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    Nach dem Terrorüberfall auf den Club Bataclan in Paris, Freitag, 14. Nov. 2015

    Wie man eine Terrorattacke überlebt – Ratschläge eines Experten

    © REUTERS / Philippe Wojazer
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    Terrorgefahr in Europa (2016) (232)
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    Die grausame Anschlagsserie in Paris, bei der Unbekannte in Restaurants um sich schossen, am Stade de France Bomben hochgingen und beim Auftritt einer US-Rockband in der Konzerthalle „Bataclan“ Geiseln genommen wurden, hat zeigt, wie sehr wir alle verwundbar sind.

    Der Oberst der russische Spezialeinheit Alfa, Vitali Demidkin, gibt Auskunft darüber, wie man sich bei einer Geiselnahme von Terroristen in einem Gebäude und bei einer Erstürmung verhalten und was man tun soll, wenn man verletzt ist. Demidkin leitete die Erstürmungsgruppen bei der Befreiung der Geiseln im Dubrowka-Theater in Moskau und im Schulgebäude in Beslan.

    Demidkin: „Es kommt vor, dass nicht viele Terroristen in eine Konzerthalle gehen und der Eingang noch frei bleibt. In diesem Fall kann man noch fliehen. Oder falls Terroristen in ein Schulgebäude eindringen, durch die Räume gehen und es in der Nähe ein Fenster gibt, kann man durch das Fenster fliehen oder sich im Keller verstecken und von dort aus zu fliehen versuchen. Man kann sich auch in einem Raum verstecken. 

    Falls man das Gebäude nicht gleich verlassen kann und Terroristen in der Nähe sind, sollten alle ihre Forderungen erfüllt werden – sich irgendwo versammeln, Hände an den Kopf legen, sich setzen bzw. hinlegen, wie dies im Konzerthaus „Bataclan“ der Fall war. Man darf auf keinen Fall auffallen – aufstehen, laufen, schnelle Bewegungen machen –weil dies als Aggression wahrgenommen wird.

    Man sollte berücksichtigen, dass es in einem eroberten Gebäude Kameras geben kann, die von Geheimdiensten genutzt werden. Man sollte zeigen, dass man Geisel und nicht Helfer der Terroristen ist. Ich führe ein Beispiel an: Im März 1991 wurde am Flughafen Domodedowo ein Flugzeug Jak-42 gekapert. Die Terroristen ließen einen Passagier frei, damit er den Behörden ihre Forderungen übergeben konnte. Er sagte: „Der Terrorist befindet sich im zweiten Raum, im ersten gibt es zwei weitere Helfer.“ Unsere Gruppe musste dieses Flugzeug stürmen. Später stellte sich heraus, dass es nur einen Terroristen gab und zwei weitere Personen einfache Passagiere waren. Doch sie benahmen sich wie Helfer der Terroristen.

    „Was haben diese Leute gemacht?“ 

    „Vielleicht gingen sie frei durch das Flugzeug und machten Anmerkungen gegenüber anderen Passagieren. Ich wiederhole – man darf unter den anderen Geiseln nicht auffallen. Man sollte sich in der Menschenmenge verstecken.

    • Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan
      Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan
      Ramazan Lakguev
    • Befreiung der Geiseln im Dubrowka-Theater in Moskau
      Befreiung der Geiseln im Dubrowka-Theater in Moskau
      © Sputnik / Dmitrii Korobeinickow
    • Explosion in Moskauer Flughafen Domodedowo
      Explosion in Moskauer Flughafen Domodedowo
      © Sputnik / Waleriy Yarmolenko
    • Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan
      Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan
      Ramazan Lakguev
    • Befreiung der Geiseln im Dubrowka-Theater in Moskau
      Befreiung der Geiseln im Dubrowka-Theater in Moskau
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    • Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan
      Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan
      Ramazan Lakguev
    • Explosion in Moskauer Flughafen Domodedowo
      Explosion in Moskauer Flughafen Domodedowo
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    Ramazan Lakguev
    Befreiung der Geiseln im Schulgebäude in Beslan

    Falls Sie es geschafft haben, das ergriffene Gebäude zu verlassen, sollten Sie nicht fliehen. Die Menschen könnten nicht professionell genug sein. Das können einfache Soldaten sein. Für sie ist jeder, der aus einem besetzten Gebäude flieht, ein Terrorist. Falls Sie sich retten konnten, sollten sie ruhig gehen. Notfalls können Sie sich mit einem Gegenstand bemerkbar machen. Erst wenn Sie sehen, dass Ihnen ein „Komm her“-Zeichen gegeben wird, dürfen Sie laufen.

    „Welcher Ort ist am sichersten, falls man sich in einem besetzten Raum befindet?“

    „Man darf sich nicht nahe der Fenster bzw. Türen aufhalten. Falls die Verhandlungen in die Sackgasse geraten und es zur Erstürmung kommt, wird die Gruppe durch Fenster und Türen eindringen. Möglich ist ebenfalls eine Erstürmung durch die Sprengung einer Wand.“

    „Wie kann man wissen, dass demnächst eine Erstürmung beginnt?“

    „Nur intuitiv. Ich werde nicht über Ablenkungsmanöver sprechen. Diese kennen nur die Gruppen, die die Erstürmung organisieren.

    Bei der Besetzung des Dubrowka-Theaters erinnere ich mich an eine Lehrerin, die ihre Schüler zu der Vorstellung gebracht hatte. Sie wusste, dass die Konzentration von Gas und Rauch oben am höchsten ist. Die Kinder saßen auf dem Balkon. Die Lehrerin sagte ihren Schülern: „Sobald ihr Gas bzw. Rauch bemerkt, nehmt eure Schals oder Hemden und tränkt sie mit Wasser.“ Die Körper von Kindern sind schwächer als bei Erwachsenen. Keiner ihrer Schüler starb. Sie wusste, dass man bei Rauchentwicklung durch einen Filter atmen muss.

    Ich erinnere mich noch an eine Schilderung einer Geisel im Dubrowka-Theater. Sie war da zusammen mit ihrem Mann, einem Arzt, der ab und zu gerufen wurde, um Hilfe zu leisten. Er sagte seiner Frau, als er erneut wegging: „Sobald eine Bewegung beginnt, leg dich auf den Boden mit dem Gesicht nach unten und atme durch ein Tuch.“ Man kann den Stoff in solch einer Situation mit Urin befeuchten. Der Arzt wusste also, dass man sich bei einer drohenden Vergiftung, bevor man bewusstlos wird, mit dem Gesicht nach unten legen muss.“

    „Und falls ein Mensch verletzt ist?“

    „Bei der Verletzung einer Extremität sollte man sie abbinden, beispielsweise mit den Ärmeln eines Hemdes. Im Sommer kann die Bandage nicht mehr als zwei Stunden gehalten werden, im Winter bis anderthalb Stunden. Man sollte auch einen Zettel mit der Zeit hinterlassen, falls man das Bewusstsein verliert.

    Falls der Rumpf verletzt ist, muss die Blutung einer Wunde mit einem Bausch gestillt werden. Ein Mensch hat etwa fünf Liter Blut. Abhängig von den verletzten Gefäßen kann das  Blut in 15 bis 20 Minuten ausfließen. Als Bausch kann ein Stück T-Shirt bzw. Unterwäsche dienen.

    Falls die Leiste bzw. Achselhöhle verletzt wurde, kann die Wunde bis zum Eintreffen der Ärzte mit der Hand zugepresst werden.

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    Themen:
    Terrorgefahr in Europa (2016) (232)
    Tags:
    Terrorismus, Terroranschläge in Paris, Dubrowka-Theater, Bataclan, Vitali Demidkin, Beslan, Moskau