23:55 20 September 2017
SNA Radio
    US-Militärbasis Camp Bondsteel in Ferizaj im Kosovo

    Camp Bondsteel: Abgeschottete US-Militärbasis im Kosovo

    © Sputnik/ Brankiza Ristitsch
    Panorama
    Zum Kurzlink
    0 1390229206

    Camp Bondsteel, der zweitgrößte US-Militärstützpunkt in Europa, wurde im Kosovo kurz nach dem Ende der Bombenangriffe auf Jugoslawien eingerichtet, nachdem diese Region der internationalen Kontrolle überlassen worden war. Die Sputnik-Korrespondentin Brankica Ristic durfte die Militärbasis jetzt besuchen.

    Lavdrim Muhaxheri alias Abu Abdullah al Kosova ist einer der bekanntesten IS-Kämpfer aus dem Kosovo. Er hatte 2010 auf dem Stützpunkt Bondsteel gearbeitet und war für die technische Wartung von Verkehrsmitteln zuständig. Diesen Job hatte Lavdrim dank eines Freundes bekommen, der dort als Dolmetscher bzw. Übersetzer tätig war. Wie unser Informant, der aus verständlichen Gründen nicht genannt werden wollte, erzählte, freundete sich Muhaxheri mit einem Amerikaner an und wanderte mit dessen Hilfe in die USA aus. Man kann nur vermuten, wie der künftige Abu Abdullaj al Kosova nach Afghanistan geraten ist, um sich dort dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen.

    Stausee Badovac
    © Foto: Wikipedia / Xhemail Shabani

    An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Albaner aus den angrenzenden Städten und Dörfern in Camp Bondsteel die ganze Arbeit bis auf das Kochen leisten: von der Reinigung der Kanalisation bis zum Waschen der Wäsche. Sie alle wurden bzw. werden von der US-Firma Brown & Root angestellt – wie auch auf allen anderen US-Militärstützpunkten. Hier verdienen sie 400 bis 800 Euro, was in dieser Gegend gar nicht so wenig ist. Einst hatten hier etwa 2.500 Zivilisten gearbeitet. Jetzt sind es nur noch etwas mehr als 100.

    Möchten Sie wissen, wie viele Soldaten es hier gibt? Das hätten wir auch gerne erfahren, doch diese Informationen sind vertraulich. Jedenfalls werden nach Camp Bondsteel jeden Tag 600.000 Gallonen Trinkwasser geliefert, während man in den dortigen Läden mehr als 12.000 Warenartikel kaufen kann. Jeden Tag werden hier 14.000 Körbe Wäsche gewaschen und 18.000 Portionen Essen zubereitet. In Camp Bondsteel leisten neben US-Soldaten auch KFOR-Militärs aus etwa zehn Ländern ihren Dienst, darunter aus Polen, Tschechien, der Ukraine, der Türkei, Rumänien und Slowenien.

    US-Militärbasis Camp Bondsteel in Ferizaj im Kosovo
    © Foto: Brankiza Ristitsch
    US-Militärbasis Camp Bondsteel in Ferizaj im Kosovo

    Camp Bondsteel wurde kurz nach der Einstellung der Bombenangriffe gegen Jugoslawien eingerichtet, nachdem Kosovo unter internationale Kontrolle genommen worden war. Auffallend ist, dass die Amerikaner ausgerechnet diese eher dünn besiedelte Gegend ausgewählt haben, die von der Nato kaum bombardiert worden war. Das bedeutet, dass es hier kein abgereichertes Uran gibt.

    Im Laufe von weniger als drei Jahren wurde ein Zeltlager in ein modernes Kommandozentrum verwandelt, wo neueste Überwachungs- und Abwehrsysteme eingesetzt werden. Das Gelände erstreckt sich auf 360.000 Quadratmetern. Um den Stützpunkt besuchen zu dürfen, muss man einen Antrag stellen, der im Laufe von drei Monaten behandelt wird. Am Ende bekommt man einen Ausweis, in dem geschrieben steht, dass „die USA und ihre Streitkräfte keine Verantwortung tragen“ für die jeweilige Person, solange sie sich auf dem Gelände aufhält. Der Ausweis muss neben dem Antragsteller von zwei Zeugen unterzeichnet werden, die bestätigen, dass der Antragsteller das Dokument freiwillig unterschreibt.

    Der Stützpunkt ist in mehrere Sektoren aufgeteilt. Der Verkehr ähnelt dem einer Kleinstadt: Die Höchstgeschwindigkeit beträgt zwischen 30 und 50 km/h, abhängig vom jeweiligen Sektor. Bevor man das Gelände betritt, muss man durch einen Metalldetektor gehen. Auch das Gepäck wird kontrolliert – alles wie am Flughafen. Das Mobiltelefon muss man abgeben und bekommt dafür einen Besucherausweis, den man sichtbar zu tragen hat. Man wird überall – selbst auf die Toilette – von zwei Soldaten begleitet. Sie werden vor der Tür stehen, die man nicht absperren darf. Bis auf den Zaun und das Einfahrttor – von Schlafzimmern bis zur Kantine –ist hier alles Fertigbau und kann jederzeit abmontiert werden.

    US-Militärbasis Camp Bondsteel in Ferizaj im Kosovo
    © Sputnik/ Brankiza Ristitsch
    US-Militärbasis Camp Bondsteel in Ferizaj im Kosovo

    Jeden Tag wird um 14.00 Uhr Alarm gegeben. Man erklärte uns, dass er für den Fall einer Naturkatastrophe (???) nötig sei. In diesem Moment müssen alle Personen auf dem Gelände laut Vorschrift zu einem bestimmten Treffpunkt gehen, den sie erst am jeweiligen Tag erfahren. Den Umschlag mit dieser Information dürfen sie nicht vor dem Alarmsignal öffnen.

    Eigentlich sieht Camp Bondsteel aus wie in einem US-Kriegsfilm, aber auch wie eine typische Kleinstadt irgendwo in der amerikanischen Provinz. Bondsteel – das sind 25 Kilometer asphaltierte Straßen, etwa 300 Objekte und elf Wachtürme.

    Die Soldaten in Camp Bondsteel werden alle drei bis sechs Monate ausgewechselt – abhängig von der Sicherheitslage. Übrigens sind hier nur Oberkommandeure bewaffnet, und zwar mit Pistolen. Es gilt, dass die Mindestbesoldung der Soldaten hier 3.000 US-Dollar plus 40 Prozent Entschädigung „für die Kriegsgefahr im Kosovo“ beträgt. Diese Informationen konnte allerdings niemand offiziell bestätigen. Wie auf allen anderen US-Stützpunkten, gibt es hier Sex-, Alkohol- und Waffenverbot.

    Kirche in Camp Bondsteel
    © Sputnik/ Brankiza Ristitsch
    Kirche in Camp Bondsteel

    Viel Aufmerksamkeit wird darauf gerichtet, dass die Soldaten hier kein Heimweh haben. Deshalb kann man in Camp Bondsteel US-Kleidung, Gitarren oder auch amerikanische Pizza kaufen. Es gibt auch einen Souvenirladen, wo man Andenken aus vielen Ländern (aber nicht aus Serbien) kaufen kann. Auch auf die seelische Gesundheit wird geachtet: Auf dem Gelände steht eine Kapelle für Vertreter aller Religionen, in der jeden Tag Gottesdienste stattfinden. Es gibt auch ein Bildungszentrum, das mit Universitäten in Chicago und Maryland Kontakte pflegt.

    Übrigens wird hier die Geschichte des „Staates Kosovo“ unterrichtet, denn die meisten Soldaten haben im Grunde keine Ahnung, wo sie sich eigentlich befinden. Dort werden sie von Albanern unterwiesen, die die Geschichte selbstverständlich auf ihre Art deuten. Wir mussten die Soldaten also ein wenig aufklären.

    In Camp Bondsteel werden Daten bearbeitet, die nicht nur vom Balkan, sondern auch aus dem Nahen und Mittleren Osten kommen. Hier befinden sich außerdem modernste Kommunikationssysteme; es ist eine Spezialeinheit stationiert, die für „Digitalkriege“ zuständig ist. Das sind alles erfahrene Aufklärer, die Erfahrungen in Afghanistan und im Irak gesammelt haben.

    Das alles liegt im nördlichen Teil des Stützpunktes, wo selbstverständlich keine Foto- bzw. Videoaufnahmen erlaubt sind. Dafür kann man aber alles aus dem Fenster sehen, wenn man in einem Wagen herumgefahren wird. Der militärische Sektor wird in der Abendzeit nicht beleuchtet, aber auch bei Tageslicht ist er eher unauffällig, denn wegen der Tarnung unterscheidet er sich kaum von der Umgebung. Im nördlichen Teil des Stützpunktes liegen ein riesiger Hubschrauber-Flugplatz, mehrere Radaranlagen, ein Gefängnis und ein Krankenhaus.

    Die genaue Zahl an Panzern und Hubschraubern ist unbekannt, aber laut einigen Angaben sind hier etwa 20 Kampfhubschrauber Black Hawk, ein Apache-Helikopter sowie ein Dutzend Panzer Abrams M1A2 stationiert.

    US-Apache-Helikopter in Kosovo
    US-Apache-Helikopter in Kosovo

    Dank seiner strategischen Lage ist Camp Bondsteel wohl einer der besten US-Übungsplätze in ganz Europa. Hier liegt alles in der Nähe: das US-Kontingent in Mazedonien und Bosnien, die US-Stützpunkte in Italien. Bondsteel ist im Grunde der Mittelpunkt eines „Dreiecks“ auf dem Balkan und den Apenninen. Den Stützpunkt besuchten die US-Präsidenten Bill Clinton und George Bush Jr. und US-Außenministerin Madeleine Albright.

    Was aus Camp Bondsteel später wird, ist unklar. Aber schon mehrmals wurde seine Schließung angekündigt. Wie es heißt, könnte der Stützpunkt weiterhin von den USA kontrolliert werden, und der Generalstab der künftigen Armee des selbsternannten Staates Kosovo könnte hier untergebracht werden. Übrigens bekommt der kosovarische Staatshaushalt jedes Jahr etwa 220.000 US-Dollar als „Pacht“ für dieses Territorium, obwohl hier vor dem Jugoslawien-Krieg und der Massenflucht der nichtalbanischen Bevölkerung hauptsächlich Serben gelebt hatten.

    Tags:
    Camp Bondsteel, Kosovo, USA