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    Germanwings-Tragödie: Natur des Menschen neuen Belastungen nicht gewachsen - Experte

    © REUTERS / Gonzalo Fuentes
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    Augenprobleme psychosomatischer Natur, starkes subjektives Überlastungssyndrom sowie schwere Depressionen beim Copiloten der verunglückten Germanwings-Maschine waren laut Pressemeldungen mögliche Grundursachen der Tragödie. Der Mensch ist von der Natur her nicht für die neuen Belastungen konstruiert, meint der Experte Peter Klaus Brandl.

    „Warum sie versagen? Ganz einfach, weil wir alle Menschen sind, und Menschen neigen dazu, Fehler zu machen. Menschen neigen dazu, sich so zu verhalten, wie sie nun mal konstruiert sind“, so der Luftfahrt- und Kommunikationsexperte Peter Klaus Brandl, Autor des Buches „Warum Piloten versagen und Manager Fehler machen“ im Interview mit Nikolaj Jolkin. „Und wir Menschen von unserer Natur, von unserer Physis her sind eben nicht dafür konstruiert, uns mit dem Auto mit 250 Kilometer pro Stunde über die Autobahn zu bewegen. Wir sind aber auch nur bedingt dafür konstruiert, uns für 10-14 Stunden am Tag vor einen Computer zu setzen. Und deswegen machen wir Fehler, und deswegen kann es zum Versagen kommen.“

    Peter Klaus Brandl bringt ein ganz einfaches Beispiel: Jeder Mensch habe schon mal irgendeinen dummen Fehler gemacht, irgendwas Albernes getan oder irgendwas Wichtiges vergessen. Das seien Dinge, die passieren. „Der große Vorteil ist bei den meisten Fehlern“, so der Experte für zwischenmenschliche Kommunikation weiter, „dass wir danach denken, Gott sei Dank hat das niemand gesehen, oder Gott sei Dank bin ich da noch einmal davongekommen. Und jetzt kann man die erste Frage stellen: Welche Rahmenbedingungen müssten denn für mich zusammenkommen, dass ich anfange, solche Fehler zu machen? Das Zweite: Jetzt kann ich mir überlegen: diese Rahmenbedingungen — wie kann ich die ausschließen? Ich kann es mir auch in einem Team, in einem Unternehmen überlegen, welche Faktoren müssten zusammenkommen, dass mein Team anfängt, Fehler zu machen? Sei es Stress oder sei es eine Überforderung… Und dann gehe ich hin und versuche, ganz gezielt diese Rahmenbedingungen auszuschließen oder zumindest dafür zu sorgen, dass sie nicht gleichzeitig eintreffen. Und das ist genau das, was wir in der Fliegerei seit Jahren und Jahrzehnten versuchen, weswegen das Flugzeug inzwischen das sicherste Verkehrsmittel ist, was natürlich immer im Angesicht von solchen dramatischen Unfällen schwer zu glauben ist.“

    Wie vermeidet man das Versagen

    Es seien zwei Sachen, meint der Experte: „Das Eine ist die Situation jetzt, es gibt diese sehr intensiven medizinischen Tests für alle Verkehrspiloten. Das Zweite: Alle Airlines haben Prozeduren, um irgendwelche Auffälligkeiten festzustellen. Also, wenn mir ein Cockpit-Kollege komisch vorkommt, egal ob ich Copilot bin oder Kapitän, habe ich die Möglichkeit und sogar die Verpflichtung, das zurückzumelden. Wie wollen Sie das psychologisch messen? Es gibt keinen psychologischen Test, mit dem Sie Anomalien sicher herausfinden können. Es ist klar, wenn bei einem eine diagnostizierte Depression, ein diagnostiziertes psychiatrisches Krankheitsbild vorliegt, ist dieser Mensch nicht flugtauglich. Aber mit welchen Tests wollen wir das machen? Wenn es solche Tests gäbe, dann könnten wir sämtliche Amokläufer ausschließen. Die Psychologie hat keine Methodik, in der Dynamik in einen Menschen hineinzuschauen.“

    Auf die Frage, wie oft sich Piloten krank melden, ohne zu fürchten, ihre Arbeit zu verlieren oder partnerschaftliche Beziehungen zu zerstören, antwortete Peter Klaus Brandl, dass große Fluggesellschaften das auszuschließen versuchen und dafür sorgen, dass die Cockpit-Crews ständig gewechselt werden. „Bei einer größeren Airline fliegen die Piloten relativ selten miteinander, um genau eben diesen Effekt, dass ich mich ihnen irgendwie verpflichtet fühle, auszuschließen. Wenn wir beide uns kennen und uns vielleicht ein bisschen angefreundet haben, und wir haben nun einen schlechten Tag, und ich mache jetzt nichts, weil ich weiß, wir haben einen schlechten Tag. Wenn wir uns nicht kennen, dann habe ich eben genau dieses Verpflichtungsgefühl ihm gegenüber nicht und bin deswegen objektiver.“

    Wenn der Pilot, wie sich herausstellte, ein psychiatrisches Krankheitsbild hat, dann war er nicht flugtauglich. Brandl: „Dann gibt es spezialisierte Fliegerärzte, zu denen wir immer wieder müssen. Und wenn ihn sein Fliegerarzt fluguntauglich schreibt, da hat er nicht viel, und hier offenbaren sich Airline-Fehler, um dafür zu sorgen, dass das auch durchgesetzt wird. Die Airline kann noch viel weiter gehen. Wenn ich mich als Pilot jetzt nicht gut fühle — es kann irgendetwas sein, ich habe massiven Ärger zu Hause zum Beispiel oder irgend so was, — so kann ich dann meiner Airline sagen, ich habe Probleme, ich fühle mich nicht in der Lage, heute diesen Flug sicher durchzuführen. Und die Airline wird dafür Verständnis haben und mich für diesen Tag vom Dienst befreien.“

    „Wenn einer in der Kabine den Eindruck hat, der ist komisch, oder irgendeine Flugbegleiterin hat den Eindruck, der Kapitän ist komisch, dann kann sie eine Meldung machen. Es wird überprüft, und selbst wenn es sich als falsch herausstellt, dann sagt jeder, das war gut, du hast das bemerkt. Wir müssen uns auch bewusst machen, wie häufig so was passiert. Wir dürfen jetzt aber nicht sämtliche Piloten unter Generalverdacht stellen“, schlussfolgert der Luftfahrt- und Kommunikationsexperte Peter Klaus Brandl.

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    A320, Lufthansa, Germanwings, Peter Klaus Brandl, Frankreich