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14:54 19 September 2019
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    Bräuche und Rituale russischer Kosmonauten

    Mit Aberglauben zu den Sternen: Bräuche und Rituale russischer Kosmonauten

    CC BY 2.0 / Robert Couse-Baker / cosmonaut's camera 7
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    55 Jahre erster bemannter Weltraumflug (10)
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    Zu ihrem Flug nehmen die russischen Kosmonauten traditionsgemäß einen Wermutzweig mit. Die stark aromatische Pflanze erinnert die Besatzung noch lange Zeit an unseren Planeten. Und das ist nicht der einzige Brauch, den die russischen Raumfahrer auf ihrem Weg ins All beachten müssen, berichtet die Nachrichtenagentur „RIA Nowosti“.

    Kosmonauten und Raketenbauer hätten den Ruf, von allen Erdbewohnern am abergläubischsten zu sein, schreibt die Agentur. Den Anfang allen Aberglaubens habe der sowjetische Raumfahrtpionier, Sergei Koroljow, gelegt.     

    Unglückstage und schwarze Montage

    Der geniale sowjetische Wissenschaftler und Raketenkonstrukteur habe montags keine Raketenstarts zugelassen. Falls ein Weltraumflug zufällig auf einen Montag geplant worden sei, habe er den Termin verschieben lassen. Warum, bleibe bis heute ein Geheimnis.

    Die Verschiebung habe er häufig bei der obersten Sowjetführung durchsetzen müssen – nicht selten mit ernsthaften Streits und Konflikten. In den ersten drei Jahren der Weltraumära seien in der Sowjetunion letztendlich keine Raumschiffe montags gestartet. Die danach aufgenommenen Montagflüge hätten zu elf Unfällen geführt. Seit 1965 gelte Montag in der sowjetischen und inzwischen auch in der russischen Raumfahrt deshalb als Flugverbotstag.

    Auf dem Weltraumbahnhof Baikonur würden aber auch weitere „Unglückstage“ gelten. So werde ein Start nie auf den 24. Oktober gelegt. An diesem Tag fänden überhaupt keine Arbeiten an den Startrampen statt. Am 24. Oktober 1960 war auf der Startrampe in Baikonur die Trägerrakete MBR R-16 explodiert, dutzende Menschen fanden dabei den Tod. Genau drei Jahre später, am 24. Oktober 1963, war an derselben Stelle eine R-9A-Rakete in Flammen aufgegangen. Acht Menschen verbrannten.

    Glücksoperator

    Neben dem montäglichen Startverbot habe der sowjetische Weltraumpionier einen Glücksbringer gehabt: Hauptmann Smirnizki. Die Aufgabe des Startoperators sei es gewesen, den Startknopf zu drücken. Keine einzige Rakete sei ohne ihn abgehoben. Auch wenn dieser ein Ekzem gehabt habe, habe er den Knopf drücken müssen. Nach Koroljows Ansicht soll Smirnizki eine leichte Hand gehabt haben.

    Zudem habe der Chef-Konstrukteur es einem seiner Mitarbeiter verboten, beim Raketenstart anwesend zu sein. In dessen Anwesenheit sei mal ein Problem aufgetaucht und Koroljow habe penibel darauf geachtet, dass dieser den Starts fernbleibe.

    Autogramme

    Bis zum ersten Flug gebe es von den Kosmonauten gewöhnlich keine. Einige von ihnen würden aus Prinzip nicht mit schwarzer Tinte unterschreiben wollen. Die ganze Besatzung unterschreibe jedoch auf einer Flasche Wodka, die nach erfolgreicher Landung gleich vor Ort in der kasachischen Steppe ausgetrunken werde.

    Mit Vergnügen würden die Kosmonauten auf der Tür ihres Hotelzimmers unterschreiben, in dem sie vor dem Start übernachteten. Diese Autogramme zu übermalen oder abzuwaschen sei strikt verboten.

    Frau an Bord

    Man munkele, wegen Aberglaubens habe man Walentina Tereschkowa – die erste Frau im All – nicht fliegen lassen wollen. Alle hätten an den alten Seemannsaberglauben über eine Frau an Bord gedacht. Die Sowjetführung habe dem Aberglauben jedoch keine Beachtung geschenkt. Am Vortag der internationalen Frauenkonferenz in Moskau habe eine Frau ins All fliegen müssen.

    Haarige Angelegenheit…

    Schnurrbartträger seien im Weltall lange Zeit tabu gewesen, heißt es, denn bei einem Flug Wiktor Scholobows habe es technische Defekte gegeben, so dass die Mission vorzeitig abgebrochen werden musste.

    … und andere Kuriositäten

    Den Start einer Rakete würden Kosmonauten niemals als letzten bezeichnen. Der letzte Flug zur Raumstation „Mir“ etwa würde bei ihnen nur ein „abschließender“ heißen. Zudem würden sich die Kosmonauten niemals von den Begleitern verabschieden.

    Auf dem Kosmodrom Plessezk gebe es die Gewohnheit, vor jedem Start den Namen „Tanja“ auf die Rakete zu schreiben. Der Legende nach habe ein verliebter Offizier diesen Namen zum ersten Mal auf eine Rakete gekritzelt. Als der Glücksname einmal vergessen worden sei, sei die Rakete vor dem Start explodiert.

    Vor dem Start gucken Kosmonauten pflichtmäßig den sowjetischen Spielfilm „Die weiße Wüstensonne“.

    Für die Kosmonauten gehöre es auch dazu, auf das Rad des Busses zu pinkeln, der sie zur Startrampe fährt. Danach werde ihr Weltraumanzug fest verschlossen. Die letzte Gelegenheit, die Notdurft zu verrichten, biete sich danach erst wieder im Weltraum. Angeblich habe Juri Gagarin das Ritual eingeführt, welches sich bis heute hartnäckig halte. Andere sagten, Sergei Koroljow sei der Ur-Vater dieses Brauchs, der jede Rakete vor dem Start begossen habe.

    Zu guter Letzt bekämen die Kosmonauten von ihrem Chef einen freundschaftlichen Tritt in den Hintern.

    Seltsam, aber wahr: Mit der Zahl 13 ist bei russischen Kosmonauten und Raketenbauern kein Aberglaube verbunden. Nicht, dass jemand diese Zahl besonders mag. Auf Freitag, den 13., achte man einfach nicht, wird erzählt. Anders als die Kollegen von der NASA, die ja auch bereits Präzedenzfälle erlebt hätten: Die berühmte Apollo-13 sei am 11. April zum Mond gestartet und am 13. April sei ein Sauerstoffbehälter an Bord des Raumschiffs explodiert.

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