06:02 16 Dezember 2019
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    Migranten auf der griechischen Insel Lesbos

    Die Freiwilligen von Lesbos: Retter kämpfen um das Leben hunderter Flüchtlinge

    © AFP 2019 / Aris Messinis
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    Die meisten Menschen, die vor den blutigen Konflikten im Nahen Osten fliehen, kommen über die griechischen Inseln nach Europa. Jeden Tag riskieren Hunderte Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ihr Leben, wenn sie das Meer auf Booten überqueren. Viele von ihnen schaffen es nicht bis zu den rettenden Ufern der Inseln.

    RT-Korrespondent Francisco Guaita hat einen Flüchtlingsfriedhof auf Lesbos besucht und mit Freiwilligen gesprochen, die jeden Tag Flüchtlinge vor dem Tod retten.

    Auf dem neuen Friedhof auf Lesbos werden die Flüchtlinge beerdigt, die nach langem Weg die Insel erreichen konnten, aber keine Kraft mehr hatten, um weiterzuleben. Mehr als die Hälfte der Grabsteine haben Aufschriften nicht in arabischer, sondern in griechischer Sprache. Das bedeutet, dass die jeweiligen Leichname nicht identifiziert werden konnten.

    „Dutzende Leichname lagen wochenlang im hiesigen Obduktionshaus. Früher gab es keinen Platz für sie, und jetzt wurde ein muslimischer Friedhof eingerichtet“, erzählt Mustafa Dava, der für die Beerdigung der Flüchtlinge verantwortlich ist. Die meisten Bestatteten seien Frauen und Kinder, ergänzt er.

    Seit mehreren Monaten sieht der spanische Freiwillige Gerard Canals die grausamste Seite der Migrationskrise.

    „Wenn ein Kind ins Wasser gefallen ist, kann es nicht einmal 30 Sekunden am Leben bleiben, denn es wird einfach aus der Rettungsweste rutschen. Was kann denn ein anderthalbjähriges Baby im Wasser tun? Es stirbt einfach“, erläutert der spanische Aktivist der Organisation Proactiva Open Arms.

    Die türkische Küste liegt nur wenige Kilometer von der griechischen entfernt, doch selbst dieser relativ kurze Weg kann sehr lebensgefährlich sein. Allein 2016 sind mehr als 400 Flüchtlinge, darunter kleine Kinder, auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen.

    Wenn die kaum sicheren Boote der Menschenschmuggler im Meer versinken, hängt das Schicksal der Flüchtlinge von den Rettungskräften ab. Dutzende Menschen fallen ins Wasser, wobei viele von ihnen nicht schwimmen können. Für sie wird das Meer zur Hölle.

    „Einmal patrouillierte ich die Gegend auf einem Jet-Ski und musste zwischen vielen Leichen fahren. Wenn eine Leiche mit dem Gesicht nach unten lag, versuchte ich nicht einmal, diesen Menschen zu retten, weil er bestimmt schon tot war. Wenn ich mich um ihn gekümmert hätte, dann wären in dieser Zeit viele andere Menschen gestorben“, so Gerard Canals.

    Die schwedische Freiwillige Israa Abdali kann nicht vergessen, wie mehrere Kinder in ihren Armen starben. Das war einer der tragischsten Tage für sie, seitdem sie auf Lesbos ist.

    „Im Laufe von zwei Stunden wurden Kinder aus dem Meer geborgen, die ohnmächtig waren. Sie wurden vor uns hingelegt, und wir wussten nicht einmal, mit wem wir uns als erstes befassen sollten. Wir machten Herzmassage. Ein Kind war ein Jahr alt, ein anderes fünf und das dritte sechs. Das war sehr belastend“, so Israa.

    Das Erreichen der europäischen Küste bedeutet lange noch nicht, überlebt zu haben. Nach mehr als fünf Stunden im Wasser kann sich der Organismus unterkühlen. Auch andere Gesundheitsprobleme können entstehen.

    „Eine Frau hatte einen Herzanfall am Ufer. Ich versuchte, ihr zu helfen, aber sie starb. Das war sehr traurig. Sie hatte das Meer überquert, das Land erreicht – und ist hier gestorben“, erzählt der freiwillige Retter Alvaro de Leon.

    Wie lange noch wird die Europäische Union der schlimmsten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zuschauen? Das fragen sich viele Menschen.

    „Wir müssen aufwachen – wie viele Tode von Menschen wollen wir denn noch sehen? Die Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, legal nach Europa einzureisen. Wir müssen sie unterbringen, mit humanitären Visa versorgen, damit wir an der europäischen Küste keine toten Kinder mehr auffinden“, so der Beauftragte der UN-Flüchtlingsverwaltung, Babar Baloch.

    Seit September 2015 starben im Durchschnitt zwei minderjährige Flüchtlinge pro Tag nahe der europäischen Küste. Insgesamt sind in dieser Zeit mehr als 340 Kinder ums Leben gekommen.

    2014 waren auf dem Weg nach Europa insgesamt mehr als 3.000 Flüchtlinge im Meer ertrunken, 2015 waren es mehr als 3.500 Gestorbene bzw. Vermisste. Seit Anfang dieses Jahres sind auf dem Weg nach Europa mehr als 400 Flüchtlinge ums Leben gekommen.

    Diese Zahlen geben eine Vorstellung vom Umfang der Migrationskrise. Zugleich wird aber die Tragödie jedes einzelnen Menschen übersehen, der sich auf dem Weg nach Europa machen musste, um sich zu retten. Dabei versteckt sich hinter jeder Rettungsweste eine Lebens-, Leidens- und Schmerzensgeschichte, die keine Statistik widerspiegeln kann.

    Die meisten Flüchtlinge wollen dem Krieg und der Gewalt entkommen und träumen von einem ruhigen und friedlichen Leben. Ein schreckliches Paradox ist aber, dass Tausende von ihnen unterwegs sterben, und zwar an den Küsten Europas, die zu einem riesigen Friedhof geworden sind.

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    Migranten, Francisco Guaita, Türkei, Lesbos