießen sie auf uns?“

    Ukrainian special troops guard in the southern Ukrainian city of Odessa during the anti-terrorists operation on January 5, 2015.
    © AFP 2018/ Alexey Kravtsov

    Im Sommer hat sich Alla dem Druck der ukrainischen Truppen ergeben und sich Hals über Kopf aus Peski evakuieren lassen. „Wir bekamen 15 Minuten Zeit und durften nur zwei Plastiktaschen mitnehmen“, erzählt sie. Statt wie versprochen nach wenigen Tagen wieder zurückzudürfen, sei ihr dies nach mehreren Versuchen erst im Dezember gelungen. Da sei ihr Haus dann aber schon zerstört gewesen. Die wenigen Straßen im Dorf hätten die jeweiligen Freiwilligenbataillone unter sich aufgeteilt. Nur die regulären Truppen der ukrainischen Armee hätten sich anständig verhalten, ja, sie hätten ihr sogar geholfen, noch ein paar Sachen aus dem Haus zu retten, erzählt Alla weiter. „Im Fernsehen heißt es immer, der ukrainische Staat schütze uns; was ich in Peski erlebt habe, ist indes genau das Gegenteil.“

    Auch Allas jüngere Kollegin Lena berichtet Schreckliches. Die zweifache Mutter stammt aus der nahe Peski gelegenen Kleinstadt Awdijewka.

    „Die Separatisten räumten unsere Stadt im Sommer freiwillig, erst als sie weg waren, kamen die Ukrainer und schossen wie wild um sich“, behauptet Lena.

    In ihrem Wohnblock hätten die Regierungstruppen danach viele Wohnungen durchsucht. „Angeblich suchten sie Waffen, doch bei mir wurden einfach Kinderkleider mitgenommen“, sagt Lena. Ob die Übeltäter Soldaten von Freiwilligenbataillonen oder reguläre Soldaten waren, weiß sie nicht.

    Ein betagtes Geschwisterpaar aus Peski erzählt ganz andere Horrorgeschichten. Elena und Maria sind die ganze Zeit im Dorf geblieben und waren der Herrschaft der Freiwilligenbataillone täglich ausgesetzt. „Nachbarn wurden aus dem Haus gejagt, einer von ihnen ist krankenhausreif geschlagen worden“, erzählt Maria. Welches Freiwilligenbataillon für welche Übeltat im Dorf verantwortlich ist, weiß sie indes nicht. „Sie hatten alle rot-schwarze Wappen an der Uniform“, sagt sie nur.

    In der Kiewer Zentrale von Amnesty International (ai) ist das Problem der Übergriffe gegen Zivilisten durch die Freiwilligenbataillone nicht unbekannt. Wegen Personalnot stamme der letzte Bericht dazu jedoch vom September 2014, sagt Pressesprecher Bogdan Owartschuk. Amnesty hatte damals das Treiben des Freiwilligenbataillons „Aidar“ dokumentiert. 35 Strafuntersuchungen seien daraufhin eröffnet worden, heißt es. „Doch Untersuchungen eröffnen bedeutet leider nicht, dass auch wirklich untersucht wird“, sagt Owartschuk resigniert. Das Verteidigungsministerium habe offensichtlich Probleme mit den Freiwilligen. Doch ein klarer politischer Wille, diese anzupacken, sei nicht erkennbar.

    Quelle: Der Tagesspiegel

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    Tags:
    Amnesty International, Donbass, Ukraine
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