19:16 14 Dezember 2019
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    Deutsche Experten: Vorteile im Flüchtlingszustrom sehen – Integrationsklima wichtig

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    Trotz der zahlreichen Probleme mit dem Flüchtlingszustrom - für den deutschen Arbeitsmarkt bedeutet die Zuwanderung auch hohes Fachkräftepotenzial, es kommt nur auf besseres Integrationsklima an, so die von Sputniknews befragten Experten.

    Die Europäische Union muss sich laut Prognosen auf 800.000 Flüchtlinge gefasst machen. Die Zahl könne sogar höher sein, sagt Bernd Fabritius, Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), in einem Gespräch mit Sputniknews. Allein in seiner Heimatstadt München haben sich am Wochenende jeden Tag 10.000 Flüchtlingsopfer gemeldet. Deutschland beschließt sechs Milliarden Euro für die Bewältigung der Flüchtlingskrise.

    Gewillkürte Wohlstandsmigration vs. erzwungene Flucht

    Erschwerend komme der Missbrauch der Krise hinzu, sagt Fabritius weiter: „Es gibt leider sehr viele Menschen, die sich als Trittbrettfahrer einen Zutritt in die EU verschaffen wollen, den ihnen nicht zusteht. Wir fordern daher eine klare Differenzierung zwischen den Menschen, die tatsächlich um Leib und Leben fürchten und fliehen müssen, und Menschen, die aus sicheren Staaten, sogar den EU-Beitrittskandidaten, kommen und die Zuzugswege missbrauchen.“ 

    Deutschland braucht hochqualifizierte Fachkräfte

    Der demographische Wandel in Deutschland ist eine große Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt, insbesondere für die Branchen, wo hochqualifizierte Fachkräfte gefragt sind.  Das seien genauso wie in den letzten zehn Jahren solche Bereiche wie Mathematik, Informatik, Technik, Medizin und die Naturwissenschaften, sagte Sascha Krannich von der Graduate School of Politics der Universität Münster im Gespräch für Sputniknews.

    Diejenigen, die einen Hochabschluss haben, können mit der sogenannten Blue Card der Europäischen Union rechnen. Diese Initiative, die 2012 ins Leben gerufen wurde, ermöglicht einen EU-weiten Aufenthalt zu Erwerbszwecken für 4 Jahre. „Allein in den letzten zwölf Monaten sind ca. 10.000 Menschen mit einer Blue Card nach Deutschland eingewandert. Grundsätzlich hört das sich wenig an, aber wenn man es mit anderen europäischen Ländern vergleicht, sind das relativ viele“, betonte Krannich.

    „In den vorigen zwei Jahren waren es ebenso 10.000“, fügte er hinzu. Das entspreche aber einem enormen Anteil von 90 Prozent im EU-Vergleich. Der Anstieg sei positiv, und laut Prognosen werden noch mehr Menschen darauf zugreifen, wenn sich die Wirtschaft erhole. Wichtig sei dabei auch die Werbung. Die Blue Card sei erst vor drei Jahren eingeführt worden und man müsse auch den Menschen zeigen, wie lukrativ das sei, resümierte der Experte.

    In der Flüchtlingswelle nach Deutschland sieht er ein großes Potenzial: „Flüchtlinge von heute sind keine Arbeitsmigranten, aber das können natürlich die Arbeitsmigranten von morgen sein. Da sind viele Hochqualifizierte dabei, die meisten aus Syrien zurzeit. Die Frage ist, ob man ihnen nun eine Chance gibt, sich auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Dann kann schnell aus einem Flüchtling ein hochqualifizierter Migrant werden.“

    Die allererste Voraussetzung dafür seien die Sprachkenntnisse, meint  Dr. Thomas Liebig, Leitender Ökonom der Abteilung für Internationale Migration der OECD. Aber auch diejenigen Zuwanderer, die diese Barriere geschafft haben, arbeiten oft unter ihrem Qualifikationsniveau.

    Wie Dr. Thomas Liebig im Interview für Sputniknews sagte, sind nicht nur europäische Länder damit konfrontiert. Sowohl in Europa als auch in den USA, Kanada oder Australien gelinge es den Arbeitgebern nicht immer, die Qualifikationen der Migranten, die sie aus dem Ausland gebracht haben, richtig einzuschätzen. „Ungefähr 60 Prozent der Zuwanderer in Deutschland, die einen Hochabschluss haben, haben ihn im Ausland erworben. Da die Bildungssysteme unterschiedlich sind, haben die deutschen Arbeitnehmer Schwierigkeiten, das zunächst mal einzuschätzen. Dann gibt es Probleme bei der praktischen Anerkennung, obwohl es hier schon erhebliche Fortschritte erreicht wurden – durch das Anerkennungsgesetz, das vor ein paar Jahren in Kraft getreten ist und jetzt langsam immer stärker auch ins Rollen kommt. Damit ist die Infrastruktur für eine Anerkennung ausländischer Qualifikationen heute wesentlich besser als es noch vor wenigen Jahren war. Diejenigen, die keine volle Gleichwertigkeit bekommen, können dann Brückenkurse besuchen, um sich an ihre Qualifikationen anzupassen. Das wird jetzt auch ausgebaut und es ist wichtig, auf diesem Weg weiter voranzugehen“, so der OECD-Ökonom.

    EU braucht einheitliche Standards

    In der EU müsse es dem BdV-Chef Fabritius  zufolge einheitliche Standards geben, damit es für Flüchtlinge irgendwann gleichgültig ist, wo sie zuziehen. „Es kann nicht sein, dass die meisten Flüchtlinge unbedingt nach Deutschland kommen wollen. Wir brauchen einheitliche Standards, so dass es für die Flüchtlinge irgendwann gleichgültig ist, ob sie in Deutschland oder in Polen oder Großbritannien zuziehen können. Leider stellt sich die EU derzeit fast als Union egoistischer Nationalstaaten dar. Man muss sehr schnell zu einer europäischen Solidarität kommen“, betonte er.

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    Tags:
    Migrationspolitik, Migranten, EU, Thomas Liebig, Deutschland