05:45 12 Dezember 2018
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    Darum kann die EU nicht zerfallen – eine Hightech-Prognose aus Russland

    © AFP 2018 / Ozan Kose
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    Technologisch sind Eingriffe in die menschliche Natur wohl der wichtigste Trend der Zukunft –soziologisch geht der Einfluss nationaler Regierungen und staatlicher Konzerne wahrscheinlich zurück. Diese Prognose liefert ein russischer Zukunftsforscher. Er erläutert zudem, warum die EU gute Überlebenschancen hat.

    Konstantin Frumkin, Koordinator des russischen Futurologen-Verbandes, sagte gegenüber der Onlinezeitung gazeta.ru: „In den letzten Jahren gibt es immer mehr interessante Entwicklungen, die vorerst zwar nicht praktikabel, sondern eher vielversprechend sind. Beispielweise geht es um unbemannte Transportsysteme wie jene Züge von Elon Musk, die schnell wie ein Flugzeug durch Vakuum-Röhren preschen sollen. Das soll angeblich billiger sein als ein Standard-Zug. Es ist noch keine Realität, aber schon sehr realitätsnah.“

    Die wichtigste Tendenz sei jedoch die Weiterentwicklung der Biotechnologie mit Eingriffen in die menschliche Natur: „Theoretisch könnte daraus eine drastische Erhöhung der Lebensdauer resultieren, aber auch die Entstehung von Menschen mit neuen Eigenschaften. Dies könnte wiederum der Raumfahrt neues Leben einhauchen. Denn vorerst ist es zwar leicht, eine Sonde zum Mars zu schicken, aber nicht einen Menschen.“

    Der zweitwichtigste Trend sei die Entstehung künstlicher Intelligenz, meint Frumkin: „Diese könnte den Menschen aus allen möglichen Bereichen verdrängen – bis hin zu schöpferischen und Verwaltungspositionen. Das macht natürlich ein bisschen Angst. Vorerst ist die künstliche Intelligenz quasi in der embryonalen Phase, doch sie entwickelt sich sehr schnell weiter.“

    Von großer Bedeutung sei auch die Reindustrialisierung westlicher Länder auf Grund von Vernetzung von Robotisierung. Die Rolle von Netzwerk-Gebilden in Wirtschaft und Politik nehme zu; die Rolle „alter stabiler Strukturen“ wie Regierungen und Staatsholdings gehe dagegen zurück, so der Zukunftsexperte.

    Wie können wissenschaftliche Revolutionen die Sozialordnung beeinflussen? Auf diese Frage antwortete Frumkin: „Es gibt eine Standard-Vorstellung davon. Und es gibt eine gewisse Unsicherheit, ob die Standard-Prognose in Erfüllung geht. Unsere gewohnte Welt, wo der Nationalstaat das wichtigste politische Subjekt ausmacht, wird dieser Prognose zufolge zusammenbrechen.“

    Am anschaulichsten sei die Herausbildung nationsübergreifender Strukturen: „Darin ist die Europäische Union am weitesten fortgeschritten. Nach ihrem Vorbild funktionieren derzeit viele kontinentale und transkontinentale Allianzen. Kürzlich wurde etwa die Transpazifische Partnerschaft gegründet. Praktisch auf allen Kontinenten werden solche makroregionale Unionen von unterschiedlichem Entwicklungsgrad geschaffen. Künftig wird nicht unbedingt von einer Weltregierung die Rede sein, aber möglicherweise doch von einem weitweiten politischen System.“

    Was aber ist mit den aktuellen Konflikten und Problemen der EU? Frumkin erläutert: „Nichts entwickelt sich linear. Die EU und im weiterem Sinne das gesamteuropäische politische Gebilde kann aus meiner Sicht nicht zerfallen. Denn viele Länder sind nicht mehr in der Lage, getrennt von ihr zu existieren – schon deswegen, weil sie ihre Sicherheit nur innerhalb eines geeinten Europas gewährleisten können. Das ist für sie sehr wichtig, denn auf diese Weise reduzieren sie ihre Verteidigungsausgaben. Zwar gibt es zu schwache Mitglieder wie Griechenland und zu selbständige Mitglieder wie Großbritannien. Doch die meisten, vor allem Deutschland und Frankreich, sind nicht bestrebt, all das zu zerstören.“   

    „Andererseits gibt es einen Trend zu langsamer Erosion großer Gebilde, die von Netzwerk-Beziehungen abgelöst werden. Die wichtigste Ursache ist die Notwendigkeit, sich Flexibilität zu sichern, damit sich die Wirtschaft auf die Steuerung einzelner Projekte umstellen kann (…) Die Wirtschaft mutiert zu einer Wolke kleiner atomarer Strukturen, kleiner Innovations-Firmen und einzelner Fachleute, die sich zur Erfüllung eines Produktionsprogramms sammeln und dann wieder auseinandergehen“, so Frumkin.

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    Tags:
    Biotechnologie, Hightech, Konstantin Frumkin, Europäische Union