22:33 20 November 2018
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    Niederländische Ermittler auf Spurensuche an MH17-Absturzstelle

    MH17-Absturz: „Verdächtig, dass wir keine Infos von Amerikanern haben“ – Experte

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    Prof Dr. André Liebich vom Graduate Institute in Genf, Experte für Zentral- und Osteuropa, sieht immer noch beträchtliche Lücken in den bisherigen Ermittlungen zum MH17-Absurz vor einem Jahr. Der abschließende Bericht der Ermittler wird, wie er befürchtet, unterschiedliche Deutungen zulassen.

    Ein Jahr ist seit dem Abschuss von Flug MH17 vergangen. Jedoch wissen wir immer noch nicht viel mehr als letzten September. Damals kam der Vorabbericht vom Holländischen Sicherheitsboard raus.

    Uns fehlen die ukrainischen und die US-Satellitenfotos. Das ist ein Problem.  Einigen Berichten nach haben die Vereinigten Staaten Informationen an den Ausschuss ausgehändigt, aber diese nicht publik gemacht. Man weiß also nicht wirklich, ob Informationen rausgegeben worden sind oder nicht.

    Immerhin: Die gängige Lesart scheint mittlerweile zu sein, dass es eine bodengestützte BUK-Rakete war, die das Flugzeug abgeschossen hat.

    Es sieht tatsächlich so aus, als ob es eine Boden-Luft-BUK-Rakete war. Die Frage ist natürlich, wer sie abgeschossen hat. Eine Theorie, die ich kürzlich gelesen habe, ist, dass es eine selbstständige ukrainische Miliz war. Davon gibt es einige. Private Bataillone, die von Oligarchen finanziert werden, die im Osten eingesetzt werden und welche um einiges effektiver sind, als das herkömmliche ukrainische Militär. In diesem Fall wäre die ukrainische Regierung aus dem Schneider, aber die ukrainische Seite wäre trotzdem verantwortlich.

    Die Frage ist ja auch, ob ein technischer Bericht überhaupt klären kann, welche Seite die BUK-Rakete abgeschossen hat.

    Ja, es gibt eigentlich nur zwei Hypothesen. Eine ist, dass es diese ukrainische Privateinheit war, welche die Rakete ohne Befehle oder Einverständnis aus Kiew abgefeuert hat und die andere natürlich, dass es die Aufständischen waren. Der Unterschied ist natürlich, wenn es die Aufständischen waren, dann ist es als Unfall anerkannt. Sie wollten nicht dieses bestimmte Flugzeug abschießen. Sie haben geglaubt, dass sich ein ukrainisches Transportflugzeug zur selben Zeit in der Luft befunden hat und sie haben darauf gezielt. Wenn es aber die ukrainische Seite war die das Flugzeug abgeschossen hat, war es eindeutig eine vorsätzliche Handlung. Eine "False-Flag"-Operation die genau darauf angelegt war die Ergebnisse hervorzurufen, die sie dann tatsächlich hervorgerufen hat. Eine überwältigende Welle von Mitgefühl für die Ukraine im Westen und den wie ich denke entscheidenden Grund dafür, EU-Sanktionen gegen Russland zu bewirken.  

    Woran könnte es liegen, dass sich die Aufklärung nun schon so lange hinzieht?

    Ich denke, es ist sehr verdächtig, dass wir keine eindeutigen Informationen von den Amerikanern haben. Offensichtlich gab es Satelliten in der Nähe des Abschussgebietes, und die wussten sehr gut, was passiert ist. Das würde den Finger auf die Ukrainer richten. Ich denke, die Tatsache, dass die Aufklärung so lange dauert, ist ein Hinweis darauf, dass die Ergebnisse unangenehm für die Mächte sind, die an den Ermittlungen beteiligt sind. Jedes Ermittlungsmitglied hat Verweigerungsrecht. Das heißt, es kann verhindern, dass Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Der Bericht sollte eigentlich ein Jahr nach dem Ereignis veröffentlicht werden. Er ist noch immer nicht veröffentlicht. Nun redet man von Oktober. Und hier geht es nur um die ersten Ermittlungen. Aber es sieht nach einer Verzögerungstaktik aus und danach, dass die Beteiligten warten wollen, bis die Angelegenheit nicht mehr von aktuellem Interesse ist. Ich denke, dass ist die falsche Strategie, denn offensichtlich ist es von großem Interesse für Malaysia, das seine Bürger und den Ruf ihrer Staatsfluglinie verloren hat, zu wissen was passiert ist. Es wird natürlich nicht von den Familien der Opfer vergessen werden. Welche schon Russland, die Ukraine und Malaysia verklagt haben. Man kann das also nicht für immer geheim halten.

    Wie könnte denn der abschließende Bericht, der voraussichtlich im Oktober erscheint, aussehen?

    Ich befürchte, dass wir einen weiteren unklaren Bericht vom holländischen Sicherheitsboard bekommen werden. Ohne Schuldzuweisungen, aber mit mehreren Hypothesen. Verhüllt in technischer Fachsprache. Von da an wird es dann die Aufgabe einer der beteiligten Parteien sein, die Angelegenheit vor ein Gericht zu bringen. Wenn sie das dann tun, wer würde auf der Anklagebank sitzen? Man könnte eine Situation bekommen, die es schon einmal in Den Haag im Fall von Serbien und Bosnien gab. Damals entschied das Gericht, ja, es gab einen Völkermord in Bosnien, aber nein, wie wissen nicht wer der Verursacher war. Bosnien war also zufrieden, dass es ein Urteil zu ihren Gunsten bekommen hat, aber Serbien war auch zufrieden, weil es nicht angeklagt worden ist. Diese Situation könnten wir auch haben. Es könnte — rein theoretisch – gesagt werden, dass das Flugzeug von Aufständischen abgeschossen worden ist, aber man weiß nicht von wem, deswegen kann niemand angeklagt werden. Das wäre allerdings ein unbefriedigendes Ergebnis, weil es das Geheimnis für eine lange weitere Zeit aufrecht halten würde.

    Das würde auch Malaysia und seinem Premierminister Razak Najib nicht gefallen. Der hat ja wahrscheinlich den größten politischen Druck den Vorfall aufzuklären.

    Natürlich, ja. Dabei geht es um seine Bürger und die staatliche Fluglinie und so weiter. Die Meinung in Holland ist schon klar. Die Holländer sind sich ziemlich sicher, dass es die Aufständischen waren. Sie wären sehr überrascht, wenn sich ein anderes Fazit ergeben würde. In Malaysia ist das nicht so. Dort wollen sie eine ernsthafte Antwort. Ich denke, sie wären mit jeder Antwort einverstanden — mit ukrainischen oder aufständischen Schuldigen — aber sie wollen eine Antwort.

    Interview: Bolle Selke

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    MH17, André Liebich, Donezk, Ukraine, Russland