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    Berlin in Trümmern 1945

    Geiseln des Krieges: „Da musste man durch“ – Jutta Schneider über ihre Kriegskindheit

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    Ein Krieg ist nicht völlig gerecht, es fallen immer die Falschen. Die Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg bleiben ein kritisches Thema bei Historikern. Jutta Schneider erinnert sich an die Bomben über Bremen.

    Wenn ein Krieg geführt wird, bleiben zivile Bürger nicht verschont. Das  war immer so: Ob aus Versehen oder aus dem Hass gegen die feindliche Nation wurden Zivilisten umgebracht. Mit der Entwicklung der Technologien, darunter auch der Waffen, erlangte der Tod der einfachen Bürger eine neue Dimension. Der Zweite Weltkrieg ist mit 65 Mio. Opfern die größte Tragödie der menschlichen Geschichte. Eine Hälfte davon waren Zivilisten. Plünderungen auf dem besetzten Territorium sind nur einer der Gründe dafür.  Der breit geführte Bombenkrieg ermöglichte es, vom eigenen Territorium aus dem Feind wesentlichen Schaden zuzufügen.

    „Als der Krieg begann und es hieß, es kommen auch Bomben vom Himmel, haben wir daran nicht geglaubt. Wir sind also auf die Straße gegangen und haben neugierig geguckt, bis dann die ersten Bomben fielen, und dann gingen wir in den Keller. So war der Anfang“, erzählt Jutta Schneider für Marina Piminowa. Für sie begann der Krieg, als sie 14 war.

    Die beiden rivalisierenden Seiten griffen zu  Bombenangriffen auf Großstädte. Die zwei am meisten betroffenen Nationen sind die Sowjetunion und Deutschland. Über die Sieger hat man lange Zeit zu Gericht nicht gesessen, doch in der letzten Zeit wird viel davon gesprochen, dass viele zivile Opfer hätten vermieden werden können. Ihre genaue Zahl in Deutschland ist unbekannt und liegt zwischen 300.000 und 600.000 eingeschlossen die verschleppten Zwangsarbeitern.

    Bei den Luftangriffen  waren die Stellungen des Militärs und  Rüstungsbetriebe nicht das einzige Ziel der Angriffe. Das Ziel des sogenannten "Moral Bombing" durch die vereinten Kräfte Großbritanniens und der USA war es, die deutsche Bevölkerung so zu demoralisieren, damit das NS-Regime seinen Rückhalt verlor. Der flächendeckende Einsatz von Brand- und Sprengbomben zeugt davon, dass gerade die zivile Infrastruktur zerstört werden sollte.

    Köln, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Hannover, Kassel, Mainz, Mannheim, Nürnberg – diese Städte wurden zu über 50 Prozent zerstört. Allein in Dresden wurden von 13. bis 15. Februar 1945 bis zu 25.000 Menschen getötet.

    „Dann wurde es schlimmer. Wir Schüler wurden für mehrere Monate nach Süddeutschland verschickt, wo die Städte noch nicht angegriffen wurden. Das Heimweh war natürlich groß. Danach kehrten wir nach Hause zurück, die Schulen wurden zum Teil zerstört. Das war mein erster Eindruck“, erinnert sich die 88-Jährige weiter. „Dann war die Hitlerjugend. Mit 10 Jahren kamen wir natürlich voller Begeisterung in die Hitlerjugend: Freunde, Singen, Wandern. Wir wussten ja nicht. Am Anfang jubelten Hitler ja alle zu“, so Jutta Schneider.

    Über den Effekt auf die Betroffenen wird auch heute gestritten. Die einen behaupten, er sei wesentlich, weil rund ein Drittel der Bevölkerung in deutschen Städten keinen Schutz gegen Bomben hätten finden können. Da bis zu 60 Prozent der Wohnstätte zerstört wurden, mussten ungefähr 6. Mio Menschen nach Zuflucht in anderen Städten suchen. Somit wurden viele Familien gespalten, was ihre Verhältnisse nur weiter verschlimmerte. Nach dem Ende des Krieges haben 91 Prozent der Zivilisten zugegeben, dass die Luftangriffe ihre schrecklichsten Erfahrungen in den Kriegsjahren waren.

    Dass die deutsche Luftwaffe die Alliierten so nah zugelassen und somit sich blamiert hatte, führte dazu, dass die Unterstützung der NS-Regimes um 14 Prozent schrumpfte.

    „Man hatte kein Zuhause mehr, man war ausgebombt, der Vater war gefallen, da musste man durch. Von diesen schrecklichen Dingen, die da passierten, wusste man aber nicht“, sagt Jutta Schneider.

    Der britische Publizist Max Hastings, der sich mit dem Thema befasste, meint dagegen, dass der Effekt nur unbedeutend war. Trotz der Angriffe konnte Deutschland die Herstellung von Flugzeugen ankurbeln.  Laut dem British Bombing Survey Unit war der Effekt mit jedem nächsten Angriff geringer.

    Schließlich kamen die Atombombardements von Hiroshima und Nagasaki mit fast 130.000 Toten an zwei Tagen. Weitere Angriffe wurden geplant, doch die bereits geflogenen reichten aus, um dem Krieg ein Ende zu setzen.

    Die Befürworter der Bombardements gehen davon aus, dass sie die Invasion der amerikanischen Truppen auf die japanischen Inseln unnötig gemacht haben. Somit hätten sie es möglich gemacht, dass eine höhere Zahl von Opfern vermieden worden sei. Die Kritiker sprechen von einem Kriegsverbrechen, dass es zu dem Zeitpunkt für die USA keine militärische Notwendigkeit solcher Schritte bestand.

    Ein Krieg kann nie völlig gerecht sein. Zu seinem Teilnehmer wird man oft unabhängig davon, ob man es will oder nicht.  Darin besteht der Preis des Krieges. Die Lehren der Geschichte sollen die Frage aufwerfen, ob sich die Menschheit weitere Kriege leisten kann.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Max Hastings, Jutta Schneider, Deutschland