03:10 23 März 2017
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    Brüssel-Anschläge: Hat Belgien Warnungen bewusst in den Wind geschlagen?

    © AFP 2017/ Patrik Stollarz
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    Explosionen erschüttern Brüssel (137)
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    Die Geheimdienste von einer Reihe von Ländern sollen ihren belgischen und französischen Kollegen noch lange vor den Anschlägen Informationen übermittelt haben. Nun wächst der Druck auf die zuständigen Sicherheitsbehörden und immer mehr Menschen fragen sich, ob das nur Fahrlässigkeit gewesen ist und wieso niemand zur Verantwortung gezogen wird.

    In den letzten Tagen häufen sich die Berichte darüber, dass die Geheimdienste mehrerer Länder den belgischen (und davor auch den französischen) Behörden Erkenntnisse über die späteren Attentäter zugeleitet hätten, weshalb sich die zuständigen Dienststellen deswegen immer mehr Fragen gefallen lassen müssen.

    Bislang ist zum Beispiel unklar, wieso die belgischen Sicherheitsbehörden diese Informationen nicht nutzten und wieso auch heute keine Konsequenzen daraus gezogen werden, beziehungsweise auch niemand deswegen sein Amt verloren hat. Zwar haben Belgiens Justizminister Koen Geens und Innenminister Jan Jambon im Hintergrund von Ankaras Anschuldigungen, trotz Auslieferung einen der Terroristen auf freien Fuß gesetzt zu haben, vor einigen Tagen ihren Rücktritt angeboten, doch ihre Anträge wurden  später von Premierminister Charles Michel abgelehnt.

    Fast jeden Tag kommen nun neue Details ans Licht, die nur weitere Fragen aufwerfen, aber keine Antworten geben: Heute stellte sich heraus, dass die Behörden von New York noch knapp eine Woche vor den Angriffen in Brüssel den Niederlanden Erkenntnisse über die späteren Attentäter übergeben hatten. Nach Angaben des niederländischen Justizministers Ard van der Steuer ist schon damals der „radikale und terroristische“ Hintergrund der Bakraoui-Brüder hervorgehoben worden.

    Einen Tag später soll dies zwar bei Gesprächen zwischen niederländischen und belgischen Polizeidiensten zur Sprache gekommen sein, offensichtlich wurde diese Information aber wie stets ignoriert, obwohl Ibrahim el Bakraoui schon  seit dem 25. September 2015 auf einer Überwachungsliste des FBI-Zentrums für Terrorismus-Fahndung gestanden hat.

    Doch das ist nicht der erste Fall: Zuvor hatte schon die Türkei vor einigen Tagen den belgischen Behörden vorgeworfen, ihre Warnungen zu ignorieren. Wie der türkische Präsident Tayyip Erdogan vor einer Woche mitteilte, hatten die türkischen Behörden den Terroristen Ibrahim el-Bakraoui im Juni 2015 in der Provinz Gaziantep an der Grenze zu Syrien festgenommen und nach Belgien abgeschoben. Die belgischen Behörden hätten diesen Mann trotz der Warnung Ankaras, er habe mit ausländischen Terroristen zu tun, auf freiem Fuß gelassen, so Erdogan.

    Einige Medien mutmaßen, dass der Terrorist zwei Mal ausgewiesen wurde – das erste Mal in die Niederlande und das zweite Mal bereits nach Brüssel, wo er sich später in die Luft sprengte. 

    Dabei war Ibrahim El Bakraoui den Belgischen Behörden durchaus gut bekannt: 2010 wurde er in Belgien zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, ist jedoch vorzeitig freigekommen.

    Doch das scheint nicht das einzige Geschenk für Verschwörungstheoretiker zu sein, denn die belgischen Behörden scheinen weitaus mehr Informationen „versehentlich“ überhört zu haben: Am Samstag hatten Medien unter Berufung auf Polizeiberichte mitgeteilt, dass griechische Sicherheitskräfte bereits im Januar 2015 in zwei Athener Wohnungen Pläne entdeckt hätten, die auf den Terroranschlag auf dem Brüsseler  Flughafen von Brüssel  hindeuteten. Schon damals hätte Griechenland die belgischen Behörden darüber informiert. Später belegten DNA-Proben, dass sich dort der Drahtzieher der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud, aufgehalten hatte.

    Auch hier scheinen die belgischen Behörden keine Konsequenzen daraus gezogen zu haben. 

    Polizei und Feuerwehr am Anschlagsort in Brüssel
    © AFP 2017/ Hatim Kaghat / Belga

    Etwas später berichtete LifeNews unter Berufung auf eigene Quellen, dass sogar  russische Geheimdienste den belgischen Behörden Informationen über die Vorbereitung von Terroranschlägen durch drei Kämpfer der Terrormiliz Daesh (auch Islamischer Staat, IS) übergeben haben.

    Dabei scheinen die belgischen Behörden systematisch denselben Fehler wie ihre französischen Kollegen davor zu begehen: Im November wurde bekannt, dass die Türkei Frankreich noch ein Jahr vor dem Anschlag auf das Pariser Bataclan Theater vor der Gefahr gewarnt hatte, die von einem der Selbstmordattentäter ausging.

    Und auch damals reisten die Terroristen seelenruhig und ungehindert durch ganz Europa: So soll zum Beispiel Salah Abdeslam, der Attentäter von Paris, nach Angaben der Anwältin Carine Couquelet, die einen mutmaßlichen Fluchthelfer vertritt, auf seiner Flucht nach Brüssel möglicherweise eine Sprengstoffweste getragen haben, wobei er damit sogar drei Mal von der Polizei kontrolliert worden sei.

    Und erst nach 127 Tagen Flucht wurde er vor rund einer Woche am Freitagnachmittag in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek gefasst. Dabei teilte der Außenminister Didier Reynders mit, dass Abdeslam nach der Verhaftung gesagt habe, er sei bereit gewesen, „etwas in Brüssel zu tun“. Dies war die letzte Vorwarnung, die diesmal direkt von einem Terroristen geäußert wurde.

    Drei Tage später wurde die belgische Hauptstadt von Explosionen erschüttert. Vielleicht hätte man wohl doch etwas besser machen können, um dies zu verhindern?

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    Explosionen erschüttern Brüssel (137)
    Tags:
    Terror, Terroranschlag, Terrormiliz Daesh, Ibrahim el-Bakraoui, Koen Geens, Jan Jambon, Abdelhamid Abaaoud, Recep Tayyip Erdogan, Molenbeek, Brüssel, Belgien, Türkei, Griechenland, Frankreich, Russland