08:50 29 Januar 2020
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    Emotionen statt Fakten, Berichterstattung mit Meinungsmache vermischt: Der Journalismus ist ein anderer geworden, das Misstrauen der Bürger gegenüber der „Lügenpresse“ steigt.

    Mehr als die Hälfte der Deutschen (57 Prozent) zweifeln an der Objektivität der Ukraine-Medienberichte, ergab die Umfrage des Projekts „Sputnik. Meinungen“. Es sei in der Tat festzustellen, dass „es seit einiger Zeit in Deutschland einen Journalismus gibt, der eigentlich nicht typisch für unseren deutschen klassischen Journalismus ist“, erklärt Medienwissenschaftler Prof. Dietrich Ratzke im Interview für Marina Piminowa. „Da wird also munter Kommentar und Meinung und Berichterstattung miteinander vermischt. Diese klare Trennung, die wir früher als wichtig ansahen, ist weitgehend verloren gegangen. Es wird stark emotionalisiert, was natürlich einer klaren und sauberen Berichterstattung nicht dient“, so Ratzke, der Generalbevollmächtigte a.D. der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH.

    Emotionen an sich sind nicht schlecht, meint dazu stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche in Zürich, Philipp Gut. „Ich plädiere nicht für eine „eunuchische Objektivität“. Leidenschaft soll durchaus spürbar sein. Es ist einfach wichtig, dass man nicht bei Emotionen bleibt“, so Gut im Gespräch mit Anastasia Sokolowskaja. Mehr falle ihm aber „eine gewisse Einseitigkeit“ auf: Man sei sehr an der offiziellen Position in der EU, eher unkritisch gegenüber der Entwicklung des neuen Regimes in der Ukraine und definitiv sehr kritisch eingestellt gegenüber Russland und der Person von Wladimir Putin.

    Bericht gleich Meinung gleich Kommentar

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    © Foto : www.unwortdesjahres.net
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    Die Umfrage entspreche genau dem, was er als Gefühl auch habe, sagt Ratzke weiter. „Sie ist genau das, was ich in meiner Beobachtung jeden Tag merke. Diese Berichterstattung ist aus deutscher, aus meiner Sicht nicht mehr adäquat einer klassischen, guten, klaren und allgemeinverständlichen Berichterstattung“, so der Medienwissenschaftler. „Die Emotionalisierung der Medienberichterstattung, wenn man da von Berichterstattung noch sprechen kann, wird weiterhin zunehmen  und das wird das Verständnis für komplizierte Dinge immer mehr erschweren“, sagt er. Wenn die klare Trennung zwischen Meinung und Berichterstattung nicht mehr erkennbar sei, wissen die Menschen nicht, was eigentlich los ist. Sie werden emotionalisiert, sie werden beeinflusst, ohne dass sie die genauen Fakten kennen. „Und genau das finde ich bei der Berichterstattung über die Ukraine in den deutschen Medien weitgehend den Fall“, meint Ratzke.

    Gegen Mainstream: Filtern statt nachbeten

    Nicht alle lassen sich jedoch so einfach durch die Emotionen manipulieren, ergänzt Philipp Gut. „Die Bürger sind ja nicht auf Kopf gefallen, man kann sie nicht so einfach manipulieren. Viele normale Bürger sehen die Dinge anders, haben z.B. eine gewisse Sympathie für die russische Position. Sie wollen nicht ungefiltert, unkritisch nachbeten, was die USA sagen. Es gibt eine Bewegung, die kritisch gegenüber Mainstream-Medien ist“, so der Schweizer Journalist.

    Unter Journalisten dagegen gebe es eine schon fast gängige Aussage, fügt Ratzke hinzu, die lautet: „Ich bin enttäuscht von Russland“. „Enttäuscht ist man, weil man sich vorgestellt hat, dass die Entwicklung in Russland so vorangeht, wie man sich das als Westeuropäer vorstellt. Nur so kann es eben nicht gehen“, meint der Experte. Für Philipp Gut ist „einigermaßen nachvollziehbar und logisch“, dass in einer kriegsartigen Situation auch die Medien eingespannt werden. Die Regeln seien ziemlich banal: Man stelle dann immer die eigene Seite möglichst positiv dar, die andere eher negativ. Man blende auch Dinge aus, die man nicht sehen will. Andere Dinge seien außerdem undurchsichtig, fügt Ratzke an: „Auch gutwillige Journalisten, die sich bemühen, die Dinge sachgerecht darzustellen, stehen immer vor einem großen schwarzen Loch. Kein Mensch weiß so ganz genau, was [in der Ukraine-Frage] geschieht.  Das ist der Grund, warum da Spekulationen ins Kraut schießen und warum Emotionen eine größere Rolle spielen“.

    Klar ist auf jeden Fall, dass dieses Verhältnis zwischen dem Westen und Russland für beide Völker nicht gut ist. „Nur die Politik funktioniert nach eigenen Regeln, da muss man wieder Geduld haben,  um die Dinge sich vernünftig entwickeln zu lassen“, erklärt Dietrich Ratzke. Als „ein bisschen Profi auf diesem Gebiet“ gehe er fest davon aus, dass es im Augenblick hochgekocht wird und dass der Dampf im Kochtopf wieder geringer wird.  

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    Tags:
    Wladimir Putin, Dietrich Ratzke, Philipp Gut, Deutschland, Russland, Ukraine, Zürich