03:09 21 Juni 2018
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    Das Bild zeigt eine Episode aus dem Dokumentarstreifen „Das Gericht der Völker“ (Regie: Roman Karmen).

    70 Jahre Nürnberger Prozesse: Geburtsstunde des Völkerrechts

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    Vor genau 70 Jahren, am 20. November 1945, haben die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher des faschistischen Deutschlands begonnen.

    Der Internationale Militärgerichtshof war auf Initiative der Sowjetunion, der USA, Großbritanniens und Frankreichs einberufen worden. Er wurde mit der Ermittlung der Verbrechen der Führung Nazi-Deutschlands beauftragt.

    Fast ein Jahr später fällte der Gerichtshof zwölf Todesurteile und erkannte den Sicherheitsdienst des Reichsführers (SD), die Gestapo, die NSDAP und die SS als Verbrecherorganisationen an.

    Am Jahrestag des Beginns der Nürnberger Prozesse findet eine internationale Konferenz zum Thema „Die Nürnberger Prinzipien. 70 Jahre danach – aktuelle Herausforderungen“ statt, an der bekannte Historiker, Politiker und Gesellschaftsvertreter aus verschiedenen Ländern beteiligt sind. Die Teilnehmer des Forums werden über die Aktualität des Erbes der Nürnberger Prozesse für die Gegenwart sprechen.

    • Der Angeklagte Rudolf Hess versichert vor Gericht, er werde keine Unzurechnungsfähigkeit mehr vortäuschen.
      Der Angeklagte Rudolf Hess versichert vor Gericht, er werde keine Unzurechnungsfähigkeit mehr vortäuschen.
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    • Die Vertreter der USA wollten, dass Hermann Göring, Rudolf Hess und andere Nazi-Verbrecher in der US-Besatzungszone vor Gericht gestellt werden. Vor allem deshalb wurde Nürnberg zum Prozessort.
      Die Vertreter der USA wollten, dass Hermann Göring, Rudolf Hess und andere Nazi-Verbrecher in der US-Besatzungszone vor Gericht gestellt werden. Vor allem deshalb wurde Nürnberg zum Prozessort.
    • Der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg im Sitzungssaal des Kriegstribunals.
      Der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg im Sitzungssaal des Kriegstribunals.
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    • Oberst Storey hält eine Anklagerede in einer abendlichen Gerichtsverhandlung.
      Oberst Storey hält eine Anklagerede in einer abendlichen Gerichtsverhandlung.
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    • Der sowjetische Bildreporter Jewgeni Chaldej und ein Richter im Talar.
      Der sowjetische Bildreporter Jewgeni Chaldej und ein Richter im Talar.
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    • Das Bild zeigt eine Episode aus dem Dokumentarstreifen „Das Gericht der Völker“ (Regie: Roman Karmen).
      Das Bild zeigt eine Episode aus dem Dokumentarstreifen „Das Gericht der Völker“ (Regie: Roman Karmen).
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    • Hermann Göring auf der Anklagebank.
      Hermann Göring auf der Anklagebank.
    • Sowjetische Kulturschaffende - der Dramatiker, Schriftsteller und Journalist Wsewolod Wischnewski (rechts) und die Künstlergruppe „Kukryniksy“ - im Gerichtssaal
      Sowjetische Kulturschaffende - der Dramatiker, Schriftsteller und Journalist Wsewolod Wischnewski (rechts) und die Künstlergruppe „Kukryniksy“ - im Gerichtssaal
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    • Die gefällten Todesurteile wurden in der Nacht zum 16. Oktober 1946 in der Sporthalle des Nürnberger Gefängnisses vollstreckt.
      Die gefällten Todesurteile wurden in der Nacht zum 16. Oktober 1946 in der Sporthalle des Nürnberger Gefängnisses vollstreckt.
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    Der Angeklagte Rudolf Hess versichert vor Gericht, er werde keine Unzurechnungsfähigkeit mehr vortäuschen.

    Russland ist dabei durch eine Delegation des Internationalen Verbandes der Friedensstiftungen vertreten, an dessen Spitze der frühere Schachweltmeister Anatoli Karpow steht.

    Beispiel für heutige Spitzenpolitiker

    Die Weltgemeinschaft sollte Rücksicht auf die Erfahrungen der Nürnberger Prozesse nehmen, um einen internationalen Kompromiss im Interesse des Kampfes gegen gemeinsame Gefahren zu finden, sagte Karpow der Agentur RIA Novosti. „Natürlich war es vor 70 Jahren aus historischer Sicht einmalig, dass sich die Spitzenpolitiker von Staaten mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen geeinigt und den internationalen Gerichtshof gegründet haben.“

    Zwar hätten nicht alle Länder von Anfang gleiche Positionen in Bezug auf das Regelwerk des Militärgerichtshofs gehabt, aber am Ende einigten sie sich darauf, dass die Kriegsverbrecher im Sinne juristischer Entscheidungen bestraft werden müssten und nicht nur, weil die Siegermächte es so wollten, so Karpow.

    „Diese Entscheidung kann der Welt auch jetzt als Beispiel dienen, denn die internationale Situation ist sehr angespannt, und die Beziehungen zwischen verschiedenen Ländern sind nicht einfach. Die gemeinsame Terrorgefahr sollte aber dazu beitragen, dass die Situation vernünftig interpretiert wird.“

    Die jüngsten Ereignisse sind nach seiner Auffassung ein weiterer Beweis dafür, dass die wichtigste Aufgabe der internationalen Führungspolitiker gerade die Suche nach einer solchen einheitlichen Position sein sollte. „Was in der Türkei und in Paris passiert ist, der Terroranschlag an Bord des russischen Flugzeugs über der Sinai-Halbinsel – das sollte die Politiker der Führungsländer zwingen, eine einheitliche Position auszuarbeiten. Sie müssen verstehen, dass die Menschheit es auch heutzutage mit einem großen Feind zu tun hat“, ergänzte Karpow.

    Das Erbe der Nürnberger Prozesse

    In Bezug auf das Erbe der Nürnberger Prozesse verwies der britische Politologe John Laughland vom Institute of Democracy and Cooperation darauf, dass die meisten Menschen dabei an die Bestrafung der Nazi-Führungsriege für Massenmorde denken. Die Prozesse hatten aber auch eine andere wichtige Bedeutung, die auch heutzutage akut sei:

    „Wir kennen Nürnberg als einen Prozess, bei dem die Nazis für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden. Das war aber nicht ihr größtes Verbrechen, dessen sie beschuldigt wurden“, so der Experte. „Es ist sehr wichtig, daran zu denken, welchem Thema die Nürnberger Prozesse gewidmet waren. In erster Linie ging es um die Ermittlung von Verbrechen gegen den Frieden, nämlich von Überfällen eines Staates auf andere Staaten.“

    Zudem habe die Verurteilung der Nazis in Nürnberg großenteils die Regeln des internationalen Verhaltens bestimmt, die auch heute gelten, fügte Laughland hinzu. „Die Militärgerichtshöfe von Nürnberg und Tokio waren die eine Hälfte des Prozesses, dessen zweiter Teil die Gründung der UNO wurde. Das wichtigste Merkmal der Uno besteht darin, dass kein einziger Staat das Recht hat, einen anderen Staat anzugreifen. Das eben ist das Erbe von Nürnberg“, resümierte der Experte.

    Es wird keine Revision geben

    Die Ergebnisse der Nürnberger Prozesse können unmöglich revidiert werden, auch wenn in einigen Ländern der Trend zu einer Umdeutung der Geschichte zu beobachten ist, meint der Experte des russischen Europa-Instituts, Igor Maximytschew:

    „Ich glaube nicht, dass so etwas passieren könnte, obwohl gewisse Anstrengungen in dieser Richtung tatsächlich unternommen werden.“ Eine Revision der Ergebnisse der Nürnberger Prozesse würde einem Angriff auf die Grundlagen der heutigen Weltordnung gleichkommen, betont der Politologe. „Das ist die Basis der heutigen Welt, die Basis des juristischen Systems, auf das sich die heutige Welt stützt. Wenn wir eine Revision der in Nürnberg gefällten Urteile zulassen, würden wir die gesamte Welt gefährden.“

    Über die Versuche der Heroisierung des Nazismus in den baltischen Ländern und der Ukraine sowie der Entfernung von sowjetischen Denkmälern in Polen sagte Maximytschew, die Geschichte werde diejenigen noch bestrafen, die so etwas betreiben:

    „Letztendlich werden diese Menschen von der Geschichte selbst bestraft, denn sie versuchen dadurch, die Geschichte zu revidieren, umzudeuten und zu entstellen. Es scheint zwar möglich zu sein, die Geschichte zu entstellen und zu misshandeln, aber sie wird sich dafür noch rächen. Am Ende des Tages wird sich noch herausstellen, dass man mit Russland lieber befreundet als befeindet sein sollte. Und dann müssten diese Menschen die Geschichte erneut revidieren. Darauf wollen wir hoffen“, ergänzte Experte Maximytschew.

    Zum Thema:

    65. Jahrestag der Urteilsverkündung im Hauptkriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg
    Tags:
    Nürnberger Prozesse, NSDAP, SS, Anatoli Karpow