10:22 24 September 2017
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    Foto von Jo Cox und ihrem Ehemann vor der Residenz des Britischen Premiers

    Medien: Wird Jo Cox` Tod die Brexit-Abstimmung beeinflussen?

    © REUTERS/ Phil Noble
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    Die Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox hat bei Bürgern und Politikern Entsetzen hervorgerufen und Medien zur Suche nach historischen Vergleichen angeregt.

    Britische und EU-Politiker haben sich über den brutalen Mord an der 41-jährigen Labour-Abgeordneten erschüttert geäußert und ihren Familienangehörigen Beileid ausgesprochen.​

    Einige nichtbritische Politiker ließen es sich nicht nehmen, das EU-Engagement der verstorbenen Politikerin zu unterstreichen, die sich für den Verbleib ihres Landes in der EU und gegen die Ängste vor der eventuellen Migrationswelle eingesetzt hatte.

    ​Dabei reagierten einige Brexit-Befürworter verächtlich auf solche Tweets und warfen den EU-Politikern vor, den Tod von Cox instrumentalisiert zu haben, um  politische Anti-Brexit-Punkte zu erzielen.

    Zurzeit ist noch nicht klar, ob und wie Cox` Ermordung das Ergebnis der Brexit-Abstimmung beeinflussen wird. In diesem Zusammenhang erinnern sich Medien, unter anderem auch Sputnik International, an den ähnlichen Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh, die 2003 kurz vor dem Referendum Schwedens über den Einstieg in die Eurozone von dem 25-jährigen Mijailo Mijailović, einem Schweden serbischer Abstammung, mit einem Messer angegriffen und verletzt wurde. Einen Tag später starb sie an ihren Verletzungen. 

    Lindh, eine beliebte Politikerin, war im Wahlkampf als Hauptbefürworterin des Euro aufgetreten. Deshalb war ihr Gesicht auf den Reklametafeln überall in Schweden  zu sehen gewesen. Nach ihrem Tod wurde die Pro-Euro-Kampagne  faktisch eingestellt. Es wurde darüber spekuliert, ob Lindhs Popularität und das Mitgefühl die Abstimmung hätte beeinflussen können — dennoch  lehnte Schweden bei der Abstimmung mit 55,9 Prozent der Stimmen die gemeinsame Währung ab. 

    In Erinnerung an die Ereignisse in Schweden und angesichts des jüngsten Mordes an der britischen  Politikerin schreibt die Kolumnistin Annika Ström Melin der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter":

    „Nicht nur Schweden und das Vereinigte Königreich, sondern alle Länder, die ihre Bürger zu polarisierenden Referenden drängen, sollten jetzt lernen, was für  verworrene und dunkle Kräfte in Bewegung kommen können, wenn die Menschen denken, dass die Ehre und die Zukunft der Nation aufs Spiel gesetzt werden."

    Jedenfalls berichtete der Nachrichtensender n-tv, dass  der Kurs des britischen Pfund gegenüber dem US-Dollar nach dem  Mord an der Brexit-Gegnerin erstmals seit einigen Wochen angestiegen ist.

    Die Labour-Abgeordnete Jo  Cox wurde in der Nähe  einer Bibliothek im nordenglischen Birstall, Grafschaft West Yorkshire, wo sie zur Bürgersprechstunde gekommen war, von einem Unbekannten niedergeschossen und  niedergestochen. Die 41-jährige Politikerin wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht, wo sie einige Stunden später ihren Verletzungen erlag.

    Der Tatverdächtige, der 52-jährige  Thomas Mair, wurde von der Polizei kurz nach dem Attentat festgenommen. Laut Augenzeugen sollte er bei dem Angriff und bei der Festnahme „Britain first!" („Großbritannien über alles!") gerufen haben, was auch der Name einer rechtextremen islamfeindlichen britischen Partei  ist. Die Partei hat aber alle Vorwürfe über einen Zusammenhang zurückgewiesen und die Tat verurteilt. Das Motiv des Verbrechens ist bislang nicht geklärt.

    Obwohl der Bruder des Tatverdächtigen Mair ihn als „nicht gewalttätig und unpolitisch" bezeichnete, hat  der Täter einen  deutlichen rechtsextremen Hintergrund: Er hatte die rassistische Zeitschrift  "SA Patriot" abonniert und für die US-amerikanische Neonazi-Organisation National Alliance jahrzehntelang gespendet. Außerdem erwähnte  der Bruder des mutmaßlichen Täters, Mair habe „eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen" gehabt.

    Die Brexit-Gegnerin Cox galt als Hoffnungsträgerin ihrer Partei, für die sie seit einem Jahr im Parlament saß. Im Zusammenhang mit ihrem Tod haben der britische Premier David Cameron und sein  Gegner im Brexit-Wahlkampf, der Labour-Parteivorsitzende Jeremy Corbyn, ihre Wahlkampf-Aktivitäten für zwei  Tage  eingestellt.

    Jo Cox war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder.

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    Tags:
    Abgeordnete, Mord, Brexit, EU, Großbritannien
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