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    Flüchtlinge in Frankreich bekommen statt Zelten neues Lager – ob sie es annehmen?

    © REUTERS / Pascal Rossignol
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    Migrationsproblem in Europa (1281)
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    Das Lager Linière besteht seit zwei Wochen. Es ist das erste humanitäre Lager in Frankreich und wurde auf Initiative des Bürgermeisters der Gemeinde Grande-Synthe sowie dank der Erfahrung und finanziellen Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen errichtet. Die Organisation überträgt die Verwaltung des Lagers nun an die Assoziation Utopia 56.

    Bei dem Lager handelt es sich um kleine beheizbare Holzhütten, die auf Kies stehen. Der Unterschied zu dem früheren „Lager der Schande“ ist gravierend. Doch für die Flüchtlinge hat sich nichts geändert – sie harren hier nur aus.

    Der Weg zum Lager Linière führt durch zwei Torbogen, die an das Ishtar-Tor im Süden von Grande-Synthe erinnern.
    Der Weg zum Lager Linière führt durch zwei Torbogen, die an das Ishtar-Tor im Süden von Grande-Synthe erinnern.

    Nach drei Monaten logistischer Schwierigkeiten für Ärzte ohne Grenzen wird die Verwaltung des ersten Flüchtlingslagers in Frankreich jetzt an die Assoziation Utopia56 übergeben. Im Lager Linière sind gegenwärtig etwa 50 Mitglieder der Organisation tätig, die es sich noch im November 2015 zur Aufgabe gemacht hatte, „Freiwilligen-Teams zu bilden und zur Unterstützung anderer  Assoziationen einzusetzen, die Veranstaltungen organisieren oder in der humanitären Sphäre arbeiten“. In der humanitären Sphäre ist die Assoziation noch ein Neuling. Erste Erfahrung sammelte sie im Lager in Calais, wo sie, wie ein führendes Mitglied sagte, „beim Saubermachen und bei der Gewährleistung der Hygiene“ geholfen hatte. Utopia56 befasste sich lange Zeit mit der logistischen Sicherstellung des Festivals Vieilles Charrues in der Bretagne.
     

    Justin ist ebenfalls aus dem Dreck in die Sonne gezogen – zusammen mit seinem Verehrer, der anonym bleiben wollte.
    Justin ist ebenfalls aus dem Dreck in die Sonne gezogen – zusammen mit seinem Verehrer, der anonym bleiben wollte.
    Valérie, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, gibt zu, dass für die Assoziation, die es jetzt mit einem ganz anderen Publikum als früher zu tun habe, vieles neu sei. „Tatsächlich, vor mehreren Wochen haben wir das nicht einmal ahnen können“, sagte Valérie. Was sind die Unterschiede zur gewohnten Arbeit? Diese Frage sei angesichts der mannigfaltigen beruflichen Pflichten eines jeden  Mitarbeiters der Assoziation schwer zu beantworten, sagt sie. Es sei eine humanitäre Erfahrung im weiten Sinne – nicht die Verwaltung der Menschenströme im Lager, sondern die Logistik und die Fürsorge für die Menschen, die Opfer von Konflikten wurden. Diese Erfahrung werde später kommen. Vorerst bittet die Assoziation um Hilfe, denn zur Sicherstellung des normalen Funktionierens des Lagers sind nicht 50, sondern 120 Volontäre jeden Tag erforderlich. Die Assoziation wartet auf neue Helfer, insbesondere auf Franzosen, von denen es bisher noch viel zu wenig im Lager gibt, wie die Chefs der Organisation beklagen.

    Die Zeit totschlagen und sich präsentieren: Künstler und Wissenschaftler planen Konzerte und Filmvorführungen für die Flüchtlinge und auch mit ihnen.
    Die Zeit totschlagen und sich präsentieren: Künstler und Wissenschaftler planen Konzerte und Filmvorführungen für die Flüchtlinge und auch mit ihnen.

    Das erste Flüchtlingslager in Frankreich zu bauen, ist gelungen. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat quasi ihre „verrückte Wette“ gewonnen. Vom ersten Tag des Umzugs des „Lagers der Schande“ in das Lager Linière an hatten mehr als 900 Menschen ihren Wunsch geäußert, als Volontäre in dem neuen Lager mit bedeutend besseren Bedingungen zu arbeiten. Feste kleine Häuschen mit Heizgeräten, eine extra Küche, Duschräume und Toiletten. Paradox ist, dass die Behörden den Bau des Lagers  nicht gewürdigt und auch noch nicht auf die Bitte von Bürgermeister Damien Carême reagiert haben, der eine  Finanzhilfe in Höhe von drei Millionen Euro im Jahr für den Unterhalt des Lagers beantragt hatte. Bisher beteiligt sich der Staat nur indirekt an der Gewährleistung der sanitären Bedingungen im Lager, indem er die Assoziation Afegi finanziert, die die Sanitäranlagen wartet und soziale Unterstützung erweist. Das Camp sei bereits voll besetzt, es habe 1.500 Bewohner, versichert der Bürgermeister.

    Der Bau erfolgte im Galopp – und selbst das Graffiti an der Küchenwand kündet vom Gedanken an ein Weiterziehen.
    Der Bau erfolgte im Galopp – und selbst das Graffiti an der Küchenwand kündet vom Gedanken an ein Weiterziehen.


    Die Arbeiten sind noch nicht  abgeschlossen: Die Zone neben dem Posten von Ärzte ohne Grenzen ist vor allem  Kindern und Familien vorbehalten. Die in der Mitte gelegenen Zonen sind gemischt, ihre Besiedelung kommt sehr langsam voran. Etwas weiter sind Zelte zu sehen mit Anlagen zur Wasserableitung. Der Bau der letzten Häuschen wird bald abgeschlossen sein. Weitere sollen nicht gebaut werden.  Mitarbeiter der Assoziation Utopia56 werden sich mit der Registrierung der neu Eingetroffenen und der Abreisenden befassen. Und zwar neben der Koordinierung der unzähligen Volontäre, von denen manche aus den Nachbarländern – wie England, Deutschland oder Luxemburg – gekommen sind.

    Daniel und seine Gefährten hoffen, nach England zu gelangen, aber vielleicht auch weiter – „Inshallah“.
    Daniel und seine Gefährten hoffen, nach England zu gelangen, aber vielleicht auch weiter – „Inshallah“.


    Ärzte ohne Grenzen reduziert allmählich die humanitäre Tätigkeit der Organisation im Lager, nur  das medizinische Zentrum soll bleiben. Die Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen, Angélique Muller, erläutert, die Wiederaufnahme der Tätigkeit der bereits bestehenden Struktur in dem vier Kilometer vom früheren Standort entfernten Lager werde es erlauben, erste medizinische Hilfe zu leisten, psychiatrische Beratung und eine sozial-psychologische Tätigkeit zu realisieren. Das neue Lager offenbare bereits einen positiven Einfluss auf seine Bewohner. Man sehe die Frauen öfter im Freien, das Lächeln sei in die Gesichter zurückgekehrt, stellt Angélique Muller fest.

    „Die Kinder spielen, die Männer sind beim Fußball: Hier lässt sich Spannung abbauen, es gibt nicht mehr die irre Anspannung wie im Lager von Basroch.“
    „Die Kinder spielen, die Männer sind beim Fußball: Hier lässt sich Spannung abbauen, es gibt nicht mehr die irre Anspannung wie im Lager von Basroch.“


    Das Lager Basroch war nicht nur eine „Schande“, sondern auch eine Sackgasse. Im Lager Lunière, wo überall Fahnen von Kurdistan wehen, warten die Migranten auf die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit ihren Familien in Großbritannien. Youssef ist Kurde. Er sagt: „Ich kann nicht sagen, dass ich aus dem Irak, aus Syrien oder der Türkei gekommen bin. Jeden Tag töten sie uns.“ Er war vor drei Jahren allein weggefahren, und da er keinen Pass hatte, wurde seiner Bitte um politisches Asyl nicht stattgegeben. Er ist zusammen mit zwei Familien unterwegs, die  seine Familie geworden sind: „Ich bete zu Gott, dass diese Familien von hier wegkommen. Das ist kein Leben für die Kinder.“ Diese Familien warten auf eine Möglichkeit, zu ihren Angehörigen nach England zu reisen, wohin jene zu Saddams Zeiten geflohen waren: „Die französische Regierung oder das Europaparlament muss etwas tun.“

    „Die Kinder spielen, die Männer sind beim Fußball: Hier lässt sich Spannung abbauen, es gibt nicht mehr die irre Anspannung wie im Lager von Basroch.“
    „Die Kinder spielen, die Männer sind beim Fußball: Hier lässt sich Spannung abbauen, es gibt nicht mehr die irre Anspannung wie im Lager von Basroch.“

    Ein Ziel dieses Lagers ist auch, die Migranten zu bewegen, in Frankreich Asyl zu beantragen. Das Französische Büro für Einwanderung und Integration oder das Carrefour des Solidarités (ein Netz von Wohlfahrts- und Hilfsorganisationen) wollen der Informierung und Orientierung der Migranten mehr Aufmerksamkeit schenken.

    England ist das ersehnte Ziel: In der vergangen Nacht verletzte sich Uali am Knie, als er vor der Polizei flüchtete.
    England ist das ersehnte Ziel: In der vergangen Nacht verletzte sich Uali am Knie, als er vor der Polizei flüchtete.

    Der Französisch-Unterricht für die Kinder läuft gut. Er gefällt ihnen. Das wirkt sich natürlich auf die Ansichten, in der Perspektive in Frankreich zu bleiben, aus. Fulgence, die Leiterin der kleinen Schule, erläutert: „Englisch dominiert bisher, weil sie eine Allergie gegen Französisch haben. Aber das ändert sich! Besonders seitdem dieses Lager aufgetaucht ist. Denn die Bedingungen sind besser geworden, die Leute sind jetzt aufgeschlossener. Da ist auch die Angst, was die üble Aufnahme seitens der Franzosen betrifft, aber es geht hier nicht nur um die schlechte Aufnahme, sondern um den englischen Schlagbaum … Sie haben es gerade so wahrgenommen. Sie haben nicht verstanden, wie man sie in einem solch ‚wilden‘ Lager wie Basroch unterbringen konnte. Jetzt sehe ich, dass viele Familien darüber nachdenken, in Frankreich um Asyl zu bitten.“

    Mittagessen neben der Jurte, wo die Schule sein wird. Die Vereinigung SALAM, die aktiv im Lager tätig ist, verteilt Essen und Kleidung.
    Mittagessen neben der Jurte, wo die Schule sein wird. Die Vereinigung SALAM, die aktiv im Lager tätig ist, verteilt Essen und Kleidung.


    Die Eröffnung des Lagers stand nicht unter dem besten Zeichen. Sehr schnell stellte die Präfektur Verstöße gegen die Sicherheitsnormen fest, die der Bürgermeister zu beheben versprach. Wird sie noch andere Verstöße in diesem Lager entdecken, das den Flüchtlingen die Hoffnung und der Gemeinde den früheren Ruhm zurückgeben konnte? Das Ausharren dauert an, und der „englische Schlagbaum“ stimmt nach wie vor traurig. Es ist eine zerbrechliche Insel der Ruhe im Ozean der Instabilität: Wie der Bürgermeister von Grande-Synthe, Damien Carême, äußert, sollte man weitere solche Lager errichten, weil sich bei Cherbourg bereits etwa  400 kurdische Flüchtlinge befinden sollen.

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    Themen:
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    Tags:
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