03:13 17 November 2019
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    Migranten in Röszke

    Augenzeugenbericht aus Flüchtlingscamp Röszke: „Wie Tiere im Zoo“

    © AFP 2019 / Peter Kohalmi
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    Klaus Kufner ist zusammen mit Ilse Lahofer und Michaela Spritzendorfer-Ehrenhauser nach Ungarn gereist, um dort Flüchtlingen zu helfen. Eine Video-Dokumentation, die dabei entstand, spricht Bände von der schrecklichen Situation, in der sich die Menschen dort befinden. Ein Interview.

    Herr Kufner, Sie waren vom 09. auf den 10. September 2015 in Ungarn, um Flüchtlingen zu helfen. Welche Eindrücke haben Sie dort gesammelt?

    Der erste Eindruck war, als wir einen ganzen Lkw voll Spenden, etwa eine halbe Tonne, gebracht haben. Das Spendenlager, das war in einem Gewerbegebiet, war bis zur Decke hin voll, aber es wurde nichts für die Flüchtlinge ausgegeben. Die Polizei sperrt alle Camps total ab. Sie will nicht haben, dass die freiwilligen Helfer die Spenden in den Camps abgeben. Sie werden dort auch nicht angenommen, man kann sie nicht der Polizei übergeben,  sodass sie an die Flüchtlinge verteilt werden.

    Der zweite Eindruck war, dass wahnsinnig viele Flüchtlinge auch im Freien schlafen, ohne Zelt. Viele in der freien Wildbahn, einfach mit dem, was sie anhaben, irgendwo auf den Feldern. So haben wir uns entschlossen, dass wir mit dem Rest unserer Spenden zu dem Camp, das am berüchtigtsten ist, fahren, um dort Spenden abzugeben.

    Das stellte sich aber als mühsam heraus. Schon vor dem Schlagbaum sahen wir Flüchtlinge, die protestierten, dass sie eingesperrt wurden. Wir haben gesehen, wie die Polizisten Wasserflaschen in die Menge geworfen haben. Dann kam ein Offizier auf uns zu, der Kommandant dieses Lagers. Er hat gesagt, ich darf rein, aber ich darf keine Kleidung für die Flüchtlinge herbringen, keine Schlafsäcke, keine Zelte, keine Hygieneartikel, ausschließlich Medikamente oder medizinisches Gerät.

    Dann kam ein Mann vom Roten Kreuz herunter, der hat mir gesagt, dass er im Zivilberuf technischer Ingenieur ist und eigentlich keine Ahnung hat von medizinischer Hilfe. Wir sind dann mit ihm in den Versorgungsraum des Roten Kreuzes gegangen. Der war aber leer — eine halbe Packung WC-Papier und eine halbe Packung Babywindeln, das war‘s. Also jede Autoapotheke hat mehr medizinische Erstversorgung… Und während ich dann mit dem Mann dort saß und eine Liste erstellt habe, was wir dann beim nächsten Mal mitbringen, hat meine Kollegin die Gelegenheit genutzt und hat ihre kleine Kamera gezückt und die Szenen gefilmt. Was wir dort gesehen haben, war entsetzlich.

    Bei der Essensausgabe haben die Polizisten mit einer gewissen Gehässigkeit Plastiksäckchen mit Essensrationen einfach in die Menge geschleudert. Mein Eindruck war: Es sieht so aus,  als ob man Tiere im Zoo füttert.


    Der ungarische Ministerpräsident geriert sich ja gerne als der letzte Verteidiger der EU-Außengrenzen. Wie beurteilen Sie den Kurs von Viktor Orban nach diesen Impressionen?

    Man kann sagen, dass sich Ungarn zu einem autoritären Staat entwickelt, der Weg zu einem faschistischen Staat ist nicht mehr weit. Was mich erschreckt ist, dass die Europäische Union hier nicht vehement Einspruch einhebt.

    Es ist ja nicht der erste Vorfall, der öffentlich passiert ist. Und was auch schlimm ist, vor Ort sind sehr wohl humanitäre Organisationen wie die UNHCR oder die Caritas und auch Ärzte ohne Grenzen. Und da muss man sagen, die Ärzte ohne Grenzen sind immer aktiv und schlagen sich auch mit der örtlichen Polizei herum, während das UNHCR untätig daneben steht und die Flüchtlinge zählt, aber eben nichts tut. Also wenn die mit einem wirklichen Konvoi da reinfahren würden, dann könnte man auch durchaus einen Druck auf die ungarische Regierung ausüben. In der ganzen Umgebung von Röszke ist die Bevölkerung nicht sehr erfreut von den ganzen Flüchtlingen, dort gibt es eine Art Pogromstimmung, die auch spürbar ist. Und nachdem nun zum 15. September die 13 Eilgesetze von Orban in Kraft treten, nach denen die Flüchtlingshilfe verboten ist, dann wird gar keiner mehr helfen wollen.

    Wenn Sie sagen, dass die Flüchtlingshilfe dort demnächst verboten wird, gibt es denn dann noch eine Möglichkeit, wie man den Menschen dort überhaupt noch helfen kann?

    Die Polizei geht massiv gegen Flüchtlingshelfer vor. Als ich dort mit dem Polizeichef verhandelt habe, der dort auch auf Englisch „Commander“ genannt wird…  Und dann diese Begriffe: Lager 1, Stammlager, das sind doch wirklich Worte, die ich aus anderen Zeiten kenne, aus den Geschichtsbüchern, die sind sehr martialisch. Mir wurde dort sehr klar, aber nonverbal signalisiert, dass wenn ich Schwierigkeiten mache, dann komme ich nicht rein ins Lager, sondern muss eher noch mit Sanktionen rechnen. Es ist einfach ein Polizeistaat, der sich dort gerade bildet. Und wenn es ein Polizeistaat ist, und dort das Klima so ist, dann wundert es mich auch nicht, dass man mit den Flüchtlingen so umgeht. Die Zivilgesellschaft ist im Grunde genommen hilflos.

    Interview: Bolle Selke

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    Tags:
    Migranten, Michaela Spritzendorfer-Ehrenhauser, Ilse Lahofer, Klaus Kufner, Ungarn