23:34 19 Juni 2018
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    Nach blutigen Terroranschlägen in Paris

    Wissenschaftler: Nach Terroranschlägen werden weniger Jungen geboren

    © REUTERS / Gonzalo Fuentes
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    Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sich Terroranschläge negativ auf die Geburtenrate von Jungen auswirken. Ein maltesischer Kinderarzt, der die Geburtendynamik von Jungen erforscht, hat „Gazeta.Ru“ gesagt, welche Folgen die Anschläge in Frankreich nach sich ziehen können und in welchem Bezug sie etwa zu Breiviks Massaker stehen.

    In manchen Ländern sind Terroranschläge mit vielen Opfern nichts Ungewöhnliches, in anderen, wie etwa in Frankreich, sind sie eher selten, dafür können sie, wie Syriens Präsident Baschar Assad sagte, einer Nation genau ins Herz schlagen. Derartige Tragödien sorgen für tiefen Stress innerhalb der Nation und können nicht nur einen rein emotionellen, sondern auch einen demographischen Nachhall haben. 

    Diesen Nachhall hat der maltesische Kinderarzt Victor Grech erforscht, der sich bereits seit vielen Jahren mit verschiedenen demographischen Aspekten befasst. Seine jüngste Entdeckung lautet: Seit der Fußball-WM in Südafrika im Jahr 2010 werden im Land viel mehr Jungen zur Welt gebracht als zuvor.

    Dafür gibt es zwei Gründe: die Menschen haben mehr Sex und sind insgesamt glücklicher geworden.

    In seinem jüngsten Artikel im Magazin „Early Human Development“ hat Grech dargelegt, welche Folgen einmalige oder langwierige Erscheinungen innerhalb einer Nation haben können. Einer der wichtigsten Faktoren ist für die Demographen das Verhältnis zwischen den Geburtenraten von Jungen und Mädchen.

    Wissenschaftler haben längst festgestellt, dass weltweit durchschnittlich etwas mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Außerdem werden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen eine Reihe von Faktoren beschrieben, die auf dieses Verhältnis einwirken können.

    Laut der sogenannten Trivers-Willard-Hypothese spielt der Zustand der Mutter während und nach der Empfängnis eine große Rolle hinsichtlich des Geschlechtes ihres künftigen Kindes. Im Jahr 1973 nahmen die Zoologen Trivers und Willard an, dass der Wohlstand der Eltern (darunter die Zugänglichkeit von Nahrung) den Wohlstand der Nachkommen beeinflussen könnte, wobei es für erfolgreiche Eltern von Vorteil wäre, das Risiko einzugehen und Jungen zur Welt zu bringen.

    In seiner Studie hat Grech den Einfluss von vier negativen Ereignissen auf die Geburtenraten von Jungen und Mädchen analysiert.  Die Ereignisse sind der ethnopolitische Konflikt in Nordirland in den Jahren 1969 bis 1989, die Krawalle in den USA nach der Polizeigewalt am schwarzen Taxifahrer Rodney King im Jahr 1992, der Anschlag von Anders Breivik in Norwegen im Jahr 2011 und der Amoklauf in der amerikanischen Schule Sandy Hook im Jahr 2012.

    Im Falle von Nordirland wurden Informationen über zwei Millionen Babys analysiert, die während des Konflikts und innerhalb von 30 Jahren danach geboren wurden. Die Analyse ergab, dass der Konflikt ein zunehmendes Absinken der Geburtenrate zur Folge hatte, wobei der Tiefststand (15 Jungen weniger je 1.000 Babys) auf das Jahr 1978 entfiel. Gerade in diesem Jahr hatte die IRA die größte Zahl von Terroranschlägen verübt: Insgesamt wurden 70 Bomben in verschiedenen Städten des Landes gezündet.

    Die Proteste, Brandstiftungen, Krawalle und Morde, die 1992 nach dem Verprügeln des schwarzen Taxifahrers in den USA begonnen hatten, bewirkten nach vier Monaten einen Einbruch der Geburtenrate von Jungen: Auf 1.000 Babys entfielen nun vier Jungen weniger.

    Die Erforschung der Folgen des Anschlags von Anders Breivik, der Halbwüchsige in einem Jugendcamp erschossen hatte, ergab, dass jeder vierte Norweger jemanden kannte, der dem Anschlag zum Opfer gefallen war. Nach vier Monaten wurden bereits 26 Jungen weniger je 1.000 Babys geboren.

    Die Schießerei in der Schule Sandy Hook war eines der blutigsten Verbrechen in den amerikanischen Schulen, und schon vier Monate nach der Tragödie ging die Geburtenrate von Jungen um 23 Babys zurück.

    Diese Ergebnisse erklärt Grech wie folgt: „Stress sorgt für mehr Missgeburten, wobei es sich mit höherer Wahrscheinlichkeit um Jungen handelt.“ Laut der Trivers-Willard-Hypothese haben männliche Embryonen, die im Durchschnitt schwächer sind als weibliche, unter ungünstigen Verhältnissen weniger Chancen, geboren zu werden, und es kommt öfter zu Missgeburten.

    Derartige Effekte wurden laut dem Wissenschaftler auch nach dem 11. September 2011 nachgewiesen, erinnert Grech. Ähnliche Gesetzmäßigkeiten seien außerdem bei anderen, oftmals viel weniger tragischen Ereignissen, festgestellt.

    Auch nach den Anschlägen in Paris hält der maltesische Wissenschaftler den Rückgang der Geburtenrate von Jungen für sehr wahrscheinlich. Die Folgen können laut Grech in drei bis fünf Monaten eintreten.

     

    Tags:
    Geburtenrate, Terroranschläge, Victor Grech, Frankreich