02:47 14 Dezember 2018
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    Wladimir Putin legt Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder

    Putins Kolumne über das Leben seiner Eltern im Zweiten Weltkrieg

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    Russlands Präsident Wladimir Putin hat in einer am Donnerstag veröffentlichten Kolumne für die Zeitschrift „Russki Pioner“ (Russischer Pionier) die Erinnerungen seiner Eltern an den Zweiten Weltkrieg widergegeben - und auch darüber, wie seine Eltern ihre Feinde nicht hassen konnten und wollten.

    Putin erzählt über seinen Vater, den Kriegsteilnehmer, über dessen Dienst in einer Diversionsgruppe des sowjetischen Gemeindienstes NKWD (Vorläufer des KGB – des heutigen FSB) und die Kriegsverletzung des Vaters bei Leningrad (heute St. Petersburg).

    „Der Vater mochte es, ehrlich gesagt, nicht, dieses Thema zu berühren“, erinnert sich Wladimir Putin. „Eher war es so. Wenn die Erwachsenen sich unterhielten und sich an etwas erinnerten, war ich einfach dabei. Meine ganze Information über den Krieg, darüber, was mit der Familie passierte, schöpfte ich aus diesen Gesprächen der Erwachsenen unter sich.

    Als der Krieg ausbrach, arbeitete Wladimir Putins Vater in einem Rüstungsbetrieb, dessen Mitarbeiter von der Einberufung in die Armee befreit waren. Aber er schrieb eine Erklärung, dass er an die Front gehen wolle. Man schickte ihn in eine Diversionstruppe. Das war ein kleiner Trupp. Er sagte, dort habe es 28 Mann gegeben. Man schaffte sie ins Hinterland der deutschen Truppen zur Verübung von Diversionsakten – zum Sprengen von Brücken, von Eisenbahnstrecken … Doch sie gerieten fast sofort in einen aHinterhalt. Jemand hatte sie verraten. Die Faschisten verfolgten sie durch den Wald, und er blieb am Leben, weil er in einem Sumpf Zuflucht gesucht hatte und mehrere Stunden lang dort ausharrte. Er atmete durch ein Schilfrohr. Daran erinnere ich mich aus seiner Erzählung“, sagte Wladimir Putin.

    „Ich erinnere mich auch gut, wie er mir sagte, dass ein Deutscher an der Spitze ihrer Gruppe gestanden habe. Ein sowjetischer Bürger. Aber ein Deutscher.

    Und was interessant ist“, schreibt Putin, „vor etwa zwei Jahren brachte man mir aus dem Archiv des Verteidigungsministeriums eine Akte zu dieser Gruppe. Bei mir zu Hause liegt die Kopie dieser Akte. Die Liste der Gruppe, Namen, Vornamen, Vatersnamen und kurze Charakteristiken. Von den 28 Personen dieser Diversionsgruppe kehrten nur vier zurück.

    Und dann wurde Vater in die kämpfende Armee geschickt – bei Leningrad, das von den Hitler-Truppen blockiert war. Dort gab es sehr schwere Kämpfe. Und Vater erzählte, wie er dort verwundet wurde. Es war eine schwere Verwundung. Er lebte ein Leben lang mit Splittern im Bein: man hatte sie nicht alle entfernt. Sein Bein ließ sich später nicht beugen. Man  hatte es vorgezogen, die kleinen Splitter nicht anzurühren, um die Knochen nicht zu zersplittern. Gott sei Dank haben sie ihm das Bein erhalten. Er hatte einen guten Arzt. Als Kriegsbehinderter hat ihm der Staat letztendlich eine Wohnung gegeben. Das war unsere erste Wohnung nur für uns allein. Eine kleine Zweizimmerwohnung. Das geschah natürlich nicht gleich nach dem Krieg, sondern als ich bereits beim KGB gearbeitet habe“, erinnert sich der Präsident Russlands. „Mir hatte man damals keine  Wohnung gegeben, aber endlich dem Vater eine zur Verfügung gestellt. Das war ein riesiges Glück.

    Wie er die Verwundung erlitt, das war so. Der Vater wurde mit einem Kameraden ins Hinterland der Deutschen geschickt, sie robbten über den Boden … Und weiter wurde es lustig, auch traurig: Sie hatten sich einem deutschen Feuernest genähert, da kam, wie Vater sagte, ein großer Deutscher heraus, schaute sie an … sie aber konnten sich nicht rühren, weil ein MG auf sie zielte. ‚Der Mann‘, so sagte er, ‚schaute uns aufmerksam an,  nahm eine  Handgranate, dann eine zweite und bewarf uns mit diesen Granaten …‘ Das Leben ist so eine einfache und grausame Sache.

    Das Hauptproblem, als er dann zu sich kam, bestand darin, dass es bereits Winter und die Newa zugefroren war, er musste irgendwie ans andere Ufer gelangen, zur qualifizierten medizinischen Hilfe. Vater konnte selbst nicht gehen. Aber zufällig war ein Hausnachbar in der Nähe. Und dieser Nachbar zog den Vater hinter sich her. Er schaffte ihn ins Lazarett. Beide haben es lebend bis dorthin geschafft. Der Nachbar wartete auf ihn im Lazarett, überzeugte sich, dass  Vater operiert wurde, und sagte dann: ‚Na gut, nun wirst du leben, ich aber gehe sterben.‘

    Und er machte sich auf den Rückweg. Ich fragte Vater daraufhin: ‚Was ist, ist er gefallen?‘ Diese Frage quälte ihn selbst“, erinnert sich Wladimir Putin. „Sie verloren einander, und Vater meinte, der Nachbar sei gefallen. Aber irgendwann in den 1960er Jahren kam Vater nach Hause, setzte sich auf einen Stuhl und weinte plötzlich. Er hatte seinen Retter getroffen. In einem Geschäft. In Leningrad. Zufällig. Er wollte Lebensmittel einkaufen, da erblickte er ihn. Beide waren gerade in diesem Augenblick gerade in dieses Geschäft gegangen. Eine Chance unter Millionen … Dann kamen sie zu uns nach Hause, sie trafen sich …

    Demnach war alles, was die Eltern über den Krieg erzählt hatten, die Wahrheit. Sie haben sich kein einziges Wort ausgedacht. Auch nicht über den Nachbarn. Auch nicht über den Deutschen – den Kommandeur des Trupps. Das alles hatte sich später auf unwahrscheinliche Weise bestätigt“, schreibt Wladimir Putin.

    Erste Nachtprobe für Siegesparade in Moskau
    © REUTERS / Maxim Shemetov
    Als  Vater dann auf Krücken aus dem Lazarett entlassen wurde und sich dem Haus näherte, da sah er, wie Sanitäter Leichen von verhungerten Menschen aus dem Haus trugen. Und er erblickte Mutter. Er trat an sie heran und ihm schien, dass sie atmet. Da sagte er zu den Sanitätern: ‚Sie lebt doch noch!‘ – ‚Unterwegs wird sie sterben’, sagten ihm die Sanitäter. ‚Sie schafft es nicht mehr.‘ Vater erzählte, wie er sich mit seinen Krücken auf die Sanitäter gestürzt und sie gezwungen hatte, sie zurück in die Wohnung zu tragen. Und er hat sie wieder hochgepäppelt. Sie blieb am Leben. Sie lebte bis 1999. Und Vater ist Ende 1998 gestorben.

    Vaters Familie war recht groß. Er hatte sechs Brüder, fünf sind in jenem Krieg gefallen. Das war eine Katastrophe für die Familie. Auch Mutters Angehörige waren ums Leben gekommen. Ich war ein spätes Kind. Mutter brachte mich mit 41 Jahren zur Welt.

    Es gab in Russland keine Familie, wo nicht jemand gefallen war. Und natürlich Leid, Not, eine Tragödie. Aber sie hassten den Feind nicht, das ist erstaunlich. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht bis zuletzt verstehen“, gibt Wladimir Putin zu. „Meine Mutter war überhaupt ein sehr weichherziger, gutmütiger Mensch … und sie sagte: ‚Na, welchen Hass kann es gegen diese Soldaten geben? Sie sind einfache Menschen und  sie sind auch im Krieg ums Leben gekommen.‘ Das ist verblüffend. Wir wurden mit den sowjetaischen Büchern, mit den Filmen erzogen … Und wir hassten den Feind. Bei ihr aber gab es das aus irgendeinem Grund nicht. Ihre Worte habe ich sehr gut in Erinnerung: ‚Na, was will man von ihnen? Sie sind ebensolche Arbeiter wie wir auch. Man hat sie einfach an die Front getrieben.‘

    An diese Worte erinnere ich mich seit meiner Kindheit“, schreibt Wladimir Putin.

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    Zweiter Weltkrieg, Wladimir Putin, Russland