23:35 25 Juni 2019
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    25 Jahre Ost-West-Angleichung: Ostdeutsche sehen mehr Unterschiede - Studie

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    In der Wirtschaft, den politischen Präferenzen, beim zivilgesellschaftlichen Engagement, bei der allgemeinen Zufriedenheit mit dem Leben bleiben auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, betont der wissenschaftliche Mitarbeiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung Stephan Sievert.

    Das Institut veröffentlichte eine Studie zum Zusammenwachsen von Ost und West, die davon zeugt, dass die Jahre der Teilung und die Umbrüche der Nachwendezeit ihre deutlichen Spuren hinterlassen haben. „In der Bildung oder bei der Lebenserwartung sind die Unterschiede weniger“, sagte er im Gespräch mit Nikolaj Jolkin. „Es muss aber nicht so sein, dass irgendwann Ost und West in allen Bereichen genau gleich sind. Auch zwischen Nord- und Süddeutschland gibt es Unterschiede. Viele von ihnen können wir auf unterschiedliche Startbedingungen zurückführen.“

    „Anfang der neunziger Jahre war es vielen ostdeutschen Betrieben nicht möglich, in der Marktwirtschaft zu überleben. Dadurch ist viel Industrie kaputtgegangen, und die Struktur der Wirtschaft muss eben neu entstehen“, so der Experte. „Es war natürlich ein Nachteil gegenüber vielen großen Firmen, die es eben in Westdeutschland schon gab, die langjährige Erfahrung hatten. Die großen Unternehmen sind auch heute eher im Westen. Und es gibt eben viel mehr kleine Firmen in Ostdeutschland.“

    Die Einkommen seien in Ostdeutschland immer noch rund 20% niedriger, konstatiert der Experte. Es gebe mehr Menschen, die in Ostdeutschland allein wohnen, es gebe geringeres zivilgesellschaftliches Engagement.

    Aber grundsätzlich sei der Prozess des Zusammenwachsens erfolgreich, so der Wissenschaftler. „Wir haben es geschafft in Ostdeutschland, relativ gute Lebensbedingungen zu erwirtschaften. Von den Einkommen sind die Ostdeutschen bei 80 Prozent der der Westdeutschen, von der Stärke der Industrie ist Ostdeutschland zwar nicht so gut wie Westdeutschland, aber im Schnitt der Europäischen Union durchaus erfolgreich.“

    Ein grundsätzliches Ergebnis der Befragung war, dass die Ostdeutschen mehr Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen sehen als die Westdeutschen. Stephan Sievert erklärt es dadurch, dass die Ostdeutschen die Wiedervereinigung und die letzten 25 Jahre viel direkter erlebt haben als mancher Westdeutscher weit im Westen oder im Süden, der gar nicht so viel von der Wiedervereinigung mitbekommen hat.

    Ein Drittel derjenigen Ostdeutschen, die generelle Unterschiede nicht abstreiten, nehmen Ihre Mitbürger im Westen als arrogant wahr. Und diese wiederum empfinden die Ostdeutschen teilweise als unzufrieden und anspruchsvoll. Der Experte erklärt es dadurch, dass „sehr viele neue Produkte aus dem Westen kamen und es erst mal eine gewisse Skepsis gab. Es gibt immer noch mehr Arbeitslosigkeit. Immer mehr Menschen leben unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Und man macht jemanden anderen dafür verantwortlich. Jedoch sind es nur fünf Prozent der Westdeutschen, die so was über die Ostdeutschen denken.“

    Die alte Grenze zwischen Ost und West zeichnet sich nach Meinung  von Stephan Sievert darin ab, dass in Ostdeutschland viel weniger Migranten als in Westdeutschland wohnen. „Das hat auch mit der Vergangenheit zu tun. In Westdeutschland gab es damals viel mehr sogenannte Gastarbeiter als in Ostdeutschland. Und wenn jetzt neue Menschen nach Deutschland kommen wollen, leben sie, wo es Arbeit gibt, eben in Städten, und das ist meistens in Westdeutschland. Es gibt aber inzwischen auch attraktive ostdeutsche Städte wie Berlin, Dresden oder Leipzig.

    In der einstigen DDR lag die Kinderbetreuung in zahlreichen Kindereinrichtungen auf einem höheren Niveau als im Westen. Die öffentliche Kinderbetreuung liege in Ostdeutschland immer noch deutlich höher als in Westdeutschland, anerkennt der Wissenschaftler. „Inzwischen holt der Westen ein bisschen auf, weil es seit einigen Jahren Politik der Regierung ist, dass alle Eltern einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben sollen. Bei der Kinderbetreuung nähert sich der Westen dem Osten, bei der Wirtschaft hat sich der Osten extrem dem Westen angenähert. Bei der Lebenszufriedenheit haben sie sich angenähert, und vor allem bei der Lebenserwartung. Der Osten lag deutlich unter dem Westen. Inzwischen gibt es keine großen Unterschiede mehr. Und beim Thema Bildung, z.B. bei PISA-Studien, sind die ostdeutschen Bundesländer sogar besser als die westdeutschen.“

    Die Studie stellt jedoch fest, dass die fünf Flächenländer im Osten seit der Einheit massiv Bevölkerung verloren haben, vor allem durch Abwanderung junger Menschen. „Während der Umbruchsphase gab es weniger Arbeitsplätze in Ostdeutschland, und sie wurden schlechter bezahlt“, meint Sievert.  „Viele sind deswegen nach Westdeutschland gegangen. Das waren inzwischen Millionen Menschen. Heute ist es so, dass genauso viele Menschen in den Westen gehen wie in den Osten.“

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    Tags:
    Migranten, Deutschland, Berlin