01:04 29 November 2020
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    Geiselnahmen und grausame Hinrichtungen durch die Terrormiliz Daesh (auch IS genannt) haben für einige Schlagzeilen in den Medien gesorgt. Laut Nils Retkowski, einem Experten für Entführungen und Krisenmanagement, ist jede solche Situation ein Einzelfall, der spezifische Erfahrung erfordert, um letztendlich zur Freilassung einer Geisel zu kommen.

    Nicht immer geht es bei Entführungen um Geld. Oft haben solche Situationen  einen politischen Hintergrund, wie es bei der Geiselnahme von München im Jahre 1972 der Fall war, als Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September das Wohnquartier der israelischen Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele stürmten.

    Nils Retkowski ist Prokurist bei der Result Group GmbH, einem Beratungsunternehmen für Risiko- und Krisenmanagement. Um in dieser Branche zu arbeiten und schwierige Entführungsfälle zu lösen, müsse man entsprechend vorbereitet sein, erläuterte er im Exklusivinterview mit Sputnik.

    "Der Großteil unserer Mitarbeiter wurde beim Staat ausgebildet, bei Spezial- oder Sondereinheiten", sagte Retkowski. Die meisten Mitarbeiter seien "mit einem militärischen oder polizeilichen Hintergrund". Die notwendige "Erfahrung haben dann unsere Mitarbeiter im Ausland, im Inland dementsprechend gesammelt."

    Retkowski zufolge gibt es jährlich weltweit eine große Zahl von Entführungsfällen. In den meisten Situationen wird Lösegeld für die entführte Person bzw. Personen gefordert. Laut einem SWR-Artikel lag der Rekord für Lösegeldsummen Ende Januar bei 200 Millionen Dollar, als zwei Japaner von IS-Terroristen gefangengenommen wurden.

    Fotos: Die spektakulärsten Geiselnahmen weltweit

    Ein anderes Beispiel sind Piratenüberfälle, wie vor der Küste Somalias, als wichtige internationale Schifffahrtrouten bedroht wurden. Der Bürgerkrieg in Somalia hatte zuvor einen rechtlosen Raum für bewaffnete Milizen geschaffen, um illegale Geschäfte zu führen: Schiffe wurden gekapert, Lösegelder wurden erpresst.

    Somalische Piraten
    www.obozrevatel.com
    Somalische Piraten

    "Es sind nicht nur Entführungen, es sind auch Erpressungen. Zu Zahlen möchte ich keine Angaben machen. Wir haben unterjährig gute Zahlen der Fälle, die sich eben national und international bewegen."

    Aber man müsse dennoch zwischen kriminell und politisch motivierten Entführungen unterscheiden. Was die Aktivitäten der Daesh-Terroristen betrifft, bestätigte der Experte, dass die Terrororganisation viel Geld mit Entführungen verdient. Daesh sei aber nicht die einzige Organisation, die auf diese Weise ihr Kapital vermehrfacht.

    • Japanischer Staatsbürger Haruna Yukawa, der von der Terrormiliz Daesh am 14. August 2014 im Norden Syriens entführt wurde, als er syrische Rebellen begleitete
      Japanischer Staatsbürger Haruna Yukawa, der von der Terrormiliz Daesh am 14. August 2014 im Norden Syriens entführt wurde, als er syrische Rebellen begleitete
    • Hinrichtung durch IS-Kämpfer von 21 koptischen Christen
      Hinrichtung durch IS-Kämpfer von 21 koptischen Christen
      © REUTERS / Social media via Reuters TV
    • Hinrichtung durch IS-Kämpfer von 21 koptischen Christen
      Hinrichtung durch IS-Kämpfer von 21 koptischen Christen
      © REUTERS / Social media via Reuters TV
    • Hinrichtung von 25 Soldaten der syriecchen Armee durch die Terrormiliz in Palmyra
      Hinrichtung von 25 Soldaten der syriecchen Armee durch die Terrormiliz in Palmyra
      © YouTube / Antena 3 Noticias
    • Hinrichtung durch IS-Kämpfer
      Hinrichtung durch IS-Kämpfer
      © Foto : Youtube
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    Japanischer Staatsbürger Haruna Yukawa, der von der Terrormiliz Daesh am 14. August 2014 im Norden Syriens entführt wurde, als er syrische Rebellen begleitete

    "Nicht nur der IS, andere religiös oder vielleicht politisch oder vielleicht anders motivierte Organisationen haben natürlich ein ganz vitales Interesse daran, Medianaufmerksamkeit zu erzeugen.“

    Dabei begreifen die Terroristen laut dem Experten, dass man nicht ständig Aufmerksamkeit mit den gleichen Verbrechen anziehen kann.

    "Wenn das zu oft passiert, nimmt es auch keiner mehr wahr… Wenn Sie sich die Geschichte ansehen, werden Sie sehen: Es gab Enthauptungen, es gab dann aber eine Zeitlang auch keine Enthauptungen, aber dafür eben dann die Zerstörung von Kulturgütern."

    Laut Statistiken der Result Group enden 68 Prozent der Entführungen mit der Zahlung eines Lösegeldes. Sieben Prozent der Fälle enden jedoch mit dem Tod der Geisel. Um solch eine Krisensituation möglichst positiv zu lösen, muss mit dem Entführer verhandelt werden. Dies sei "ein ganz wesentlicher Aspekt", so Retkowski.

    "Die Gespräche sind enorm wichtig, und da wird natürlich auch versucht, Einfluss zu nehmen auf den Entführer und die entführte Person", um die Geisel "unversehrt aus der Entführungssituation herauszubekommen".

    In einigen Fällen könne es dazu kommen, dass man versucht nicht nur die entführte Person freizubekommen, aber auch das Lösegeld zu minimieren.

    "Keine Entführung ist wie die andere. Es wird versucht, das bestmögliche Ergebnis zu bekommen. Das kann eine ganz schnelle Freilassung der Geisel sein. Das kann aber auch sein, gegebenenfalls das Lösegeld zu minimieren und somit trotzdem zu einer Freilassung der Geisel zu kommen", so Retkowski.

    Dabei sei jede Entführung voller stressiger Situationen, wo die einbezogenen Seiten die Nerven verlieren können. Darauf müsse man unbedingt bei einer Verhandlung mit den Entführern achten.

    "Eine Entführung ist immer… eine sehr stressgeladene Situation, nicht nur für diejenigen, die von der Entführung betroffen sind. Auch die Entführer haben einen erhöhten Stresslevel… All das sind Dinge, die man mit dem Entführer dann anspricht", erzählte der Experte

    Obwohl die meisten Entführungen mit einer Lösegeldzahlung gut zu Ende gingen, gebe es trotzdem auch genügend Todesfälle, und diese "Dunkelziffer" ist laut Retkowski "auch sehr hoch".

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    Tags:
    Enthauptung, Geiselnahme, Terrorismus, Terrormiliz Daesh, Piraten