22:49 18 September 2020
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    Wissenschaftler haben die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Atomkatastrophe wie in Fukushima und Tschernobyl berechnet.

    Die Wissenschaftler analysierten sämtliche AKW-Havarien, die von der IAEO verschwiegen wurden, und kalkulierten die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Katastrophe wie in Tschernobyl. Ihnen zufolge könnten sich Fukushima- und Tschernobyl-Katastrophen in den nächsten Jahrzehnten mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent wiederholen.

    Die AKW-Havarie in Tschernobyl vor 29 Jahren in der Sowjetunion und die jüngste Havarie in Fukushima (Japan) sind die größten Katastrophen in der Geschichte der Atomindustrie. Die beiden Zwischenfälle ereigneten sich wegen der Unfähigkeit des Menschen, im Voraus zu erkennen, wie kleine Probleme mit den komplizierten technischen Systemen zu einem Super-GAU führen können.

    Angesichts der Tatsache, dass die meisten Industrieländer, die über Atomkraftwerke verfügen, auf die Atomenergie in nächster Zeit nicht verzichten wollen und sogar die Inbetriebnahme neuer Reaktoren planen, sind die Behörden dieser Länder besorgt über das Risiko einer erneuten Katastrophe.

    Einfacher gesagt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Tschernobyl-Katastrophe in den nächsten Jahren wiederholt?

    Es stellt sich heraus, dass solche Fragen bei einem wissenschaftlichen Herangehen Spekulationen ausschließen und formal beantwortet werden können. Forscher der Technischen Hochschule in Zürich und der Universität Aarhus in Dänemark suchen nach Antworten auf diese Fragen. Um die Risiken im Atombereich einzuschätzen, haben die Wissenschaftler eine komplette Analyse aller bekannten Vorfälle und AKW-Havarien seit 1946 gemacht.

    Die Atomindustrie wird oft dafür kritisiert, die Risiken zu unterschätzen. Doch es ist oft schwierig, eine objektive Einschätzung zu geben, weil die Informationen über die Havarien und ihre Ursachen in vielen Ländern von der Atomindustrie bereitgestellt werden und deren Vertreter sehr ungern solche Informationen preisgeben.

    Unklar ist auch das Prinzip, nach dem man die AKW-Havarien einstufen kann. Die IAEO nutzt eine internationale Skala der nuklearen Vorfälle, die mit der Menge der radioaktiven Strahlung verbunden ist. Es handelt sich um eine Acht-Punkte-Skala. Sieben Punkte erhalten die Havarien in Tschernobyl und Fukushima, sechs Punkte der Unfall in der Atomfabrik „Majak“ im Jahr 1957, fünf Punkte die Havarie im AKW Three Mile Island im Jahr 1979.

    Die IAEO veröffentlicht die Angaben über die Havarien und Zwischenfälle nicht, weil sie die Atomenergie gleichzeitig kontrollieren und fördern soll. Deswegen können unabhängige Forscher die IAEO-Angaben über AKW-Vorfälle nicht nutzen, deren komplette Liste bis vor kurzem 102 Zwischenfälle umfasste, wobei nur 72 davon nach der internationalen Skala eingestuft wurden.

    Die Wissenschaftler mit Spencer Wittley an der Spitze richten sich nicht nach den IAEO-Angaben und erstellten eine eigene Liste, wobei ein eigenes Bewertungssystem erstellt wurde. In ihrem Ranking stützen sie sich nicht auf der Menge der Schadstoffe, sondern auf die Kosten für die Beseitigung der Havariefolgen in US-Dollar nach dem Stand von 2013. In diesem System wird die Havarie als „ungewollter Vorfall bzw. Ereignis an einem Atomenergieobjekt, der zu einem bzw. mehreren Opfern bzw. Verlusten in Höhe von mehr als 50.000 US-Dollar führte“ bezeichnet. Eine Havarie kann sich bei der Gewinnung von Kernmaterial bzw. bei dessen Transport zur Anreicherungsanlage ereignen.

    Informationen über solche Vorfälle stammen in den meisten Fällen aus offenen Quellen, darunter Berichte, Forschungsartikel, Pressemitteilungen sowie Zeitungsartikel. Aufgrund dieser Informationen wird der Schaden eingeschätzt, darunter Wirtschaftsverluste, Zerstörungen, Wiederaufbau-, Evakuierungsarbeiten, Strafen, Klagen u.a.

    Beim Tod eines Menschen steigt der „Preis“ einer Havarie automatisch um sechs Millionen US-Dollar. Diese Einschätzung stammt von US-Agenturen, die sich mit den Einschätzungen der Risiken für das Leben beschäftigen.

    Nach dieser Skala wurden 147 verschiedene Vorfälle im Atombereich bewertet. Zu den fünf größten Katastrophen gehören die Havarien in Fukushima und Tschernobyl, der Brand im japanischen Reaktor Tsuruga 1995, der Brand im Plutonium-Werk Rocky Flats (USA) und der Zwischenfall in der Atomanlage Sellafield im Jahr 1955.

    Die Analyse habe alle Mängel des IAEO-Bewertungssystems ans Licht gebracht, so die Wissenschaftler. Dabei wird betont, dass die Zahl der Havarien mit einem Schaden von mehr als 20 Millionen US-Dollar seit den 1970er-Jahren allmählich zurückging und nach der Tschernobyl-Havarie sehr stark zurückging. Die Häufigkeit solcher Havarien liegt heute bei 0,002-0,003 Zwischenfällen pro AKW im Jahr.

    Die Häufigkeit der Havarien wie Tschernobyl bzw. Fukushima entspricht nicht dieser Tendenz, weil sie die Folge von mehreren unvorhersehbaren Ereignissen und Umständen sind. Doch die gesammelten Informationen lassen die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung solcher Katastrophen einschätzen. Den Experten zufolge beläuft sich der Schaden der Fukushima-Havarie auf 166 Milliarden US-Dollar – 60 Prozent des Gesamtschadens aller nuklearen Zwischenfälle. In Bezug auf die Strahlenbelastung steht Tschernobyl an erster Stelle.

    „Die Fukushima-Katastrophe wird sich mit der Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent in den nächsten 50 Jahren wiederholen, die Tschernobyl-Katastrophe in den nächsten 27 Jahren, Three Mile Island in zehn Jahren“, so die Wissenschaftler.

    Sollte sich die Prognose bewahrheiten, wird sich die nächste AKW-Havarie mit großer Wahrscheinlichkeit in einem bereits in Betrieb stehenden Reaktor ereignen.

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    Tags:
    Tschernobyl, Zürich, Dänemark, Japan